UMWELTSCHUTZ: Bäche und Flüsse sollen wieder gesunden

Durch Pflanzenschutzmittel, Schwermetalle und Biozide belastete Gewässer sind Folge einer intensiven Landwirtschaft. Ein Projekt im Kanton Bern will Gegensteuer geben.

Richard Clavadetscher
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Schmutziges Wasser in der Grossen Schliere in Nidwalden. (Bild: Markus von Rotz)

Schmutziges Wasser in der Grossen Schliere in Nidwalden. (Bild: Markus von Rotz)

In der Schweiz werden zu oft zu viele Pestizide eingesetzt. Rund 2000 Tonnen sind es pro Jahr. Diese Wirkstoffe kommen hauptsächlich in der Landwirtschaft zur Anwendung – doch nicht nur. Auch im Siedlungs- und Verkehrsbereich werden sie verwendet. Folge davon sind belastete Gewässer sowie gefährdetes Grundwasser. Dies selbst bei korrekter Anwendung. Dass hier ein Problem besteht, ist laut David Brugger, beim Schweizer Bauernverband für den Pflanzenbau zuständig, «inzwischen auch in der Landwirtschaft Allgemeingut».

Was also kann die Landwirtschaft tun, um die Belastung der Gewässer und ganz allgemein der Umwelt mindestens zu verringern? Ein eben gestartetes umfassendes Pflanzenschutzprojekt im Kanton Bern will hier konkrete Antworten liefern. Das sei schon deshalb sinnvoll, weil laut Brugger «auf diesem Gebiet nach wie vor viel Halbwissen vorhanden ist». Insbesondere wisse man zurzeit noch nicht, welche Produkte auf welchen hauptsächlichen Eintragspfaden in die Umwelt gelangten. Da gebe es fast so viele Ansichten wie Studien.

Das Berner Projekt soll mithilfe eines aufwendigen Monitorings jetzt belastbare Antworten liefern. Initiiert worden ist es vom kantonalen Landwirtschaftsamt zusammen mit dem Bauernverband des Kantons. Den Grossteil der Kosten von rund 60 Millionen Franken trägt der Bund.

Massnahmen auf Wirksamkeit hin testen

Umfassend ist das auf sechs Jahre angelegte Projekt deshalb, weil es ansetzt, wo die Belastung der Umwelt ihren Ursprung hat: beim Befüllen oder Reinigen von Spritzgerät, bei der sogenannten Abdrift (Windverwehung) von Spritzmitteln, bei der Ab- und Ausschwemmung dieser Stoffe sowie auf drainierten Feldern.

Es gibt etliche mögliche Massnahmen, um etwa die Gewässer von solchen Giftstoffen zu entlasten. Im technischen Bereich sind es zum Beispiel «Antidriftdüsen», die das Verwehen von Spritzmitteln minimieren. Weiter können unter anderem Wiesenstreifen am Feldrand verhindern, dass solche Mittel an unerwünschte Orte gelangen.

Am wirkungsvollsten aber ist natürlich die Reduktion dieser Stoffe oder gar deren vollständiger Ersatz durch unbedenkliche Massnahmen. Immerhin be­sagen seröse Studien, in der Schweizer Landwirtschaft könne der Pestizideinsatz um die Hälfte reduziert werden – ohne Ertragseinbussen.

All dies wird im Berner Projekt in den nächsten sechs Jahren nun auf Tauglichkeit und Kombinierbarkeit in der Praxis erprobt, wobei Ziel ist, dadurch keine oder lediglich geringe Ertragseinbussen zu erleiden. Man wolle mit dem Projekt schlicht «lernen, was wirklich funktioniert», sagt Samuel Vogel, beim Bundesamt für Landwirtschaft für Agrarumweltsysteme und Nährstoffe zuständig.

Wie es scheint, sind die Berner Bauern interessiert, am Programm teilzunehmen. Von den um die 10000 Betrieben im Kanton haben sich im letzten Herbst rund 3000 dafür interessiert. Gemäss Michel Gygax vom Berner Landwirtschaftsamt läuft die Anmeldefrist für die konkrete Teilnahme noch bis Ende Februar.

Bedenkt man, dass das Projekt nur Landwirte anspricht, die im topografisch vielfältigen Kanton Bern Ackerbau betreiben, sind 3000 Interessenten ein guter Wert. Man wolle als Branche eben «proaktiv handeln und nicht erst auf entsprechende Gesetze warten», sagt dazu Andreas Wyss, Geschäftsführer des Berner Bauernverbandes. Auch Samuel Vogel hat lobende Worte: Er habe Freude am Echo; es weise darauf hin, dass bei den Bauern hier ein Problembewusstsein bestehe.

Abseits allen Problembewusstseins dürfte sicher motivierend wirken, dass der Bund zurzeit den Aktionsplan zur nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln in Vernehmlassung hat. Mit ihm werden so oder so Restriktionen im Bereich umweltbelastende Stoffe auf die Bauern zukommen. Da kann es sicher nicht schaden, sich schon mal an der Evaluation künftiger Produktionsmethoden zu beteiligen – zumal bei Ernteausfällen (Teil-)Entschädigung durch den Bund zugesichert wird.

Richard Clavadetscher