VERKEHR: Tausende Lenker haben die Fahrprüfung nie absolviert

Die meisten ausweislosen Fahrer sind jünger als 30 Jahre. Einige schaffen es aber, sich der Polizei während Jahrzehnten zu entziehen. Wer erwischt wird, dem droht gar Gefängnis.
Kari Kälin
Im Parkhaus beim Kantonsspital in Luzern ist zu wenig Platz – es gibt regelmässig Stau oder die Autofahrer weichen auf das Maihof-Quartier aus. (Symbolbild: Dominik Wunderli)

Im Parkhaus beim Kantonsspital in Luzern ist zu wenig Platz – es gibt regelmässig Stau oder die Autofahrer weichen auf das Maihof-Quartier aus. (Symbolbild: Dominik Wunderli)

Kari Kälin

Auch das ist eine Leistung: Ein 49-jähriger Basler setzte sich seit 30 Jahren regelmässig ans Steuer, obwohl er gar nie einen Fahrausweis besass, sondern lediglich die Töffliprüfung absolviert hatte. Aufgeflogen ist der Mann, der nach eigenen Angaben nie in eine Kontrolle geriet, am letzten Sonntag in Engelberg bei einer Verkehrskontrolle der Kantonspolizei Obwalden. Dass «billettlose» Lenker so lange unbehelligt auf Schweizer Strassen herumkurven, kommt zwar nicht oft, aber immer wieder vor. Im Juli 2012 ertappte die Luzerner Polizei einen 60-jährigen Schweizer, der sogar während 42 Jahren ohne Führerausweis unterwegs war. Ein anderer Autofahrer, seit 22 Jahren ohne «Permis» am Steuer, gab den Ordnungshütern im gleichen Jahr zu Protokoll: «Ich hatte kein Geld für die Führerprüfung.»

Fahren ohne Ausweis kann teuer werden. Wen die Polizei erwischt, dem droht eine Gefängnisstrafe von bis zu drei Jahren und/oder eine Geldstrafe von bis zu 360 Tagessätzen à maximal 3000 Franken.

Viele fahren auch nach Ausweisentzug weiter

Von 2010 bis 2016 zog die Polizei 12299 Personen aus dem Verkehr, die gar nie eine Fahrprüfung abgelegt haben, 2016 waren es 1553, Tendenz sinkend. Zu zwei Dritteln sind die «Sans permis»-Fahrer jünger als 30 Jahre. Gut 100 flogen auf, weil sie in ­einen Unfall verwickelt waren. Jährlich stoppt die Polizei zudem rund 1500 Lenker, die trotz Ausweisentzug Auto fahren.

Experten vermuten, dass sich in Tat und Wahrheit viel mehr Personen ohne gültigen Ausweis auf hiesigen Strassen tummeln. Die Stiftung Road Cross setzt sich für Strassenverkehrsopfer ein. Für Sprecher Stefan Krähenbühl ist der Umstand, dass die Polizei jährlich nicht mehr Fahrer ohne Ausweis ausspürt, Ausdruck davon, dass in der Schweiz generell wenig Verkehrskontrollen ohne Indiz auf Fehlverhalten durch­geführt werden.

Einen Vorwurf macht er der Polizei nicht. «Sie legt ihren Fokus auf Lenker, die im Verkehr durch risikohaftes Verhalten auffallen. Für die Sicherheit ist diese Strategie zu begrüssen», sagt er.

Zahlen der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) stützen Krähenbühls Einschätzung. In den letzten Jahren gab es tendenziell weniger Unfälle, an denen Fahrer ohne gültigen Ausweis beteiligt waren.

Michael Rytz, Verkehrssicherheitsexperte beim Verkehrsclub Schweiz (VCS), würde gleichwohl eine stärkere Kon­trolltätigkeit begrüssen. Dies erhöhe die Sicherheit generell, weil zum Beispiel alkoholisierte Fahrer ins Netz gingen. «Und wenn man mit mehr Kontrollen rechnen muss, wagen sich Fahrer ohne Ausweis oder in einem fahruntüchtigen Zustand vielleicht gar nicht mehr auf die Strasse.»

Führt die Polizei zu wenig Kontrollen durch? Dies sei immer eine Frage der Perspektive, sagt Urs Wigger, Sprecher der Luzerner Polizei. Verkehrskontrollen würden hauptsächlich im Rahmen der normalen Patrouillen­tätigkeit durchgeführt, sagt er.

Die Polizei kontrolliert dann zum Beispiel Lenker, die Verkehrsregeln brechen. Wer sich daran hält, hat weniger zu befürchten. «Wenn Fahrzeuglenkende sich korrekt im Verkehr verhalten und keinen Anlass für eine Kontrolle geben, ist es durchaus möglich, dass diese über längere Zeit nicht von der Polizei kontrolliert werden», so Urs Wigger.

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