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UMWELTSCHUTZ: Das Wasser soll sauberer werden

In der Landwirtschaft werden jährlich über 2000 Tonnen Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Ein Teil davon gelangt ins Grundwasser oder in die Flüsse und Bäche. Nun will der Bund die Grenzwerte für Pestizide anpassen – und erntet Kritik.
Andrea Tedeschi
Der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft ist umstritten. (Bild: Nana do Carmo (Wigoltingen, 11. Mai 2012))

Der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft ist umstritten. (Bild: Nana do Carmo (Wigoltingen, 11. Mai 2012))

Andrea Tedeschi

Ein Obstbauer im Kanton Thurgau hat soeben seine Apfelbaum-Plantage nach Schädlingen abgesucht und nur ein paar Läuse gefunden. Es ist Juni und er ist hoffnungsvoll. Damit die Bäume im Herbst auch die erwartete Menge an Früchten tragen, hatte er sie vorgängig selbst und nach Vorschrift mit einem Insektizid besprüht.

So wie er machen das auch andere Obst- und Gemüsebauern in der Schweiz. Über 2000 Tonnen Pflanzenschutzmittel setzen sie pro Jahr auf Schweizer Äckern ein. Sie vernichten Unkraut, Ungeziefer und Pilze, welche Ge­müse und Obst befallen und die Ernte schädigen könnten. «Ein grosser Teil der Pestizide verschwindet danach im Boden», sagt Irene Wittmer, Umweltchemikerin der Plattform Wasserqualität des Dübendorfer Wasserforschungsinstituts Eawag. Der Boden wirke wie ein Filter und baue die Pestizide in der Regel ab. Doch sie finden den Weg trotzdem ins Grundwasser oder mit dem Regen in die Bäche, Flüsse und Seen, also in die sogenannten Oberflächengewässer. «Bei uns ist das Risiko um einiges höher als in anderen Regionen Europas», sagt Wittmer, weil es sehr viel regne.

Pestizid-Cocktail im Wasser

Der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft ist sehr umstritten, weil ihre Rückstände Umwelt und Gewässer gefährden. Experten halten Pestizide für eine der grössten aktuellen Bedrohungen unseres Trinkwassers. Letztes Jahr stellte die Nationale Grundwasserbeobachtung Naqua an jeder fünften Grundwasser-Messstelle Rückstände von Pflanzenschutzmitteln fest, die über dem Toleranzwert von 0,1 Mikrogramm pro ­Liter lagen. Dieser Wert wurde überwiegend in den Gebieten gemessen, in denen intensiv Landwirtschaft betrieben wird. Rund 80 Prozent des Trinkwassers in der Schweiz stammen aus dem Grundwasser. Der weitere Bedarf wird zum Beispiel in Zürich, Genf oder Lausanne mit Seewasser gedeckt, das in mehreren Schritten zu Trinkwasser aufbereitet wird.

Bisher gab es in der Gewässerschutzverordnung keine nachvollziehbaren Grenzwerte. Für alle Pestizide wurde ein einheitlicher Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter festgelegt – ungeachtet ihrer Giftigkeit. Das soll sich nun für die Bäche, Flüsse und Seen ändern. Die Frist der Vernehmlassung zur Revision der Gewässerschutzverordnung ist letzte Woche abgelaufen. «Wir gehen neu nicht mehr von der Menge aus, sondern von der Wirkung, welche die einzelnen Pestizide auf die Organismen haben», sagt Christian Leu, Sektionschef Wasserqualität, vom Bundesamt für Umwelt (Bafu). Will heissen: Je giftiger der Wirkstoff, umso tiefer ist der Grenzwert.

Bei 25 Pestiziden soll der Wert nach oben korrigiert werden, zum Beispiel bei Glyphosat, wo er auf das 3600-fache angehoben wird. Bei zwölf anderen Pestiziden soll der Grenzwert sinken, zum Teil bis in den Nanogrammbereich. Dazu gehört beispielsweise Chlorpyrifos (auf 0,0044 Mikrogramm pro Liter), das laut dem Ökotoxzentrum Dübendorf die Nervenimpulse von Lebewesen stört und die Nahrung für Fische beeinträchtigt.

Gesellschaftsvertrag mit Bauern

Bei einer Analyse in fünf kleinen Bächen im letzten Jahr fand die Organisation VSA-Plattform Wasserqualität 128 Pestizide, 29 davon an allen Standorten. Bei vier von fünf Bächen gab es ein hohes Risiko für Pflanzen und wirbellose Tiere und die Lebewesen waren einem permanenten Cocktail ausgesetzt.

Doch sowohl die Korrekturen der Grenzwerte nach oben wie die nach unten werden von mehreren Organisationen kritisiert. Die Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz (Aefu) bezweifeln, dass sich solche tiefe Werte zuverlässig erheben lassen. «Die Grenzwerte dieser Stoffe gehen zwar nach unten», sagt Geschäftsleiter Martin Forter, «aber keiner dieser Stoffe ist abschliessend bewertbar.» Forter will keine Pestizide, weder im Trinkwasser, noch in den Bächen, Flüssen oder Seen. «Wir können heute auch die kleinen Konzentrationen messen», sagt dagegen Bernhard Wehrli, ETH-Professor für Aquatic Chemistry. «Es ist aber teuer, weil es sehr teure Geräte braucht.» Stattdessen wäre es hilfreich, einen Summenwert für alle Pestizide im Wasser zu haben. Ein weiteres Problem sieht Wehrli auch darin, dass es in der Schweiz keine Statistik gibt. «In den USA gibt es umfangreiche Untersuchungen, was die Bauern verwenden. Bei uns wissen wir es nicht, weil die Schweiz zu kleinräumig ist und das Sortiment gross.» Die Landwirtschaft stehe in der Pflicht, weil sie von der Allgemeinheit finanziell unterstützt werde, so Wehrli.

Das Thema ist mit der revidierten Gewässerschutzverordnung noch nicht abgeschlossen. Ziel ist es, die Risiken zu halbieren. Bauern, die auf bestimmte chemische Pestizide verzichten, werden für Alternativen entschädigt. Die Finanzierung ist noch nicht gesichert. Etwas Ähnliches will die Initiative «Sauberes Trinkwasser für alle». Sie verlangt, dass nur noch die Bauern Subventionen erhalten, welche auf eine nachhaltige Produktion setzen und auf Pestizide verzichten.

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