UNGLÜCK: Die erste Schweizer Luftfahrt-Katastrophe

50 Jahre sind es her, seit eine Caravelle der Swissair bei Dürrenäsch im Kanton Aargau abstürzte und 80 Menschen in den Tod riss. Es war die erste grosse Luftfahrt-Katastrophe in der Schweiz.

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Ein Bild totaler Zerstörung: Rettungsmannschaften in Dürrenäsch versuchen am 4. September 1963 zu retten, was zu retten ist. (Bild: Keystone / Str)

Ein Bild totaler Zerstörung: Rettungsmannschaften in Dürrenäsch versuchen am 4. September 1963 zu retten, was zu retten ist. (Bild: Keystone / Str)

Die Maschine war bei Nebel in Zürich-Kloten mit Kurs auf Genf und Rom gestartet. 74 Passagiere und sechs Besatzungsmitglieder waren an Bord. Kurz nach dem Start beobachteten Zeugen Feuer an der linken Rumpf-Unterseite der Caravelle.

Auf 2700 Metern Höhe begann sie zu sinken. Immer mehr Teile lösten sich von der brennenden Maschine. In steilem Stechflug näherte sie sich dem Boden.

Um 7.22 Uhr, neun Minuten nach ihrem Start, zerschellte die Caravelle am östlichen Dorfrand von Dürrenäsch. Alle 80 Menschen im Flugzeug kamen ums Leben. 43 von ihnen wohnten in Humlikon im Zürcher Weinland.

Es waren Mitglieder der örtlichen Milchgenossenschaft, die sich auf ihrem Herbstausflug befanden. Über 30 Kinder aus dem damaligen 200-Seelen-Dorf verloren ihre Eltern.

Wie durch ein Wunder wurde in Dürrenäsch niemand verletzt. Beim Aufprall des brennenden Flugzeuges gegen den Hang wurden mehrere Gebäude beschädigt. An der Absturzstelle erinnert heute ein Gedenkstein an die Opfer des Unglücks vor 50 Jahren.

Das Unglück forderte 80 Menschenleben, 43 Opfer stammten aus dem kleinen Züricher Unterländer Dorf Humlikon. (Bild: Keystone / Str)
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Ein Bild totaler Zerstörung: Rettungsmannschaften in Dürrenäsch versuchen am 4. September 1963 zu retten, was zu retten ist. (Bild: Keystone / Str)
Das Flugzeug stürzte beim Ortseingang ab. (Bild: Keystone / Str)
Unbemerkt bleibt der Defekt eines Rades, während der Rollphase überhitzten die Bremsen. (Bild: Keystone / Str)
Die Felgen bersten, die heissen Bruchstücke zerstören Hydraulikleitungen, das auslaufende Öl entzündet sich. (Bild: Keystone / Str)
Rund 7 Minuten nach dem Start lässt sich die Maschine nicht mehr steuern. (Bild: Keystone / Str)
Das Flugzeug rast zu Boden. Augenzeugen berichten von einem dumpfen Dröhnen und einem Feuerschweif, den die Caravelle hinter sich herzog. (Bild: Keystone / Str)
Bild: Keystone / Str
Gedenkfeier am 9. September 1963 in Dürrenäsch. (Bild: Keystone / Str)
Blumen an der Gedenkfeier in Dürrenäsch für die Opfer der Flugzeugkatastrophe vom 4. September, aufgenommen am 15. September 1963. (Bild: Keystone / Str)

Das Unglück forderte 80 Menschenleben, 43 Opfer stammten aus dem kleinen Züricher Unterländer Dorf Humlikon. (Bild: Keystone / Str)

Pilot konnte nichts merken

Das Feuer an Bord der Caravelle war ausgebrochen, weil es im Fahrwerk zu heiss geworden war. Der Kapitän konnte dies nicht bemerken. Denn die Cockpit-Instrumente zeigten weder die Fahrwerk-Temperatur noch den Verlust von Hydrauliköl an.

Das Öl war ausgelaufen, weil weggeschleuderte Teile einer Felge eine Leitung beschädigt hatten. Als die Flüssigkeit mit glühenden Teilen des Fahrwerks in Kontakt kam, entzündete sie sich. Eine Rekonstruktion des Startmanövers bestätigte diese Annahme.

