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Unschuldig hinter Gittern: Wie ein Mann vier Jahre und drei Monate in U-Haft verbrachte – ohne Beweise für Drogenhandel

Die Staatsanwaltschaft hat ihn eineinhalb Jahre überwacht. Jedes Telefongespräch: Mitgeschnitten. Jede Autofahrt: Gefilmt. Doch als ein bewaffnetes Rollkommando seine Tür einschlug, fand man: Nichts.
Roland Schäfli
Nun wieder in Freiheit: Damir Kocan. (Bild: Roland Schäfli)Nun wieder in Freiheit: Damir Kocan. (Bild: Roland Schäfli)
Zuvor war Kocan wegen Verdachts auf Betäubungsmitteldelikten jahrelang in U-Haft (Symbolbild). (Bild: Andreas Meier/EQ)Zuvor war Kocan wegen Verdachts auf Betäubungsmitteldelikten jahrelang in U-Haft (Symbolbild). (Bild: Andreas Meier/EQ)
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Vier Jahre und drei Monate U-Haft

Nachdem Damir Kocan Monate in seiner Acht-Quadratmeter-Zelle geschmort hatte, wollte der Zürcher Staatsanwalt einen Deal machen. Ein Schuldeingeständnis zum Drogenhandel für ein geringeres Strafmass. Damir schlug das Angebot aus. Und blieb vier Jahre und drei Monate in U-Haft. Warum hat er nicht Ja gesagt? «Ich bekenne mich nicht schuldig für etwas, was ich nicht getan habe!»

Als sein Pflichtverteidiger Daniel Walder am Kartenhaus dieser Beweise rüttelte, fällt es schnell in sich zusammen. Das Bundesgericht hiess am 14. Juni 2018 seine Beschwerde gut, weil die Anklage zahlreiche formelle Fehler gemacht hatte. Jetzt ist Kocan draussen. Nimmt Antidepressiva, steht vor dem Scherbenhaufen seiner Existenz. Zweimal wöchentlich sucht er seinen Psychologen Werner Disler auf. Die Haft vom 8. April 2014 bis 30. Juni 2018, ohne Kontakt zur Aussenwelt, meist ohne Beschäftigung, ging nicht spurlos an Kocan vorbei. Aber auch die nachträgliche Gewissheit, dass er als Privatperson 18 Monate überwacht wurde, nagt an ihm. Wie sein Arzt weiss:

«Menschen, die einen solchen Eingriff in ihre Privatsphäre erlebten, verlieren manchmal das Sicherheitsempfinden, das man in seinen eigenen vier Wänden hat.»

Der 41-Jährige wird von Panikattacken geplagt. Die Vorstellung, der lange Arm des Gesetzes könnte wieder nach ihm greifen, wird zur Paranoia.

Verhandlung beginnt von Neuem

Sein Sohn war 9-jährig, als Kocan seine Tournee durch die Zürcher Untersuchungsstrafanstalten begann. Jetzt versucht er, mit dem heute 14-Jährigen – er lebt bei Kocans geschiedener Frau – eine Beziehung aufzubauen. Noch ist der Albtraum nicht zu Ende. Irgendwann nächstes Jahr, wenn die Staatsanwaltschaft ihr Beweisfundament nachgebessert hat, kommt es erneut zur Hauptverhandlung. Allenfalls wird man dafür wieder – so verlangt es die Verteidigung – bei der ersten Instanz vor Bezirksgericht beginnen. Ein unbeschriebenes Blatt ist Kocan für die Schweizer Justiz nicht. Wegen Verstosses gegen das Betäubungsmittelgesetz bekam er schon einmal fünf Jahre aufgebrummt. Wurde dann vorzeitig in den offenen Vollzug entlassen. Und schwor sich, auf der richtigen Seite des Gesetzes zu bleiben. Nur noch für das Kind da zu sein.

