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ÜBERGRIFFE: Männer müssen ihr Verhalten ändern

Harvey Weinstein, Kevin Spacey, James Levine – weltweit fallen fast im Wochenrhythmus berühmte Persönlichkeiten wegen sexueller Belästigung oder Vergewaltigung. Doch wo bleibt der Aufschrei in der Schweiz?
Julia Nehmiz
March Supporting Sexual Assault Victims Held In Los Angeles (Bild: David McNew / Getty)

March Supporting Sexual Assault Victims Held In Los Angeles (Bild: David McNew / Getty)

Julia Nehmiz

«Me Too?» In der Schweiz bleibt es erstaunlich ruhig. Fast bekommt man den Eindruck, «Me Too», das seien die anderen, das gebe es in der Schweiz nicht. Und wenn, dann nur in kleinem, überschaubarem Rahmen.

«Nein», sagt Andrea Maihofer. Die Professorin für Geschlechterforschung und Leiterin des Zentrums Gender Studies der Universität Basel befasst sich seit gut 30 Jahren mit dem Thema und sie sagt: «Die aktuelle Debatte ist wichtig.» Sexuelle Gewalt im öffentlichen Raum, im beruflichen Kontext sei immer wieder thematisiert worden. Doch man merke an den unzähligen Beispielen, die nun von Frauen weltweit genannt werden, dass die Bemühungen bislang nicht viel genutzt hätten. «Es zeigt sich, dass sexuelle Belästigung eine alltägliche Erfahrung ist, das macht es dramatisch.» Diese Art Erfahrung schüchtere Frauen ein, schränke sie in ihrer Bewegungsfreiheit ein, erniedrige oder traumatisiere sie. «Durch sexuelle Belästigung wird Frauen immer wieder bewusst gemacht: Männer verstehen Frauen als verfügbare Objekte oder als Personen, die sie ­erniedrigen können.» Deshalb sei die Debatte so wichtig.

Kultur öffentlicher Kritik ist in den USA viel ausgeprägter

Doch warum werden in der Schweiz keine Personen genannt? Darüber lasse sich nur spekulieren, sagt Andrea Maihofer. «Vielleicht hat es ein wenig damit zu tun, dass die Kultur öffentlicher Kritik in den USA oder in Frankreich viel ausgeprägter ist als in der Schweiz.» Hier herrsche so etwas wie ein Kritiktabu. Es sei schwer, den gesellschaftlichen Konsens zu durchbrechen. Und in den USA spiele eine grosse Rolle, dass viele aktuell aufgrund der Wahl Donald Trumps demonstrierten, der genau dieses Thema repräsentiere. Tausende nahmen am Womens March teil. In der Schweiz sei es vielleicht gar nicht nötig, seinen Unmut so zu äussern. Doch Maihofer begrüsst, was im Rahmen der Politik passiert, was diskutiert, berichtet wird. «Quer durch alle Parteien solidarisieren sich Frauen, wehren sich.» Gerade Politikerinnen hätten eine Vorbildfunktion, ihre Reaktionen seien wichtig.

Mit CVP-Nationalrat Yannick Buttet ist in der Schweiz die erste öffentliche Person ins Kreuzfeuer geraten. Es sei denkbar, dass die Debatte hierzulande nun starte, sagt Michèle Binswanger. Die Zürcher Journalistin hatte mit dem Aufkommen der «Me Too»-Diskussion auf Twitter aufgerufen, dass sich Betroffene bei ihr melden sollten. Rund 20 Frauen haben Binswanger von sexuellen Belästigungen berichtet. Das Problem für die Journalistin: Sie wollten sich nur anonym äussern. «Die Betroffenen scheuen sich, sich zu exponieren.» Und sie schrecken davor zurück, den Täter mit den Vorwürfen zu konfrontieren, wollen sich keinem Ärger aussetzen, den sie befürchten.

Nicht zu Unrecht, denn die Debatte nimmt manchmal verquere Züge an. So wurde die SVP-Politikerin Céline Amaudruz diffamiert, als sie jüngst sagte, sie traue sich mit gewissen Parlamentariern nicht mehr in den Lift. Oder die Grünen-Politikerin Aline Trede; als die alt Nationalrätin vor einigen Jahren öffentlich machte, dass ihr der damalige Berner Stadtpräsident während eines beruflichen Abendessens die Hand aufs Knie gelegt hatte, blies ihr ein heftiger Wind entgegen: Sie wolle sich wichtig machen, wolle in der Öffentlichkeit stehen.

Keine Bedrohung, sondern eine Chance

Auch die meisten Kommentare in öffentlichen Foren schlagen in diese Kerbe. Da heisst es, Frauen sollten sich nicht so anstellen, sie seien selber schuld oder wollten sich wichtig machen. 80 bis 90 Prozent der Kommentarschreiber seien Männer, sagt Andrea Maihofer. Ein bestimmter Typ Mann freue sich nicht über die zunehmende Präsenz von Frauen im öffentlichen Raum, in der Arbeitswelt, in der Politik. «In Ländern wie der Schweiz haben Frauen heute sehr viele formale Rechte.» Doch zur Verwirklichung tatsächlicher Gleichberechtigung gehöre mehr. Klar müssten sich gewisse Strukturen verändern, sagt Maihofer. Doch vor allem müssten sich männliche Verhaltensweisen ändern. Jeder Mann müsse sich Gedanken über sein Verhalten Frauen gegenüber machen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

«Wir wären schon einen grossen Schritt weiter in der Gleichberechtigung, wenn mehr Männer die Einsicht hätten, dass dies keine Bedrohung, sondern eine Chance ist», sagt Maihofer. Praktisch jeder Mann wisse genau, worin der Unterschied zwischen einer gelungenen Anerkennung und sexueller Belästigung besteht. Es gehe einfach darum, sich anderen Menschen gegenüber gleichberechtigt zu verhalten, sie nicht zu erniedrigen. Und sich zu entschuldigen, wenn man einen Fehler begangen hat.

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