VATERTAG: «Das Leben wird nicht einfacher, aber reicher»

Väter, die Teilzeit arbeiten, erfahren mehr Lebensqualität. Wie realistisch ist dieses Arbeitsmodell heute? Ein Gespräch mit Jürg Wiler, Leiter Kampagne «Der Teilzeitmann» Schweiz.

Interview Pirmin Bossart
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Laut einer Umfrage möchten neun von zehn Männern gerne Teilzeit arbeiten, nur einer von sieben tut es. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Laut einer Umfrage möchten neun von zehn Männern gerne Teilzeit arbeiten, nur einer von sieben tut es. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Jürg Wiler, was brennt den Männern heute unter den Fingern? Wo fühlen sie sich nicht verstanden?

Jürg Wiler*: Als Leiter von zwei Männergruppen habe ich gelernt, dass die letzten 40 Jahre dem Patriarchat ganz schön zugesetzt haben. Die alten Geschlechterrollen wurden und werden durchgerüttelt. Viele Männer halten sich verkrampft an ihren traditionellen Männerrollen fest, anderen ist ihre Männlichkeit unangenehm, sie stecken in einer Sackgasse. Am Arbeitsplatz müssen sie erfolgreich und konkurrenzfähig sein, dürfen keine Schwächen zeigen. Zu Hause und in Beziehungen sollten sie jedoch sensibel sein und Gefühle zeigen. Das verunsichert viele Männer; sie wissen nicht (mehr), was die Frauen von ihnen erwarten, und noch weniger, was sie selbst wollen.

Braucht der Mann überhaupt ein anderes Rollenbild?

Wiler: Es braucht vor allem Vorbilder. Also Männer, die ihren ganz persönlichen Weg gehen. Die Frage ist: Welches sind unsere eigenen inneren Qualitäten und Kräfte? Antworten auf solche Fragen können wir allein bei uns selbst finden. Darin können uns andere Männer entscheidend unterstützen.

Als Leiter der Kampagne «Der Teilzeitmann» Schweiz fordern Sie mehr Teilzeitstellen für Männer. Wie waren und sind Sie selber beruflich eingespannt?

Jürg Wiler: Während meinen mittlerweile 33 Berufsjahren habe ich 23 Jahre Teilzeit gearbeitet. Neun Jahre davon habe ich die Verantwortung für die Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung etwa zur Hälfte mit meiner Partnerin geteilt. Später habe ich das Pensum wieder aufgestockt. Insgesamt habe ich auch fast zehn Jahre lang Jahre Vollzeit gearbeitet. Ich habe also Erfahrungen in beiden Arbeitsmodellen gesammelt.

Was waren Ihre Erfahrungen, voll im Job zu stehen? Gab es für Sie als Vater Defizite?

Jürg Wiler: Oftmals war ich nach einem strengen Arbeitstag am Abend mit den Kindern zwar körperlich präsent, aber seelisch abwesend. Meine Gedanken hingen dann oft noch beim letzten Telefon oder bei einer Aufgabe im Geschäft. In solchen Momenten war ich bei Gefühlsausbrüchen der Kids völlig überfordert. Damals habe ich gelernt, dass ein emotional-seelisch präsenter Vater als Bezugsperson für das Gedeihen eines Kindes fundamental wichtig ist. Und das ist mit Teilzeit einfacher zu bewerkstelligen.

Sie leiten die Kampagne «Der Teilzeitmann» Schweiz: Was hat diese bis jetzt bewirkt?

Jürg Wiler: Teilzeitkarrieren für Männer sind zum öffentlichen Thema geworden. Das zeigen die aktuellen Zahlen des Bundesamtes für Statistik. Arbeiteten Ende 2012 in der Schweiz noch 332 000 Männer Teilzeit, so waren es Ende 2013 bereits 355 000. Das sind 14,7 Prozent. Der Sprung von 2012 bis 2013 ist mit einer Zunahme von 23 000 Männern markant und mehr als viermal so hoch wie in den Vorjahren. Auch der Anteil der teilzeiterwerbstätigen Väter hat in den letzten zehn Jahren von 5,8 auf 9,3 Prozent zugenommen.

Wie profitieren die Teilzeitväter?

Jürg Wiler: Sie können ihre Lebensqualität erhöhen. Zum Beispiel aktiv miterleben, wie sich das Kind vom unselbstständigen Wesen zum denkenden, sprechenden und gehenden Menschen entwickelt. Noch näher am Leben dran zu sein, ist fast nicht möglich. Wohlgemerkt: Das Leben eines Teilzeitvaters wird zwar nicht einfacher, aber reicher.

Profitieren auch die Arbeitgeber?

Jürg Wiler: Laut Studien sind Teilzeitmitarbeitende motivierter, effizienter, flexibler und loyaler gegenüber dem Arbeitgeber. Dieser spart Rekrutierungskosten, weil er für Teilzeitstellen einfacher Leute findet, die zudem länger bleiben. Es gibt auch Studien, die aufzeigen, dass Firmen mit viel Teilzeitstellen eine höhere Rendite erzielen.

Ist Teilzeit angesichts der höheren Löhne für Männer ökonomisch machbar? Oder nur in bestimmten Berufsfeldern?

Jürg Wiler: Unsere Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft ist prädestiniert für Teilzeitarbeit. Natürlich ist dieses Modell nicht für alle finanziell verkraftbar. Wir gehen davon aus, dass sich rund die Hälfte aller Familien in der Schweiz Teilzeit leisten kann, und dazu muss die Partnerin tatkräftig mithelfen. Wir empfehlen, zuerst einmal ein Budget zu machen, ob es überhaupt finanziell reicht.

In welchen Bereichen und Branchen ist Teilzeitarbeit besonders gut möglich?