Kocan baute sich ein Geschäft auf, eine Beteiligung an einem Restaurant und einen Solariumbetrieb. Was er nicht wusste, als er mit diesen guten Vorsätzen in Freiheit zurückkehrte: die Staatsanwaltschaft hatte seine neue Wohnung in Regensdorf bereits verwanzt. Die Abhörgeräte steckten in Lichtschaltern und Steckdosen. Staatsanwalt Christian Meier hatte die Bewilligung eingeholt. Vier Mobiltelefone wurden überwacht. An zwei von Kocan mitbenutzten Fahrzeugen waren Sender angebracht. Dass jeder seiner Schritte überwacht wurde, ahnte er nie. «Ich liess mir ja nichts zuschulden kommen.» Doch das Milieu streckte seine Finger nach ihm aus. Zwei Personen, die ebenfalls observiert wurden, machten ihm das Angebot, wieder einzusteigen. Als Zwischenhändler für Kokain. Kocan sagte Nein. «Damit habe ich nichts mehr zu tun.» So steht es in den Abhörprotokollen.

Mangelhafte Übersetzungen

Anwalt Daniel Walder ist spezialisiert auf «Milieu-Fälle». Nachdem er den Fall als Pflichtverteidiger übernahm, bezeichnete er in seinem ersten Antrag ans Obergericht, 18. September 2017, die Ausführungen der Staatsanwaltschaft als «hanebüchene Ausreden». Tatsächlich mussten sich die Ermittler den Vorwurf von lückenhafter Beweisführung gefallen lassen. Hinter manchen Stellen der transkribierten Dialoge steht die Abkürzung «SQ», gemäss Sprachcode «Shquip», also Albanisch – obwohl Serbokroatisch gesprochen wurde.

Manche Unterhaltungen wurden nicht wörtlich wiedergegeben (gemäss Dolmetscherverordnung vorgeschrieben), sondern zusammengefasst. Die Übersetzungen entsprachen teilweise nicht dem Wortlaut. Gemäss Bundesgerichtsentscheid soll ersichtlich sein, wer bei den Protokollen mitwirkte, und ob die Übersetzer auf Straffolgen eines falschen Gutachtens hingewiesen wurden. Die Identität der Dolmetscher wurde nicht bekannt gegeben. Sein Anwalt spricht von «Interpretationen». Ein Beispiel: war die Rede von «Geld», wurde im Protokoll in Klammern «Drogengeld» angegeben. An einer anderen Stelle werden Sätze mit Klammerbemerkungen ergänzt: «Ruf doch deinen Nachbar von oben an (dem Beli), damit du kurz zu ihm gehen kannst (um Kokain zu holen)».

«Ich persönlich habe mit Weissem nichts zu tun»

Anfang 2013 stellte die Staatsanwaltschaft der Strafkammer Anträge zur Verlängerung der technischen Überwachung, nachdem die ersten offenbar nichts Greifbares zutage gefördert hatten. Obwohl mit dem Verdacht auf die konkrete Beschaffung von Kokain begründet, wurde Kocan dies anschliessend so nicht vorgehalten. Ein wesentliches Gesprächsprotokoll vom 20. Dezember 2012, das ihn nach Meinung des Verteidigers mutmasslich entlastet hätte, fehlte ganz.

In dieser Zeit soll ein Deal stattgefunden haben, mit dem Kocan belastet werden sollte: um eine Menge von 100 Gramm. Fast vier Jahre nach dem vermeintlichen Ereignis kam die Vorinstanz zum Schluss, dass die Übergabe gar nicht stattgefunden hat. Im aufgezeichneten Gespräch wurde zwar die Menge 100 genannt. Aber es ging um 100 Franken, die sich jemand leihen wollte. In der Zusammenfassung wurde daraus Kokain. Obwohl aus dem Kontext hervorgeht, dass es um die Ausleihung von Geld ging, «was bei Kokain eher unüblich wäre», wie der Anwalt in seinem Plädoyer süffisant anmerkte.

Am 10. September 2013 schlug Kocan ein Angebot aus der Szene mit Nachdruck aus:

«Hör zu Bruder, ich sage dir etwas offen und ganz ehrlich. Ich persönlich habe mit Weissem nichts zu tun... Mich erwartet ernsthafte Haft, wenn ich auf diesem Gebiet etwas Falsches mache.»

Diese Aussagen wurden im Protokoll ausser Acht gelassen oder als «unverständlich» bezeichnet. Auf den Videoaufzeichnungen müsste ein Drogenhandel zu sehen sein. Doch Filme wurden nicht vorgelegt. Auch Wahrnehmungsberichte, bei optischen Observationen üblich: Fehlanzeige. Die Staatsanwaltschaft nahm eine Selektion der Audiodateien vor. Kocan und sein Verteidiger führen dies darauf zurück, dass Entlastendes wohl bewusst ausgespart wurde. Solche Stellen blieben unübersetzt, was auf die Tonqualität der Geräte zurückgeführt wird.

