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Und wir schauen einfach zu

Peach Weber über den Umgang der Gesellschaft mit Gewalttaten
Kampf um das beste Bild: Fotografen machen Bilder von Blumen am Tatort des Münchner Amoklaufs vom 22. Juli. (Bild: AP/Jens Meyer)

Kampf um das beste Bild: Fotografen machen Bilder von Blumen am Tatort des Münchner Amoklaufs vom 22. Juli. (Bild: AP/Jens Meyer)

Gestern hat ein ausgebrochener Stier in der Innenstadt von Würzburg drei Menschen schwer verletzt. Er wurde erschossen. Schon nach zehn Minuten hat der IS ein Bekennervideo gepostet: Der Stier war einer unserer Brüder, und er wird im Jenseits als Märtyrer empfangen werden von einer Herde williger Kühe.

Nein, ich will mich keineswegs über Attentate lustig machen, aber wir sind langsam daran, den Verstand zu verlieren. Und ich möchte gerne in Erinnerung rufen, dass das genau das Konzept des IS ist. Er nutzt unsere Medien und das Internet und erreicht sein Ziel ohne grossen Aufwand. Was jetzt aber in München abging, das haut dem Fass die Krone ins Gesicht. Es ist tragisch, dass wieder unschuldige Menschen Opfer eines pickelgesichtigen Bubis wurden. Dass dann aber eine ganze Stadt lahmgelegt wird und die zwei deutschen Sender vier Stunden lang live darüber berichten, dass es im Moment noch nichts zu berichten gibt ... was soll das!

Lasst doch zuerst mal die Polizei ihre Arbeit machen, gebt ihnen doch wenigstens ein paar Stunden und hört auf, schon nach Minuten detaillierte Auskünfte haben zu wollen. Die Panik ist doch Balsam für andere Trottel in Warteposition, sie sehen: «Oh, auch ich Totalversager kann weltberühmt werden. Ich muss nur in einer hilflosen Menschenmasse wild herumschiessen.» Was für eine Heldentat! Und das für 72 Jungfrauen, von denen nicht mal definiert ist, wie alt sie sind. Es gibt auch 70-jährige Jungfrauen.

Natürlich sagt jetzt jeder Journalist: Wir sind doch nicht schuld, die Leute wollen das sehen. Da gibt es dann nur zwei Möglichkeiten, entweder reden sich die Journalisten das nur ein oder dann sind wir wirklich auf dem Weg, unseren Restverstand zu verlieren. Natürlich kann man jetzt nicht einfach sagen: Daran ist das Internet schuld und die Video-Games. Da gibt es meistens keinen beweisbaren, direkten Zusammenhang. Aber es ist eine Verrohung in der Gesellschaft festzustellen, die sicher auch damit zusammenhängt.

Einerseits die Versingelung, andererseits kann man sich im Internet mit Hinrichtungen, tödlichen Unfällen, Kinderpornografie etc. köstlich unterhalten, und das soll keinen Zusammenhang haben? Das Internet ist ein quasi rechtsfreier Raum, die paar lächerlichen Razzien, bei denen ein paar Computer konfisziert werden, das sind Scheingefechte. Ich staune, dass auch vermeintlich intelligente Leute das nicht schlimm finden, sie nennen es unsere «freie Gesellschaft».

Ha, ha, ha! Es gibt keine totale Freiheit, denn der Mensch könnte damit gar nicht umgehen. Deshalb hat er die Polizei und die Rechtssprechung erfunden, weil er weiss, dass er sich vor sich selber schützen muss.

Niemand will dem Internet auch nur die geringste Regelung zumuten, wenn aber Nachbars Katze in unserem Garten eine Visitenkarte abdampft, dann können wir bis vor Bundesgericht ziehen.

Sicher darf man nicht eine Zensur im Sinne des türkischen Erdowahnsinnigen einführen, aber man könnte ja zum Beispiel nur mal abmachen: Videos von Hinrichtungen, von Kinderpornografie oder Anleitungen zum Bombenbasteln werden generell gelöscht. Leider bin ich überzeugt, dass man nicht mal dafür eine Mehrheit fände. Das ist kein böser Wille, es ist uns scheinbar einfach wurscht.

Langsam stumpft unsere Empathie, unser Mitgefühl mit den anderen ab, und weil es langsam abstumpft, merkt man es nicht sofort. Kleine Zeichen übersehen wir: Dass man Mühe hat, Leute zu finden für Freiwilligenarbeit, dass immer mehr Gemeindepräsidenten ihr Amt aufgeben, weil sie es satt haben, von jedem dahergelaufenen Hanswurst unflätig beschimpft zu werden, das sind kleine Zeichen, die man leicht übersehen kann.

Übrigens: Jetzt kam ja das «Pokémon Go» auf den Markt. Das ist ein schnuckeliges Spiel, bei dem Kinder und Immer-noch-Kinder auf den Strassen durch ihr Handy Pokémons finden, die sie dann einsammeln. Das kann man ja noch herzig finden, jedenfalls bis die ersten Kinder überfahren werden, weil sie beim Überqueren der Strasse ins Handy starren und danach selber aussehen wie das Pokémon «Matschupflatschi».

Ich garantiere, dass es keine zwei Jahre dauert, bis eine Variante einer Ego-Shooter-Firma auf den Markt kommen wird, mit der man in der realen Welt durch das Handy anstelle von Pokémons Menschenfiguren findet, die man abknallen kann. Es sind zwar vorerst nur virtuelle Figuren, da spritzt aber richtig Blut und da fliegen die Eingeweide. Und soll ich Ihnen etwas prophezeien: Es wird einen kurzen Aufschrei geben, schätzungsweise 7 bis 8 Minuten, dann schalten wir wieder in den Wurscht-Modus und schauen einfach zu!

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