VERKEHR: Die Strassen sind zu lärmig

Jeder fünfte Schweizer ist von Strassenverkehrslärm betroffen, wie neue Modellberechnungen des Bundesamts für Umwelt zeigen. Das Amt empfiehlt deshalb, den Lärm an der Quelle zu reduzieren: beim Auto und bei der Strasse.

Bruno Knellwolf
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Die Schweiz hat ein Problem mit dem Strassenlärm. Im Bild: Passantin vor Fussgängerstreifen. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Die Schweiz hat ein Problem mit dem Strassenlärm. Im Bild: Passantin vor Fussgängerstreifen. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Das sei vorausgeschickt: Schall und Lärm sind nicht das Gleiche. Schall ist eine Luftdruckschwankung, die sich wellenförmig bis in unser Ohr ausbreitet. Eine physikalische Grösse, die sich mit einem Messgerät festhalten lässt. Lärm dagegen ist eigentlich nicht messbar, weil erst die verstörende Wirkung des Schalls auf uns Menschen ihn überhaupt zu Lärm macht. Und diese Wirkung ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Ein Fluss erzeugt oft einen stärkeren Schall als eine Strasse, trotzdem wohnen wir lieber an einem Bach als an einer Autobahn.

Dezibel als Massstab

Trotz der Subjektivität des Lärmempfindens gibt es theoretische Grenzwerte, welche für einen Durchschnittsmenschen gelten. Diese werden in Dezibel angegeben. In der Schweiz werden diese Grenzwerte aufgrund der Lärmschutzverordnung des Bundes aus dem Jahr 1987 bestimmt. 70 Dezibel Lärmbelastung ist zum Beispiel tagsüber ein Alarmwert an einem Gebäude. Um festzustellen, wie viele Menschen in der Schweiz von Lärm wirklich betroffen sind, wurden in strassenlärmbelasteten Gebieten Lärmkataster erstellt, welche die Auswirkungen des Strassenverkehrs abbilden. Menschen werden zwar auch durch Flug- und Eisenbahn- oder Industrielärm gestört, doch am meisten betroffen sind Schweizerinnen und Schweizer vom Strassenverkehr.

Teure Sanierungen bei Alarmwert

Wird bei einem Haus der Alarmwert erreicht, wird das Haus auf dem Lärmkataster rot eingefärbt, bei den gelb gekennzeichneten Häusern wird der um zehn Dezibel tiefere Immissionsgrenzwert überschritten. Schon wenn dieser Immissionsgrenzwert erreicht wird, müssen zwingend Massnahmen zur Lärmreduktion ergriffen werden – ab Alarmwert gar teure Sanierungsmassnahmen wie Schallschutzfenster, die der Strasseneigentümer zu bezahlen hat. Möglich sind auch Lärmschutzwände, doch die sind innerorts schwierig aufzustellen. Wirksamer als bauliche Massnahmen wie Fenster und Wände wäre allerdings die Reduktion der Lärmquelle selbst, hat gestern das Bundesamt für Umwelt (Bafu) in Bern erklärt.

85 Prozent in urbanen Gebieten

Das Bafu hat mit neuen Modellen berechnet, wie viele Gebäude und Menschen von übermässigem Strassenverkehrslärm betroffen sind. «Viele», sagt Urs Walker, Chef Abteilung Lärm beim Bafu. Am Tag ist jeder fünfte Schweizer und in der Nacht jede sechste Person an ihrem Wohnort von Strassenverkehrslärm betroffen. In 900 000 Wohnungen ist es tagsüber zu laut, geschädigt sind so 1,6 Millionen Personen, nachts rund 1,4 Millionen. Eindeutig stärker betroffen sind Bewohner der Stadt und der Agglomerationen. 85 Prozent der lärmbelästigten Schweizer leben in urbanen Gebieten. In ländlichen Gebieten ist die Belastung nur halb so hoch. Auf dem Land ist die Gefahr, durch Lärm gestresst, im Schlaf gestört und krank zu werden, somit deutlich geringer.

An Lärmquellen ansetzen

Da sich die Situation mit zunehmender Urbanisierung, mehr Verkehr und mehr Einwohnern verschärfen wird, empfiehlt das Bafu, an den Lärmquellen anzusetzen. Urs Walker spricht vom Einbau von Lärm dämmenden Strassenbelägen, dem Einsatz von wenig Lärm erzeugenden Reifen, Geschwindigkeitsbegrenzungen und angepasster Fahrweise (siehe Grafik). Welche Massnahme hält er für die effizienteste? «Es braucht alle Massnahmen», sagt Walker. Lärm schluckende Beläge seien eine sehr wirksame Methode. «Allerdings haben diese Beläge noch eine beschränkte Lebensdauer.» In der Westschweiz würden übrigens mehr leise Beläge eingebaut als östlich von Aarau (siehe Box). «Sehr einfach umzusetzen sind in der Theorie Tempolimiten. Dabei muss aber genau beachtet werden, ob man damit auch wirklich eine Lärmreduktion erreicht», sagt Walker. Das passiert nicht, wenn die Limiten nicht eingehalten oder durch bauliche Massnahmen Stop-and-go-Situationen erzeugt würden.

Benzin sparen – Lärm vermeiden

Eine einfache Massnahme ist das Montieren leiser Reifen. «Ein Konsumgut, das sowieso ersetzt werden muss», sagt Walker. Die vierte Massnahme spricht die Vernunft an. Wer so fahre, wie man es beim Ecodrive lerne, also um Sprit zu sparen, reduziere gleichzeitig auch den Lärm. Eigentlich müsste Walker auch ein Freund der Elektromobile sein, die bei tiefen Tempi leiser sind. Doch um mit E-Mobilen einen Effekt zu erreichen, müsste die Hälfte aller Autos mit Strom fahren. Damit ist nicht zu rechnen.

