UMWELT: Dreckschleudern früher erkennen

Der Bund prüft die Einführung eines Systems, mit dem die Abgaswerte bei vorbeifahrenden Autos im Strassenverkehr gemessen werden können. Die Hoffnung ist, so einen zweiten VW-Skandal verhindern zu können.

Michel Burtscher
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Unter Realbedingungen fallen Abgaswerte teilweise höher aus als auf dem Prüfstand. (Bild: Gaetan Bally/Keystone)

Unter Realbedingungen fallen Abgaswerte teilweise höher aus als auf dem Prüfstand. (Bild: Gaetan Bally/Keystone)

Michel Burtscher

Noch immer macht der VW-Skandal regelmässig Schlagzeilen. 2015 musste der deutsche Autohersteller zugeben, bei seinen Dieselautos die Abgasmessungen auf dem Prüfstand systematisch manipuliert zu haben. Die Affäre hat das Vertrauen der Konsumenten in die Autobranche erschüttert – und auch beim Bund ist man kritischer geworden. Dieser unterstützt nun eine internationale Studie, mit der untersucht werden soll, wie tauglich Abgasmessungen mit einem sogenannten «Remote Sensing Device» (RSD) sind. Damit können die Schadstoffe im Abgas von vorbeifahrenden Autos im Strassenverkehr gemessen werden. Dabei wird ein Lichtstrahl durch die Abgaswolke geleitet. Aus dessen Abschwächung lassen sich dann Aussagen zur Konzentration verschiedener Schadstoffe machen.

Mit diesem System sollen künftig – so zumindest die Hoffnung – Automodelle mit verdächtig hohen Emissionen frühzeitig erkannt werden. Koordiniert wird die Studie von einem schwedischen Umweltforschungsinstitut, beteiligt sind auch Forscher aus Grossbritannien, Spanien und den USA. Die Schweiz unterstützt das Vorhaben mit 100000 Franken, wie Harald Jenk, stellvertretender Leiter der Sektion Verkehr beim Bundesamt für Umwelt (Bafu), bestätigt. Die Studie geht der Frage nach, wie genau diese RSD-Messungen sind und ob sie sich tatsächlich dazu eignen, Abgassünder zu erkennen. «Das System hätte den Vorteil, dass man viele Autos effizient und kostengünstig überprüfen könnte», sagt Jenk.

Nicht die erste Studie zu diesem Thema

In der Schweiz werden laut dem Bundesamt für Strassen (Astra) heute rund 98 Prozent der neuen Autos aufgrund einer europäischen Gesamtgenehmigung zugelassen. Die geltenden Vorschriften sehen jedoch keine Grenzwerte für Messungen auf der Strasse vor. Das wird sich bald ändern: Ab Herbst gelten neue und schärfere, weltweit harmonisierte Messverfahren. Ergänzt werden diese laut dem Astra durch Messungen, welche die Fahrt im Alltagsverkehr realistischer abbilden sollen. Das sei ohne Frage ein Fortschritt, so Harald Jenk vom Bafu. Trotzdem könne sich eine nachträgliche und unabhängige Überprüfung mit einem RSD-Messsystem als nützlich erweisen, sagt er: «Die Erfahrung hat uns gezeigt, dass man den Autoherstellern nicht immer trauen kann.»

Der Bund befasst sich nicht zum ersten Mal mit diesem Thema. Bereits 2014 gab er dazu bei der Empa eine Studie in Auftrag. «Damals waren wir noch ganz am Anfang. Es ging darum herauszufinden, ob das Messsystem technisch zuverlässig ist und wo Probleme sein könnten», sagt Jenk. Die Untersuchung habe gezeigt, dass es grundsätzlich funktioniere, nicht aber, ob man aus der grossen Masse auffällige Autos und damit Modelle herausfiltern könne. Während der Bund die Abgasmessung bei fahrenden Autos nun erst prüft, hat der Kanton Zürich dieses System schon vor Jahren eingeführt – und damit gute Erfahrungen gemacht.

Bereits im Jahr 1997 haben die Lufthygieniker das RSD-Messsystem angeschafft. Der Kanton war und ist ein Vorreiter und hat heute die längste Messreihe der Welt, die auch von internationalen Forschern wahrgenommen wird. Über eine halbe Million Fahrzeuge wurden bisher geprüft. «Das System hat sich bewährt», sagt Gian-Marco Alt vom Zürcher Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft. Der Kanton führt während der Sommermonate jedes Jahr an rund 20 Tagen Messungen zwischen Zürich und Dübendorf durch. Einzige Voraussetzung: Das Wetter muss einigermassen mitspielen, bei Regen wird das System ungenau.

Die Ergebnisse der internationalen Studie werden im Sommer erwartet. Dann wird sich weisen, ob der Bund tatsächlich in ein RSD-Messsystem investiert. Falls die Ergebnisse zeigen, dass sich die Messungen für die Feldüberwachung eignen, will das Bundesamt für Strassen «mit den betroffenen und interessierten Stellen dessen Verwendung vertieft prüfen». Der VW-Skandal habe grundsätzlich dazu geführt, dass die Bereitschaft zu Investitionen in diesem Bereich grösser geworden sei, sagt Jenk.