Ein Rollmanöver vor dem Start war eine der Ursachen für die Überhitzung. Weil der Pilot wegen des dichten Nebels die Sichtverhältnisse erkunden wollte, liess er die Maschine die Piste hinunter- und über 1800 Meter wieder zurückrollen.

Als Folge des Absturzes wurde bei den Caravelle-Maschinen ein Warnsystem eingebaut. Sollte sich das Fahrwerk überhitzen, leuchtete im Cockpit eine Warnlampe auf.

Schlichte Gedenkfeier bei der Absturzstelle

Die vom Flugzeugabsturz vom 4. September 1963 betroffene Gemeinde Humlikon ZH gedenkt an das traurige Ereignis vor 50 Jahren. Bei der Absturzstelle in Dürrenäsch legen Einwohner am kommenden Mittwoch einen Kranz nieder.

Rund 50 Huemlikerinnen und Huemliker fahren mit einem Bus nach Dürrenäsch und nehmen an einer Gedenkveranstaltung teil. Anschliessend lädt die Gemeinde Humlikon zu einem Mittagessen in Dürrenäsch ein. Auf der Rückfahrt ist ein Besuch der Grabstätte in Andelfingen vorgesehen.

Die Gemeinden Dürrenäsch und Humlikon seien schon vor ein paar Jahren übereingekommen, dass man aus den Jahrestagen der Katastrophe keine grosse Sache mehr machen wolle, sagte der Dürrenäscher Gemeindeammann Hansjörg Hintermann auf Anfrage. Am 50. Jahrestag sei aber eine Gedenkfeier angebracht.

Humlikon sei von der Katastrophe ungleich direkter betroffen gewesen, sagte Hintermann weiter. Aber es habe auch in Dürrenäsch Personen gegeben, welche das Ereignis lange nicht verarbeiten konnten. Mit dem Buch «S.O.S. in Dürrenäsch» von Lotty Wohlwend von 2009 hätten dann aber viele der jahrelang Traumatisierten die Sache innerlich abschliessen können.

Kurz nach dem Unglück war nämlich über die beiden Dörfer Humlikon und Dürrenäsch eine Art Pressesperre verhängt worden. Betroffene, Hinterbliebene, Augenzeugen und Helfer schwiegen lange, bis sie im Buch endlich Aussagen machten konnten.

Regierungen müssen Reisevorschriften einhalten

Die Tragödie von Humlikon rüttelte die Schweiz auf. Sie zeigt auf, dass Dörfer, ihrer Führung beraubt, vor schier unlösbare Problemen gestellt sind.

Bundesrat reist nie in globo

Doch nicht nur Gemeinden. Der Absturz eines Regierungsflugzeugs im April 2010 bei Smolensk radierte die politische Elite Polens aus. Bei dem wurden alle 96 Insassen getötet. Zu den Passagieren gehörten Polens Staatspräsident Lech Kaczynski und seine Ehefrau, zahlreiche Abgeordnete des Parlaments, Regierungsmitglieder, die Armeeführung und Kirchenvertreter – das Land erstarrte.
In der Schweiz hat sich die Landesregierung selbst Regeln auferlegt, die beim Reisen beachtet werden müssen, wie der Bundesratssprecher André Simonazzi erklärt. «Es ist so, dass nie mehr als drei Bundesräte in einem Flugzeug oder Helikopter fliegen.»

Umständliches Reisli

Damit werde die Beschlussfähigkeit der Regierung sichergestellt. «Diese ist gegeben, wenn wenigstens vier Mitglieder des Bundesrates anwesend sind», führt Simonazzi aus.

Heuer besuchte der Bundesrat anlässlich seines traditionellen Reisli Ueli Maurers Heimat und flog im Oldtimer-Flugzeug Ju-52 über das Zürcher Oberland. Auch da seien nicht mehr als drei Bundesräte in einer Maschine gesessen. «Die Ju-52 mussten deshalb dreimal abheben.»

Léa Wertheimer

sda