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20 Jahre nach dem Canyoning-Drama im Saxet Bach sagt eine Überlebende: «Ich hatte eine Vorahnung»

Die Australierin Tiffany Johnson reiste im Alter von 21 Jahren in die Schweiz, um ein Abenteuer zu erleben. Stattdessen wäre sie beinahe ertrunken. Als eine der Überlebenden des Canyoning-Unglücks im Saxet-Bach kehrt sie nach zwanzig Jahren zurück an den Ort des Geschehens. Mit einer Botschaft.
Pascal Ritter
Tiffany Johnson hat ihr Lachen wiedergefunden. Am 25. Juni traf sie die Redaktion von CH Media in einem Hotel in Zürich. (Bild: Sandra Ardizzone)

Tiffany Johnson hat ihr Lachen wiedergefunden. Am 25. Juni traf sie die Redaktion von CH Media in einem Hotel in Zürich. (Bild: Sandra Ardizzone)

Es ist die schwierigste Rückkehr ihres Lebens. Vor 20 Jahren ist die Australierin Tiffany Johnson beinahe im Saxetbach im Berner Oberland ertrunken. Sie ist eine der Überlebenden des Canyoning-Unglücks vom 27. Juli 1999. Damals starben auf einer geführten Tour durch das Bachbett der Saxet oberhalb von Interlaken 19 Teilnehmer und zwei Guides.

Als die heute 41-jährige Johnson am Mittwoch vom Flugzeug aus die Alpen zum ersten Mal wiedersah, liefen ihr die Tränen runter. Jetzt sitzt sie in der Lobby eines Hotels in Zürich und erzählt ihre Geschichte. Sie handelt von einer 21-jährigen Australierin, die 1999 auf der Suche nach sich selbst nach Europa kam und sich auf einem Horrortrip wiederfand.

Der Himmel war dunkel und es donnerte

Johnson spürt das Wetter. Ihr Haare sträuben sich, wenn Regen naht. Am Nachmittag des 27. Juli 1999 türmten sich ihre blonden Locken zu einem Wuschelkopf. Es war nicht das einzige Zeichen, sagt sie heute. Ihre Reisegruppe bestehend zu einem grossen Teil aus jungen Leuten aus Australien und Neuseeland auf einer Reise durch Europa, machte sich bereit für ein Abenteuer. Sie zogen sich Neoprenanzüge und Schwimmwesten über und setzten Helme auf.

Eine Reisebekanntschaft von Johnson klebte sich ein Pflaster über ihren Ehering. «Warum tust du das?», fragte jemand. «Was immer auch passiert, ich will ihn auf keinen Fall verlieren», antwortete die Freundin. Bis heute fehlt von ihr und ihrem Ehering jede Spur. Sie ist das einzige Opfer der Katastrophe, das nie gefunden worden ist.

Die vier Gruppen aus je einem Dutzend Teilnehmern werden zur Einstiegsstelle oberhalb von Wilderswil gefahren. «Der Himmel war dunkel, als wäre es Nacht», erinnert sie sich. «Und in der Ferne hörten wir Donnergrollen.» Beim Canyoning geht es darum, ein Bachbett entlang zu klettern, Hindernisse per Abseilen oder durch Sprünge zu überwinden. Der Saxetbach oberhalb von Interlaken gilt als einfache Strecke, weil es viele Ausstiegsstellen gibt.

«Jetzt oder nie», denkt sie sich und springt. Als sie ins Wasser eintaucht, erfasst sie die stärker gewordene Strömung.

Jetzt nieselt es. Johnson springt ins Wasser. Sie watet und klettert mit ihrer Gruppe den Saxetbach hinunter. Als sie auf halber Strecke ist, färbt sich das Wasser braun und steigt plötzlich an. Tiffanys Gruppe befindet sich nun auf dem Teil des Bachbetts, der keinen Ausstieg hat. Voran geht es nur abwärts. Als es darum geht, mit einem Sprung ins Wasser einen weiteren Wasserfall zu überwinden, mahnen die Führer der Firma Adventure World zur Eile. «Jetzt oder nie», denkt sie sich und springt. Als sie ins Wasser eintaucht, erfasst sie die stärker gewordene Strömung. Ein Tour-Führer versucht noch, sie an der Hand zu fassen, kann sie aber nicht festhalten.

Retter suchen am Tag nach der Katastrophe im Saxet-Bach nach Überlebenden. (KEY/Alessandro della Valle)

Retter suchen am Tag nach der Katastrophe im Saxet-Bach nach Überlebenden. (KEY/Alessandro della Valle)

Heute weiss man, dass die Strömung anschwoll, weil sich weiter oben ein Gewitter entladen hatte. Wie in einem Trichter floss sehr viel Wasser, das in kurzer Zeit vom Himmel gefallen war, im Bachbett der Saxet zusammen und liess ihn zu einem reissenden Strom anschwellen.
Das Wasser riss Steine und Treibholz mit sich. Später heisst es, die Tourenführer seien von der lokalen Bevölkerung gewarnt worden, wegen des Gewitters nicht ins Bachbett zu steigen.

Unter Wasser erinnert sie sich an einen Rat ihres Vaters

Johnson wird unter Wasser gedrückt und muss für einen Moment an ihre Heimat denken. In der ländlichen Gegend in Australien, wo sie aufgewachsen ist, sind Sturzfluten häufig. «Wehr dich nicht gegen die Strömung», hatte ihr der Vater eingeschärft. Also liess sie sich in der Mischung aus Wasser, Geröll und Holz treiben und tauchte nur auf, um nach Luft zu schnappen.