 

Zentralschweiz: Die Zeit für Massnahmen läuft langsam ab

slu.Lärmschutz Jede fünfte Person in der Schweiz ist übermässigem Strassenlärm ausgesetzt. Am grössten ist die Lärmbelastung in den städtischen Gebieten, das überrascht wenig. Entsprechend sind in der Zentralschweiz im Schnitt auch weniger Personen vom Lärm belastet als in der Schweiz. Tagsüber sind in den Kantonen Luzern, Zug, Ob- und Nidwalden, Uri und Schwyz 16 Prozent der Bevölkerung in ihrem Wohnumfeld von schädlichem oder lästigem Lärm betroffen. Nachts sind es 13 Prozent.

Problemstrassen erfasst

Alle Kantone mussten in einem Lärmkataster erfassen, welche Häuser von einer Lärmbelastung des Strassenverkehrs betroffen sind, die den zulässigen Grenzwert von 60 Dezibel oder gar den Alarmwert von 70 Dezibel überschreitet. Laut der Lärmschutzverordnung des Bundes müssen die Kantone all diese Strassen bis am 31. März 2018 sanieren. Wer diese Frist verpasst, erhält für die Sanierungsprojekte nach dem Stichtag keine Unterstützung des Bundes mehr, welche rund 20 bis 25 Prozent der Kosten beträgt. Laut Urs Walker werden mehrere Kantone die Frist bis Ende März 2018 nicht einhalten können. Aber der Chef Lärm des Bundesamts für Umwelt (Bafu) schweigt sich darüber aus, welche seiner Meinung nach im Verzug seien. Auf diese Weise unterstützt der Bund in der Zentralschweiz Lärmschutzmassnahmen wie neue Beläge oder Schallschutzfenster und Ähnliches für 6,6 Millionen Franken in der Planungsperiode 2012 bis 2015.

Luzerner Gemeinden in der Pflicht

Der Grossteil der Unterstützung erhält der Kanton Luzern. Fast alle Kantonsstrassen müssen saniert werden. «Die Kantonsstrassen werden bis zum Ablauf der gesetzlich vorgegebenen Frist im Jahr 2018 saniert sein. Trotzdem wird an vielen Orten die Lärmbelastung mit verhältnismässigen Massnahmen nicht unter den Grenzwert gebracht werden können», sagt Hansruedi Arnet von der Luzerner Dienststelle für Umwelt und Energie. Etwas anders sieht es bei den betroffenen Gemeindestrassen aus. Von den 83 Luzerner Gemeinden haben 36 Strassen auf ihrem Gebiet, bei denen wegen des Lärms Massnahmen getroffen werden müssen. «In 14 Gemeinden ist man gut unterwegs, und die Projekte sind aufgegleist», erklärt Arnet. Die anderen müssten jetzt langsam «in die Hosen steigen», damit man nicht mit der Frist des Bundes in Konflikt kommt. Anders sieht es in Uri und Nidwalden aus. Laut der Vereinbarung für die Periode 2012 bis 2015 mit dem Bund müssen in den beiden Kantonen gar keine Massnahmen mehr getroffen werden. Von übermässigem Lärm betroffen sind Anwohner von Nationalstrassen. Für diese ist der Bund zuständig.

Nidwalden und Zug auf Kurs

In Zug sei man auf Kurs, sagt Baudirektor Heinz Tännler. Man konnte etliche Projekte im ganzen Kanton umsetzen. «Wir sind zuversichtlich, dass wir 2018 alle Projekte abgeschlossen haben», sagt der SVP-Regierungsrat. Hot Spots wie die Neugasse in Zug habe man erledigt. Aber es seien noch einige ausstehend. Etwa die Grabenstrasse, wo es zu Verzögerungen komme, weil vor Gericht noch Einsprachen gegen das Sanierungsprojekt hängig seien. Solche Hindernisse könne man nur schwerlich genau einplanen, und dann verzögere sich eine Sanierung, sagt Tännler. Auch in Nidwalden stehe man gut da, sagt Gerald Richner, Leiter des Amts für Umwelt. Bei den Kantonsstrassen habe man fast alle Lärmschutzmassnahmen umgesetzt, man sei zu 90 Prozent fertig. Noch fehlt etwa die Bürgenstockstrasse, an welcher aber nur wenige Anwohner betroffen seien. «Auch bei den Gemeindestrassen sind wir fast fertig», sagt Richner. Noch fehlten Sanierungen in Buochs, Hergiswil und Ennetbürgen, aber diese seien praktisch alle aufgegleist. In Schwyz war die zuständige Ansprechperson nicht erreichbar.

Auf jeden Fall legen die Kantone einen Zahn zu. «Wir beobachten, dass die Tätigkeit zur Lärmsanierung zugenommen hat», sagt Urs Walker. Man habe jetzt mehr Gelder zur Verfügung, aber man spüre auch, dass der Schlussspurt in Angriff genommen wird, sagt der Chef der Abteilung Lärm des Bafu. Auffallend sei für ihn, dass man in der Westschweiz gegenüber Lärm schluckenden Strassenbelägen aufgeschlossener sei als in der Deutschschweiz. Der Aargau und Basel-Landschaft bilden hier Ausnahmen. Der Zuger Baudirektor Tännler kennt diese Einschätzung: «Aber wir haben andere Beläge vorgezogen, die unserer Meinung nach langfristig ein besseres Ergebnis erzielen – sowohl beim Lärm wie auch beim Substanzerhalt.»