VERDINGKINDER: «Geld zu versprechen ist unredlich»

Nach dem Rom-Besuch von ehemaligen Opfern von Zwangsmassnahmen reagiert die Bischofskonferenz. Der Basler Bischof Felix Gmür sieht aber nicht nur die Katholische Kirche in der Pflicht.

Interview Sermîn Faki
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Die elfjährige Halbwaise «Martheli» wächst bei Pflegeeltern auf dem Hof «Ellenberg» bei Lützelflüh im unteren Emmental auf. Die Aufnahme stammt aus dem Juli 1954. (Bild: Keystone/Walter Studer)

Die elfjährige Halbwaise «Martheli» wächst bei Pflegeeltern auf dem Hof «Ellenberg» bei Lützelflüh im unteren Emmental auf. Die Aufnahme stammt aus dem Juli 1954. (Bild: Keystone/Walter Studer)

Der Papst hat Guido Fluri, den Initianten der Wiedergutmachungsinitiative, zu einer Audienz nach Rom eingeladen. Wie ist das zu werten?

Felix Gmür: Es handelte sich um eine Generalaudienz, zu der alle eingeladen sind, die sich dafür interessieren. Offenbar verfolgten Herr Fluri und die beiden Betroffenen, die ihn begleitet haben, die Audienz auf Einladung in einem speziellen Sektor. Das zeigt, dass es der Kirche ein Anliegen ist, Menschen, die auf welche Art auch immer Unrecht erleiden mussten, ernst zu nehmen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Ist die Einladung auch ein Signal an die Katholische Kirche in der Schweiz?

Gmür: Der Papst und die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) verfolgen dieselbe Linie. Das Thema hat bei uns eine sehr grosse Bedeutung. Wir wollen, dass die Betroffenen die Möglichkeit zur Aufarbeitung haben. Sie müssen mit ihrer Vergangenheit abschliessen und ihren Frieden mit der Kirche finden können, wenn sie das wollen.

Wo sehen Sie dabei die Aufgabe der Kirche?

Gmür: Die Kirche kann die Opfer unterstützen, indem sie ihnen die Freiheit lässt, zu entscheiden, was ihnen wichtig ist. Die Geschwister, die mit Herrn Fluri nach Rom gefahren sind, haben das so gewollt. Das stimmt für sie. Für andere wäre es vielleicht nicht das Richtige. Wenn sich aber jemand an uns wendet, sind wir für ihn oder sie da.

Neben der persönlichen Aufarbeitung für die Opfer braucht es auch eine historische Aufarbeitung durch die Institutionen. Wo steht die Kirche hier?

Gmür: Unsere Bemühungen können sich sehen lassen, auch wenn die Aufarbeitung nicht abgeschlossen ist. Es gibt einen grossen Willen und bereits auch konkrete Resultate. Nehmen Sie die beiden Berichte zu den fünf Luzerner Kinderheimen in Luzern-Baselstrasse, Rathausen, Knutwil, Mariazell und Malters. Experten der Universität Luzern haben sie im Auftrag des Kantons und der katholischen Kirche verfasst. Das Heim im thurgauischen Fischingen und die Ingenbohler Schwestern haben historische Studien und Berichte erstellt. Es gibt also wissenschaftliche Untersuchungen. Und in Rathausen gibt es auch einen Erinnerungsort für die Opfer.

Das sind Einzelfälle. Die Opfer wünschen sich eine aktivere Rolle der Kirche. Müsste die Bischofskonferenz nicht von sich aus tätig werden und eine lückenlose historische Aufarbeitung in Auftrag geben?

Gmür: Wir sind ein kleinteiliges Land; jeder Kanton ist autonom. Die SBK kann auch nicht einfach über die Bistümer oder Ordensgemeinschaften bestimmen. In der Pflicht stehen daher die einzelnen Institutionen, an die wir appellieren können. Das haben wir auch getan. In der Westschweiz hat beispielsweise Bischof Charles Morerod den Auftrag gegeben, das Institut Marini in seiner Diözese zu untersuchen.

Und Sie?

Gmür: Ich unterstütze die Aufarbeitungen, auch wenn das Bistum Basel selbst keine Heime geführt hat.

Sehen Sie denn keine Verantwortung der Institution Kirche? Immerhin war ein Grossteil der Heime unter kirchlicher Obhut.

Gmür: Das war in den katholischen Kantonen oft der Fall. Die Heime wurden zumeist im Auftrag des Staates von Ordensfrauen geführt, weil diese beim damaligen Fachkräftemangel verfügbar waren und wenig kosteten. Staat und Kirche stehen also gemeinsam in der Pflicht.

Sie unterstützen die Wiedergutmachungsinitiative, bei der es auch um Geld geht. Der Bund denkt daran, auch Dritte an der Finanzierung der Entschädigung zu beteiligen. Wie stehen Sie dazu?

Gmür: Zu streiten, wer zahlt, ist nicht im Sinn der Sache. Die katholische Kirche beteiligt sich am bereits geschaffenen Soforthilfefonds. Die geplante nationale Kollekte sollte einige hunderttausend Franken erbringen. Für die Opfer sind schnelle und praktikable Lösungen wichtig.

In Deutschland und in Irland hat sich die Kirche in weit grösserem Ausmass an den Entschädigungen beteiligt. Warum ist das hierzulande nicht möglich?

Gmür: Anders als in Deutschland und in Irland liegt das Geld in der Schweiz bei den Kirchgemeinden. Übergeordnete Institutionen wie die Bischofskonferenz haben nur ein Empfehlungsrecht.

Mit denen man ja reden kann. Braucht es nicht ein Zeichen des guten Willens?

Gmür: Zeichen des guten Willens geben wir mit der nationalen Kollekte, indem wir am runden Tisch sitzen, die Wiedergutmachungsinitiative unterstützen, Studien und Aufarbeitungsberichte erstellen oder eben, indem zwei Betroffene diese Woche zum Papst reisen konnten. Finanziell geht es bei der Initiative um 500 Millionen Franken, beim indirekten Gegenvorschlag um 300 Millionen. Geld versprechen, das wir nicht haben, ist unredlich. Das können wir nicht.

Und wie sollen das Bund und Kantone machen?

Gmür: In die fürsorgerischen Zwangsmassnahmen waren viele verschiedene Akteure involviert – Vormundschaftsbehörden, Ärzte, Pfarrer, kantonale Behörden, Nachbarn, Ordensfrauen. Das zu erkennen, ist ein schmerzhafter Prozess. Heute sehen Viele in unserer Gesellschaft die damaligen Missstände und sind bereit, den Opfern Hilfe zu gewähren. Wie auch immer: Am Ende werden es Steuergelder sein.

Finden Sie, die Kirche wird zu Unrecht an den Pranger gestellt?

Gmür: Nein. Dort, wo die kirchlichen Institutionen versagt haben, müssen sie Verantwortung wahrnehmen und die Vergangenheit aufarbeiten. Letztlich geht es um die Opfer. Ihnen muss Gerechtigkeit widerfahren.

Felix Gmür ist seit 2011 Bischof des Bistums Basel. Der Luzerner ist Mitglied des Fachgremiums «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» der Schweizerischen Bischofskonferenz (SBK) und bischöflicher Vertreter in der SBK-Kommission Justitia et Pax für sozialethische Fragen.