Pro & Contra

Vaterschaftsurlaub: Für alle tragbare Konsenslösung oder kostspielige Konsenspolitik?

CVP-Nationalrätin Priska Wismer-Felder unterstützt den zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub, FDP-Ständerat Hans Wicki lehnt ihn ab.

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Pro: «Ein wichtiger Beitrag zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf»

Priska Wismer-Felder, Nationalrätin, CVP Luzern

Priska Wismer-Felder, Nationalrätin, CVP Luzern

Stellen Sie sich vor, Sie ziehen in eine neue Wohnung. Dafür erhalten Sie einen Tag frei – nicht für Ferien, sondern um all ihre Sachen von A nach B zu bringen. Das ist angemessen und im Gesetz so verankert.

Stellen Sie sich vor, sie werden Vater und erhalten dafür ebenfalls einen Tag frei – nicht, um die Beine hochzulagern, sondern um Ihre Partnerin während der Geburt zu unterstützen, gemeinsam mit ihr die ersten wertvollen Stunden im Leben des Neugeborenen zu erleben, zum ersten Mal Ihr Kind zu wickeln und als Familie neu zusammen zu wachsen. Dieser arbeitsfreie Tag ist auch so im Gesetz verankert, nur: Reicht das?

Ich bin klar der Meinung: nein! Ein einziger Tag frei ist ein Hohn und wird dem einmaligen Ereignis einer Geburt in keiner Weise gerecht. Es muss festgestellt werden, dass die Schweiz in Bezug auf den Vaterschaftsurlaub ein Entwicklungsland ist. Es gibt in Europa fast kein anderes Land, das keinen Vaterschaftsurlaub oder zumindest einen Elternurlaub eingeführt hat. Dies im Wissen, dass die ersten Lebenswochen entscheidend, prägend und einzigartig sind.

Ein Vaterschaftsurlaub von zwei Wochen steht für eine angemessene Familienpolitik und ist ein wichtiger Beitrag zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Er ist gewinnbringend für die Vater-Kind-Beziehung, entlastet die junge Familie in der Zeit unmittelbar nach der Geburt und führt auch längerfristig zu einer ausgeglicheneren Aufteilung der Betreuungs- und Einkommensarbeit. Die Kosten, welche dabei entstehen, werden durch die Erwerbsersatzordnung (EO) finanziert. Der zweiwöchige Vaterschaftsurlaub soll flexibel bezogen werden können, sei es am Stück oder tageweise, verteilt auf die ersten sechs Lebensmonate des Neugeborenen. Mit diesem Modell lassen sich gute Lösungen mit den Arbeitgebern finden.

Dieser Gegenvorschlag zur Initiative ist eine Konsenslösung, welche für die Wirtschaft absolut tragbar ist und vor allem unseren Familien zu Gute kommt.

Contra: «Elternzeit statt Vaterschaftsurlaub!»

Hans Wicki, Hergsiwil, Nationalrat, FDP Nidwalden

Hans Wicki, Hergsiwil, Nationalrat, FDP Nidwalden

Ende September kann das Stimmvolk darüber abstimmen, ob frischgebackene Väter in den Genuss von zwei Wochen Vaterschaftsurlaub kommen sollen. Ich lehne dieses Ansinnen aus verschiedenen Gründen ab.

Natürlich könnte ich jetzt mit Corona argumentieren und auf die schwierige Situation unserer Wirtschaft hinweisen, die aktuell etwas ganz sicher nicht brauchen kann, nämlich zusätzliche obligatorische Abgaben. Unsere Sozialversicherungen stehen eh schon auf wackligen Beinen und sind dazu da, echte Not zu lindern und Existenzen zu sichern – Gratis-Ferien für Väter gehören definitiv nicht dazu! Ganz im Gegensatz etwa zur Kurzarbeitsentschädigung, die im Moment unzähligen Firmen hilft, Entlassungen zu vermeiden. Statt eines von allen Arbeitnehmenden und Arbeitgebern subventionierten, staatlich verordneten Vaterschaftsurlaubs befürworte ich eigenverantwortliche, betriebsinterne Lösungen, wie sie bereits jetzt vielerorts gehandhabt werden.

Ich möchte, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für beide Elternteile – und dadurch auch die Arbeitsmarktbeteiligung der Frauen – gefördert wird. Darum bin ich für eine Elternzeit, bei der Mutter und Vater gemeinsam entscheiden können, wie die Betreuungszeit nach einer Geburt aufgeteilt wird. Eine solche Elternzeit hat positive familien- und gesellschaftspolitische Auswirkungen. Sie ermöglicht echte Gleichstellung, weil selbstverantwortlich entschieden werden kann. Wenn wir Rollenbilder der Zeit anpassen wollen, dann ist eine paritätische Elternzeit der erste Schritt dazu. Nicht ein Vaterschaftsurlaub. Wenn wir für unsere Mütter echt etwas verändern wollen, dann müssen wir uns für die steuerliche Abzugsfähigkeit von Drittbetreuungskosten für Kinder einsetzen, damit sie nicht weiterhin unter einseitigen finanziellen und karrierehemmenden Nachteilen leiden. Und nicht für kostspielige Symbolpolitik wie den gesetzlichen Vaterschaftsurlaub, die das Problem nicht an der Wurzel packt.

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