Jürg Wiler: Innerhalb eines Jahres haben wir mit unserer Wanderkampagne bei rund 70 Unternehmen, Verwaltungen, Verbänden und Hochschulen Halt gemacht, darunter auch bei namhaften Grossunternehmen wie AXA Winterthur, UBS, CS, Novartis, Suva, Bakom oder der Stadtpolizei Zürich. Mit andern Worten: Teilzeit ist ein starkes Thema, vorab in der Pharma-Branche, bei Banken, Versicherungen und im kaufmännischen Bereich. Auf wenig Resonanz stossen wir hingegen in der Baubranche, in der Industrie und generell bei Handwerkern und Facharbeitern.

Hat auch in der Wirtschaft ein Umdenken begonnen?

Jürg Wiler: Die Wirtschaft packt das Thema erst zaghaft an. Andererseits fragen immer mehr auch junge Menschen gezielt nach flexiblen Arbeitszeitmodellen. Das gibt wirtschaftlichen Druck. Und wie die Erfahrung zeigt, verändern sich grundlegende Dinge erst durch Druck.

Wie stark ist denn das Bedürfnis der Männer nach mehr Teilzeit?

Jürg Wiler: Eine repräsentative Studie aus dem Kanton St. Gallen zeigt: Neun von zehn Männern würden gerne ihr Pensum reduzieren – das ist eine fast unglaublich hohe Zahl. Aber auch andere Befragungen kommen zum Schluss, dass zwischen 50 und 70 Prozent der Männer gerne Teilzeit arbeiten möchten. Neben mehr Verantwortung in der Familie und Weiterbildung melden die Männer ganz stark auch das vitale Bedürfnis nach mehr Erholung an. Trotzdem arbeitet nur etwa einer von sieben Männern Teilzeit.

Viele Männer sorgen sich, dass sie mit Teilzeit keine Karriere machen können. Sie bleiben einfach kleine Nummern. Was sind Ihre eigenen Erfahrungen in diesem Spannungsfeld?

Jürg Wiler: Ich habe mich irgendwann vom vermeintlich verlockenden Ziel Karriere verabschiedet. Für mich wurde je länger je wichtiger, dass meine Arbeit etwas mit mir persönlich zu tun hat, herausfordernd ist und mich die Erfahrungen persönlich weiterbringen. Das war in meinen Berufen als Journalist, Informationsbeauftragter und Projektleiter bisher der Fall. Auch ohne klassische Karriere fühle ich mich mitnichten als kleine Nummer.

Sie haben viele Jahre die Erwerbsarbeit mit ihrer Frau geteilt: Wie haben sie diese Zeit erfahren?

Jürg Wiler: Es war einer meiner besten Entscheide überhaupt. Seit jeher bin ich mit den Kindern – unsere Tochter ist heute 16, unser Sohn 13 – am liebsten zu zweit unterwegs. So kann ich mich ganz auf sie einlassen. Das kann auch mal ein Arzt- oder Zahnarztbesuch sein. Dort kommen auch grundsätzliche Lebensthemen zur Sprache, zum Beispiel Krankheit und Tod. Inzwischen bin ich vorab an Sportanlässen meiner Kinder präsent, was von ihnen und auch mir geschätzt wird. Wie auch immer: Was man mit der Betreuung von Kindern für bleibende Werte erhält, lässt sich nicht erklären. Das kann man nur in der Praxis erfahren.

Gibt es auch Nachteile?

Jürg Wiler: Nach der guten Phase der Zweisamkeit war die Geburt unserer Tochter Lea ein tiefer Einschnitt. Alles drehte sich nun um das Kind. Ich fühlte mich mehr als Zudiener denn als Partner. Ich musste akzeptieren, dass das Kind zuerst näher bei der Mutter ist und sich erst mit der Zeit nach aussen orientiert. Als dann Lea nach einem Sturz nach dem Papi schrie, und nicht nach dem Mami, war das für mich ein Schlüsselerlebnis. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass ich eine vollwertige Bezugsperson für meine Kinder sein konnte.

Morgen findet zum achten Mal der Vätertag zum Thema «Zeit zum Vatersein» statt. Männer wie Frauen haben heute generell immer weniger Zeit ...

Jürg Wiler: ... deswegen wird diese Ressource in unserer beschleunigten Welt immer wertvoller. Gerade von Vätern hören wir von der Kampagne «Der Teilzeitmann» oft, dass sie sich die Zeit für mehr Verantwortung in der Familienarbeit nehmen wollen. Sie wollen das Aufwachsen ihrer Kinder nicht verpassen. Sie wollen es anders machen, als es ihre Väter in der Regel gemacht haben, die oftmals gar nicht präsent waren für sie als Kinder.

Wie haben Sie ihren eigenen Vater erlebt? War er ein Vorbild für Sie?

Jürg Wiler: Er hat mir einen guten Boden für mein späteres Leben bereitet. Ich habe ihn in seinen Stärken und Schwächen erlebt. Das ist für mich zu einer wichtigen inneren Ressource geworden. Lange vor seinem Tod – er ist vor vier Monaten gestorben – haben wir uns viel Zeit für uns und für Gespräche genommen. Es blieb nichts unausgesprochen zwischen uns. Eine wertvolle Erfahrung für mich, die ich ohne Teilzeitpensum gar nicht hätte machen können.

Hinweis

* Jürg Wiler (52) hat mit seiner Partnerin zwei Kinder (13- und 16-jährig) und ist Projektleiter Teilzeitmann Schweiz. Das vom Bund geförderte Projekt will bis im Jahr 2020 die Zahl der Männer in Teilzeitstellen um 20 Prozent erhöhen. Das Projekt beruht auf einer Privatinitiative im Jahr 2009 und hat heute Ableger in Deutschland und Österreich.