Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Kommentar

Verdammt politisch — es nervt!

Dem neuen Ökolifestyle kann man sich im Alltag kaum entziehen. Was früher eine Frage des gesunden Menschenverstandes war, ist heute ein politisches Statement.
Doris Kleck
Doris Kleck, Co-Leiterin Bundeshausredaktion

Doris Kleck, Co-Leiterin Bundeshausredaktion

Die Jugend ist wieder politisch. 61 Jugendliche mit Jahrgang 2001 kandidieren für den Nationalrat. Die Generation Z übernimmt also Verantwortung und kritisiert ihre Vorgängergeneration: die Millenials, geboren in den 1980er- und 1990er-Jahren. «Sie haben ihre Pflichten in einigen Bereichen versäumt», sagt etwa Sebastian Huber von der Jungen GLP. Er ist der jüngste Nationalratskandidat überhaupt und wird erst am Tag vor den Wahlen am 20. Oktober volljährig. Und seine Vorwürfe stehen natürlich im Zusammenhang mit der Klimadiskussion.

Die Jugend soll aufmüpfig sein und uns den Spiegel vorhalten. Das macht sie, animiert von der 16-jährigen Greta Thunberg, grad sehr intensiv. Es ist bewundernswert, mit wie viel Engagement und Ernsthaftigkeit die Jugendlichen das Klima auf die politische Agenda gehievt haben. Greta hat geschafft, woran viele Wissenschaftler und Politiker in den letzten Jahren gescheitert sind. Nämlich das Klimathema an den Küchentisch zu bringen.

Nun hören und lesen wir also von Familien, die ihre Sommerferien in Asien abgesagt haben und stattdessen mit dem Zug nach Italien gereist sind. Oder eines Chefs, der seine Ferienwohnung in Miami verkauft hat und nun ebenfalls lieber nach Italien fährt. Im chicen Tesla selbstverständlich. Und natürlich wird die Verhaltensänderung an die grosse Glocke gehängt: Das neue Ökobewusstsein ist in gewissen Kreisen zum neuen Lifestyle mutiert. Es wird zelebriert im Freundeskreis. Im Büro. Und auch auf Instagram. Die Reise im Zug nach Kopenhagen verbunden mit dem Kauf eines nachhaltig produzierten Kleides und dem Besuch im Unverpacktladen etwa. Immer dabei: die auffüllbare Wasserflasche. Pet war gestern. Als ob dies eine grosse Leistung wäre. Beim neuen Ökobewusstsein geht es nicht nur ums Reisen, sondern auch um Kleider, das Essen oder den Abfall. Keine Mittagsrunde im Büro, wo nicht über die Herkunft des Essens debattiert wird oder über die Verpackung. Wer im Restaurant wiederum ein vegetarisches Menü bestellt, wird schnell mal gefragt, ob das Klima der Grund für den Fleischverzicht ist. Keine Handlung ohne Bezug zum Megathema der Stunde.

Der Klimadiskussion kann man sich im Alltag kaum mehr entziehen. Das neue Bewusstsein ist positiv zu werten. Gleichzeitig ist aber auch alles extrem politisch geworden. Und wo es um Politik geht, ist auch die Moral nicht weit. Alles wird hinterfragt bis hin zur Ökobilanz von Streamingdiensten. Die Zusammenhänge sind dabei oft komplexer, als es im ersten Augenblick erscheint. All diese Diskussionen sind anstrengend, weil wir alle nicht frei von Widersprüchen handeln (ausser Greta vielleicht). Sehr oft werden die Gespräche auch emotional. Da wird einem ganz unvermittelt sogar die Geschäftsreise des Partner zum Vorwurf gemacht. Jeder will zeigen, dass er noch ein bisschen grüner lebt. Die Intensität der Debatte hat wohl auch damit zu tun, dass sie an unseren Grundfesten rüttelt: Mehr Regeln, mehr Verbote, mehr Verzicht lautet das Credo der Stunde. Oder wie es die «Süddeutsche Zeitung» beschrieb: «Es zeichnet sich, zumindest in Europa, ein Paradigmenwechsel in der Protestkultur ab: Der Ruf nach Freiheit wird abgelöst vom Ruf nach mehr Regulation.»

Nur: Dieser zur Schau gestellte Ökolifestyle nervt. Mit dem Zug in Europa reisen? Früher war dies eine Frage des gesunden Menschenverstandes, heute ist es ein politisches Statement. Dass Flugzeuge CO2-Schleudern sind und die Gletscher schmelzen, war schon bekannt, bevor Greta auf die Strasse ging. Die Kleider im Secondhand-Laden kaufen? Früher redete man einfach vom Kleidernachtragen — oft nicht nur eine Frage der Ökologie, sondern auch der Ökonomie. Essen soll bio, lokal und saisonal sein? Richtig. Gerne erinnere ich mich an den immensen Gemüsegarten meiner Mutter. Die Ökobilanz von Avocados brauchte mich als Kind nicht zu kümmern — ich kannte diese Frucht schlicht nicht.

Ein kleiner, aber feiner Unterschied zu den Vertretern der Generation Z: Sie muss Antworten auf Fragen finden, die sich den Vorgängergenerationen so gar nicht gestellt haben. Wie fällt schon wieder die Ökobilanz des Streamingdienst Netflix aus?

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.