VERKEHR: Internetpranger für Velorowdys

Velorüpel sollen härter angepackt werden, fordert CVP-Nationalrat Markus Lehmann. Dies sei der falsche Weg, kontert der Verein «Pro Velo» – und setzt auf mehr Respekt.

Kari Kälin
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In der Fussgängerzone in der Rössligasse in Luzern – es handelt sich um eine gestellte Szene – dürfte dieser Velofahrer nicht sein. (Bild Pius Amrein)

In der Fussgängerzone in der Rössligasse in Luzern – es handelt sich um eine gestellte Szene – dürfte dieser Velofahrer nicht sein. (Bild Pius Amrein)

Der pedalende Rowdy, der Rotlichter missachtet, aufs Trottoir ausweicht oder haarscharf an Fussgängern vorbeiflitzt, liefert auch für unsere Zeitung immer wieder Stoff für Leserbriefe. Nicht immer bleibt es beim Ärger über eine Fast-Kollision. Im letzten Jahr wurden gemäss der Beratungsstelle für Unfallverhütung 49 Unfälle mit gravierenden Folgen zwischen Velofahrern und Fussgängern registriert. Vier Fussgänger starben. In 69 Prozent der Unfälle lag die Schuld bei den Velofahrern.

Besorgte Senioren

Markus Lehmann bekommt viele Sorgen und Nöte von fast oder ganz überfahrenen Fussgängern zu hören. Der CVP-Nationalrat aus Basel-Stadt schwingt sich selber regelmässig auf den Sattel und versteht sich nicht als Velofeind. Die Mehrheit der Velofahrer verhalte sich korrekt. Gleichwohl hat Lehmann den Furor über die Velorowdys auf die politische Agenda gesetzt. «Vor allem in Städten kommt es immer wieder zu haarsträubenden Szenen», sagt Lehmann. In drei kürzlich eingereichten Vorstössen verlangt er ein härteres Vorgehen gegen die Unbelehrbaren. Auf dem Sorgenbarometer von Senioren stehe die Angst, auf dem Trottoir von Velofahrern angefahren zu werden, ganz oben auf der Liste, sagt Lehmann.

Gleich bestrafen wie Raser

Unter dem Titel «Via-Sicura-Velo» will Lehmann künftige Todesfälle verhindern. Dafür müssen seiner Meinung nach «grob fahrlässige Velofahrer», die Unfälle mit Verletzungen verursachen, «knallhart» bestraft werden, auch mit unbedingten Gefängnisstrafen wegen Körperverletzungen. Wer in hohem Tempo auf dem Trottoir herumfahre und Unfälle verursache, solle dafür gleich wie Raser auf den Strassen gebüsst werden.

Um die Fehlbaren überhaupt zu identifizieren, brauche es jedoch unter anderem hochwertige Überwachungskameras wie auf Autobahnen. Analog zu den Fussballchaoten solle man danach via Internet und Medien nach den Fahrradrüpeln fahnden. Ferner sollen die Velofahrer zwecks Erkennbarkeit wieder eine Velonummer lösen müssen. Denkbar wäre für Lehmann auch ein Chip, der zwischen 50 bis 100 Franken kosten soll. Denn Tausende Velos würden einfach irgendwo abgestellt und müssten danach entsorgt werden. Und schliesslich sollen die Nummern von Elektrobikes so beschaffen sein, dass sie auch von Blitzkästen erfasst werden können.

Pro Velo plant Kampagne

So viel geballte Kritik lässt Jean-François Steiert, den Präsidenten des Vereins Pro Velo Schweiz, nicht kalt. «Wenn ein Velofahrer auf einem Trottoir, auf dem sich keine Fussgänger befinden, fährt, ist das kein Drama. Wenn er darauf Fussgänger überfährt, ist er schlicht und einfach rücksichtslos», sagt er. Es gebe jedoch auch respektlose Fussgänger und Autofahrer, ergänzt der Freiburger SP-Nationalrat. Man müsse dafür sorgen, dass jene, welche die Gesetzte nicht respektierten, belangt werden. Es sei aber falsch, einen politischen Kreuzzug gegen Velofahrer zu führen, sagt er an die Adresse des Christdemokraten Lehmann.

Stattdessen setzt Steiert auf Dialog. Regelmässig tauscht sich Pro Velo deshalb unter anderem mit dem Verein Fussverkehr Schweiz, dem Touring Club Schweiz (TCS) oder der Astag, dem Verband der Lastwagenfahrer, aus. Dabei würden Konfliktfelder aus dem Alltag diskutiert. Geplant ist auch eine Kampagne unter dem Titel «Respekt». Analog zu den FIS-Regeln auf den Skipisten soll ein Verhaltenskodex für die verschiedenen Verkehrsteilnehmer erarbeitet werden. Wann das Projekt gestartet wird, ist laut Steiert noch offen.

Für den Freiburger Nationalrat, der sein Geschichtsstudium mit Lastwagenfahren finanzierte, ist klar: Disziplinieren kann man Velofahrer unter anderem mit polizeilichen Schwerpunktkontrollen. Auch eine verbesserte Infrastruktur für Velofahrer trage zu einer Entspannung bei. «Weniger Velos auf den Strassen verflüssigen den Verkehr», sagt er.

Bundesamt sieht Nachholbedarf

Bei der Veloinfrastruktur besteht in den Augen von Matthias Remund, Direktor des Bundesamtes für Sport (Baspo), aber noch Nachholbedarf. Die Verkehrsplanung sei auf Autofahrer und Fussgänger ausgerichtet, sagte er im Juli in einem Interview gegenüber unserer Zeitung. Ein wirklich bedürfnisgerechtes Radwegnetz existiere in den Städten nicht.