UMWELT: «Der Klimaschutz verschafft uns Vorteile»

«Es ist falsch zu denken, «ui!», der Klimaschutz kostet uns viel Geld», sagt Renat Heuberger. Er zeigt auf, wie die Schweiz mit dem Umweltschutz Profit erzielen kann.

Interview Dominik Buholzer Interview Dominik Buholzer
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Ein Gewitter entlädt sich über einem Windpark im Osten von Deutschland. (Bild: AP/Patrick Pleul)

Ein Gewitter entlädt sich über einem Windpark im Osten von Deutschland. (Bild: AP/Patrick Pleul)

Der Klimawandel treibt ihn an: Renat Heuberger (36) ist Geschäftsführer von South Pole Carbon, dem weltweit führenden Entwickler von Klimaschutzmassnahmen. South Pole Carbon wurde 2006 gegründet und ist ursprünglich ein Spin-off der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH). Heute führt das Unternehmen 12 Büros rund um den Globus, zählt über 100 Mitarbeiter und betreut über 200 Klimaschutzprojekte.

Renat Heuberger, womit sind Sie heute zur Arbeit gefahren?

Renat Heuberger: Mit dem Velo.

Dann haben Sie ja was für den Umweltschutz getan. Aber wie sieht Ihre CO2-Bilanz aus?

Heuberger (lacht): Ich habe gewusst, dass die Frage kommt. Im Ernst: Meine CO2-Bilanz sieht gut aus, aber mein Schwachpunkt sind die Flugreisen. Wir sind eine internationale Firma, und da lassen sich diese nicht immer vermeiden. Auch wenn wir versuchen, so viele Konferenzen wie möglich per Video abzuhalten. Flüge sind dermassen schädlich fürs Klima, das schlägt schnell zu Buche.

Seit einer Woche liegt der fünfte Bericht des Weltklimarates vor. Fazit: Der Klimawandel ist mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent vom Menschen verursacht, die Meeresspiegel werden noch stärker ansteigen als befürchtet. Das sind nicht gerade ermutigende Ergebnisse.

Heuberger: Die Prognosen sind alarmierend. So zeigt der Bericht unter anderem auch, dass die Gletscherschmelze selbst dann noch einige Zeit weitergehen wird, wenn wir ab sofort alle Umweltziele erfüllen. Aber was ebenso zum Ausdruck kommt: Es ist noch nicht zu spät. Wir dürfen nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern müssen endlich den Klimaschutz als Chance erkennen.

Inwiefern?

Heuberger: In der Zentralschweiz gibt es beispielsweise viele Industriefirmen, die für den Weltmarkt produzieren. Sie tun dies mit Maschinen, die teurer, aber besser sind als jene der Konkurrenz aus dem Ausland und erst noch weniger Strom verbrauchen. Dem Wirtschaftsstandort Schweiz bringt dies heute aber noch zu wenige Vorteile, denn es spielt kaum eine Rolle, ob jemand umweltfreundlich produziert oder nicht.

Soll sich die Schweiz noch stärker auf internationaler Ebene für strengere Umweltauflagen stark machen, um damit Wettbewerbsvorteile zu erzielen?

Heuberger: Ja. Was nützt es uns, wenn wir tolle, umweltfreundlichere Maschinen haben, aber uns die Konkurrenz mit ihren Dreckschleudern aus dem Markt drängt? Wir müssen ein grösstes Interesse daran haben, unsere technischen Vorteile besser auszunutzen. Der Klimaschutz verschafft uns Vorteile. Der Bundesrat ist gefordert.

Tut die Schweiz in Ihren Augen heute zu wenig dafür?

Heuberger: Ja, das ist so. Mir ist allerdings nicht klar, weshalb. Ich habe vor einem Jahr an einem Frühstück mit bürgerlichen Parlamentariern teilgenommen. Reihum erntete ich Zustimmung – auch bei den Vertretern der SVP. Es ist falsch zu denken, ui! der Klimaschutz kostet uns viel Geld. Nichtstun kommt uns viel teurer zu stehen.

Sind wir zu bequem?

Heuberger: Sie dürfen den Faktor Mensch nicht unterschätzen. Positive Veränderungen gibt es sehr wohl.

Haben Sie ein Beispiel?

Heuberger: Seit einiger Zeit ist es wieder total im Trend, mit dem Velo zur Arbeit zu fahren. Selbst Banker tauschen ihren dicken Schlitten gegen ein teures Rad ein. Es gibt nichts Spannenderes, als solch einen Trend hinzukriegen.

Und das wollen Sie mit dem Umweltschutz erreichen?

Heuberger: Die Untätigkeit der Politik beflügelt uns, und macht es für unsere Kunden umso spannender.

Weshalb?

Heuberger: Es ist doch viel schöner, wenn Sie als Unternehmen sagen können, dass Sie zu den Pionieren zählen.

Das zieht wirklich? Das glaube ich nicht.

Heuberger: Auf jeden Fall zieht das. Denn es gibt nichts Spannenderes für ein Unternehmen, als bei gleicher Leistung und gleicher Lebensqualität weniger Geld auszugeben. Genau darum geht es beim Klimaschutz.

Wie kann man dies erreichen?

Heuberger: Wir gehen beispielsweise mit den Firmen ihre Produktionskette durch und schauen, wo wir den Hebel ansetzen können. Ideal ist es, wenn dadurch der Wert einer Marke gesteigert wird. Coop beispielsweise importiert einen Grossteil seiner Rosen aus Kenia. Jetzt investiert der Detailhändler in die Lebensqualität der Bäuerinnen in Kenia durch effiziente Kochherde. Dies bekräftigt das gute Image von Coop – zu Recht, wie ich finde.

Wie wollen Sie erreichen, dass sich auch die Privatpersonen wieder mehr für den Klimaschutz interessieren?

Heuberger: Das grosse Problem ist doch, dass Klimaschutz etwas sehr Abstraktes ist. Wenn Sie einen dreckigen Fluss säubern, sehen Sie schnell die Fortschritte. Bei der CO2-Reduktion funktioniert dies nicht. Es braucht also mehr Informationen für die Kunden. Wir sind daran, einen Vergleichsdienst für Stromprodukte einzurichten.

Wie muss ich mir dies vorstellen?

Heuberger: Analog zu den Portalen, auf denen Sie heute Krankenkassenprämien oder Handytarife vergleichen können, bauen wir eine Website auf im Bereich Stromprodukte. Konsumenten erhalten dort einen Überblick über die verschiedenen Stromtarife und erfahren gleichzeitig, welches Unternehmen wirklich umweltfreundliche Energie liefert.

Was ist wirklich umweltfreundliche Energie?

Heuberger: Das ist erneuerbare Energie aus Kraftwerken, welche die Umwelt nicht belasten – und welche neu zugebaut worden sind. Wenn ich schon eine Prämie für Grünstrom bezahle, so will ich damit neue Kraftwerke fördern und nicht etwa den Strom aus längst abgeschriebenen grossen Wasserkraftwerken kaufen.

Wie soll das funktionieren? Privatkunden haben keine Wahl beim Stromanbieter.

Heuberger: Vorerst funktioniert das nur für Grosskunden – wobei auch KMU bereits dazu gehören. In den kommenden Jahren werden auch Privatkunden den Anbieter frei wählen können, so wie das in fast ganz Europa bereits der Fall ist.

Wann soll der neue Dienst in Kraft treten?

Heuberger: Wir sind zuversichtlich, dass wir mit www.mynewenergy.ch im ersten Quartal des kommenden Jahres online gehen können.