Ein Baumstamm trifft sie und drückt sie gegen einen Stein. Als sie aufblickt, sieht sie die leblosen Körper ihrer Freunde auf dem Wasser treiben. Es war der Moment, in dem sie realisierte, dass aus ihrer Rundreise, die sie gebucht hatte, um sich selbst zu finden, ein Horrortrip geworden war. Nach Europa gekommen war sie aus der Lust auf Neues, aber auch wegen einer Beziehung zu einem Engländer, den sie ihn Australien getroffen hatte. Als die Liebe zerbricht, meldet sich Johnson zu einer Tour d’Europe an und reist zusammen mit Landsleuten und anderen Rucksacktouristen nach Paris, Barcelona und schliesslich auch ins Berner Oberland. Canyoning in der Schweiz ist damals unter abenteuerlustigen Reisenden angesagt.

Tiffany Johnson hatte im Alter von 21 Jahren auf dem Jungfraujoch zum ersten Mal Schnee in der Hand. Tags darauf geschah das Unglück. (Bild: Privatarchiv Johnson)

Tiffany Johnson hatte im Alter von 21 Jahren auf dem Jungfraujoch zum ersten Mal Schnee in der Hand. Tags darauf geschah das Unglück. (Bild: Privatarchiv Johnson)

«Ich dachte, das war es jetzt, und begann zu beten»

Und so landete sie im Saxetbach oberhalb von Interlaken an einen Baumstamm geklammert. Sie lässt schliesslich los. «Ich dachte, das war es jetzt, und begann zu beten», erinnert sie sich. Sie wird weiter mitgerissen, bis sie schliesslich am Fusse eines Wasserfalls in eine kleine Nische mit ruhigem Wasser gerät, wo sie von einem Tour-Guide aus dem Wasser gezogen wird. Zusammen mit weiteren Überlebenden kämpft sie sich einen Hang hoch. Oben an der Strasse hilft ihr ein Tourenführer über einen Hag. Es ist der gleiche, der sie nach dem Sprung über den Wasserfall nicht festhalten konnte.

Seither hat sie ihn nie wieder gesehen. Am Samstag könnte es so weit sein. Denn unweit des Unglücksortes am Gedenkstein für die 21 Todesopfer aus Australien, Neuseeland, England, Südafrika und der Schweiz, findet eine Gedenkfeier statt. Für Johnson sind die Rückkehr und die Zeremonie ein wichtiger Schritt, um das Erlebte zu verarbeiten.

Ein Gedenkstein erinnert an der Tragödie. (Keystone)

Ein Gedenkstein erinnert an der Tragödie. (Keystone)

Trotz allem bereut sie nicht

Ein anderer ist das Schreiben. Eben veröffentlichte sie ein Buch, in dem sie ihre fatale Europareise verarbeitet hat. Es ist eine Mischung aus Ratgeber und Reisebericht zu einem Trip, der die damals 21-Jährige schliesslich mit gebrochenen Rippen und Knochen und mit einem Trauma nach Australien zurückkehren lässt. Immer wieder klingt im Buch die Botschaft an, man solle auf seine innere Stimme hören. Als Fehler sieht sie es heute, Warnzeichen ignoriert zu haben. Nicht nur die Wettervorahnung oder die Sache mit dem Ehering. Bereits als sie in Australien ins Flugzeug stieg, hatte sie ein ungutes Gefühl, sagt sie heute.

Trotz allem mag sie nicht bereuen, damals in die Schweiz gereist zu sein. «Man muss nach vorne schauen», sagt sie, die bis heute mit den körperlichen Folgen der Katastrophe lebt. Der Crash mit dem Baumstamm zerstörte ihre Bauchspeicheldrüse. Sie muss ihrem Körper künstlich Insulin zufügen. Eine weniger schmerzvolle Erinnerung ist ein Steinchen aus dem Bachbett der Saxet, das sich für immer unter die Haut ihres linken Handgelenkes geschoben hat.

«Ich würde meinen Kindern nie Canyoning erlauben»

Etwas Bitterkeit legt sich auf Johnsons Lächeln, wenn man sie auf die Gerichtsurteile gegen die damals Verantwortlichen anspricht. Im Dezember 2001 waren die Chefs des Veranstalters wegen fahrlässiger Tötung zu bedingten Gefängnisstrafen zwischen drei und fünf Monaten und Bussen von zwischen 4000 und 7500 Franken verurteilt worden. Dieses Urteil ist für Johnson zu mild. «Die paar tausend Franken, die sie bezahlen mussten, sind nichts im Vergleich mit dem Verlust, den die 21 Familien der Opfer erlitten.»

Die «minimale» Entschädigung, die sie bekam und deren Höhe sie «aus rechtlichen Gründen» nicht offenlegen möchte, sei zudem bedeutungslos im Vergleich mit den Kosten, die sie für ärztliche und psychologische Betreuung ausgab. Sie geht davon aus, dass sie in den letzten 20 Jahren umgerechnet über 400 000 Franken ausgegeben hat. Johnson hatte damals nicht an der Gerichtsverhandlung teilgenommen.

Tiffany Johnson hat ihre Erlebnisse in einem Buch niedergeschrieben. Es heisst «Brave enough now».

Tiffany Johnson hat ihre Erlebnisse in einem Buch niedergeschrieben. Es heisst «Brave enough now».

Ihren Kindern Bethany, 14, und Cameron, 11, würde sie nie erlauben, Canyoning zu machen, sagt sie. Jungen Menschen will sie aber nicht generell vom Risikosport abraten. Sie sagt nur: «Hört auf euer Bauchgefühl und traut euch, einen Rückzieher zu machen, wenn ihr euch unwohl fühlt.»

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