«Die Staatsanwaltschaft wollte mich haben, ganz einfach»

«Die Untersuchungsbehörde», mutmasst Walder in scharfem Ton an Kocans Richter, «wollte gezielt verhindern, dass die Wahrheit ans Licht kommt.» Was aber ist die Wahrheit? Als jemand, der wegen Drogenhandels sass, verdiente Kocan wohl eine erhöhte Aufmerksamkeit der Behörden. Zur Last gelegt wurde ihm auch der Bezug von Suva-Leistungen, obwohl er angestellt war. Und die Täuschung einer Kreditkartenfirma muss er sich ebenfalls anlasten lassen. Nein, als Heiligen kann man ihn nicht bezeichnen. Aber macht ihn das zum Kokaindealer? Vielleicht liegt die Erklärung in der einfachen Gleichung, die in einem Polizeibericht suggeriert wird: Jugo + (BMW) X6 + keine Arbeit = Drogenhändler.

Als die Polizei an jenem Aprilmorgen 2014 seine Wohnung stürmte und Kocan nackt in die Mündungen der Polizeiwaffen blickte, wurden keine Drogen sichergestellt. Zu mehreren Kokaingeschäften, die geplant worden seien, konnte die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift nur anführen, dass sie «aus nicht bekannten Gründen nicht zu Stande kamen». Die Tatsache, dass seine Überwachung schon angeordnet wurde, noch bevor er in Freiheit war, liest sich wie eine Vorverurteilung.

Kocans Vermutung ist simpel: «Der Staatsanwalt wollte mich haben, ganz einfach.» Bleibt die Frage, warum die Behörde eine so aufwendige Untersuchung anordnen sollte, deren Kosten sich wohl kaum noch beziffern lassen, und dann den Zugriff vornehmen, wenn kaum etwas vorlag? Wir haben diese Fragen der Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich vorgelegt. Dort verweist man auf die Zuständigkeit: Nach Aufhebung des Urteils der Vorinstanz durch das Bundesgericht liegt der Fall wieder beim Zürcher Obergericht. Und dort erteilt man zum laufenden Verfahren keine Auskünfte.

«Jeder in der Schweiz kann überwacht werden»

Für Kocans Rechtsvertretung ist die Erklärung klar: «Im Untersuchungsverfahren wurde mutmasslich manipuliert.» Denn am Ende einer so aufwendigen Untersuchung müsse zwingend eine Verhaftung stehen, sagt Walder. Doch der Verteidiger muss sich mit solchen Äusserungen vorsehen. Solche Bemerkungen an die Adresse von Staatsanwalt Meier führten zu Anzeigen wegen Rufschädigung und falscher Anschuldigung. Was Walder besonders wurmt: Wenn Kocans Wohnung tatsächlich Drogenumschlagplatz war, warum hat der Staatsanwalt ihn dann 17 Monate gewähren lassen? Das Bundesgericht hält fest, dass Überwachungen nur so lange dauern dürfen, wie es für die sorgfältige Sachverhaltensaufklärung notwendig erscheint.

Falls die zu wiederholende Hauptverhandlung für Kocan positiv verläuft, könnte er Entschädigungsansprüche geltend machen. 200 Franken pro Tag in U-Haft ist der übliche Ansatz. Da er vorbestraft ist, sind seine Aussichten auf Wiedergutmachung gering. Ums Geld geht es ihm ohnehin nicht. Was er will? «Gerechtigkeit. Falls es so etwas in der Schweiz gibt.» Als er sich einbürgern liess (er kam 1997 in die Schweiz), verzichtete er auf seine Staatsbürgerschaft in Montenegro. Da ihm nach der Haft der Schweizer Pass aberkannt wurde, ist er heute staatenlos. Seit Kocan die Aufzeichnungen vorgelegt wurden, kann er sich selbst nochmals zuhören, jedes intime Detail, das mitgehört wurde, Revue passieren lassen. Ihm graut bei der Vorstellung, dass «jeder in der Schweiz überwacht werden kann. Auch du.»

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