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VERKEHR: Wettbewerb um beste ÖV-App

Die Schweiz drohte beim E-Ticket den Anschluss zu verpassen. Doch nun können Kunden dank Apps in mehreren Regionen auf das Billett verzichten. Ein Vergleich.
Tobias Gafafer
Mit der App «Fairtiq» erhält der Fahrgast immer das richtige Ticket – ohne umständliches Tarifstudium. Im Bild: Ein Fahrgast nutzt das Programm in einem Bus der Verkehrsbetriebe Luzern (VBL). (Bild Pius Amrein)

Mit der App «Fairtiq» erhält der Fahrgast immer das richtige Ticket – ohne umständliches Tarifstudium. Im Bild: Ein Fahrgast nutzt das Programm in einem Bus der Verkehrsbetriebe Luzern (VBL). (Bild Pius Amrein)

Tobias Gafafer

Luzern, Verkehrshaus: Ein Rentner wartet auf den Trolleybus zum Bahnhof Luzern. Auf seinem Smartphone öffnet er die «Fairtiq»-App und zieht das Start-Zeichen nach rechts. Das System erkennt die Haltestelle automatisch. In Luzern steigt er in den Zug nach Engelberg um. Nach der Ankunft vergisst er, sich abzumelden. Die App erinnert ihn daran, dass er seine Reise vermutlich beendet hat. Der Rentner zieht das Stopp-Zeichen nach links. Am Ende des Tages erhält er die Abrechnung. Die App sucht automatisch den günstigsten Tarif – und verrechnet maximal den Preis einer Tageskarte für die durchfahrenen Zonen.

Handynummer und Kreditkarte

So ein E-Ticket tönt nach Zukunftsmusik, steht aber in den Tarifverbunden Passepartout (Innerschweiz), Frimobil (Freiburg) und im Oberengadin (RhB) seit April zur Verfügung. 10 000 Personen haben bisher die App «Fairtiq», die mit Apple iOS und Google Android funktioniert, heruntergeladen – und über 20 000 Fahrten gekauft. Hinter der Erfolgsgeschichte steht die Firma von Gian-Mattia Schucan, früherer Vertriebschef bei den SBB. Die Transportunternehmen beteiligen sich mit einer Pauschale und einem Beitrag pro Fahrt am Betrieb und an der Weiterentwicklung. «Die Kosten sind erheblich günstiger als jene von Billettautomaten.»

Die praktische App funktioniert über WLAN oder GPS. Um sie zu nutzen, muss man die Handynummer und eine Kreditkarte angeben. «Fairtiq» behält die Nutzerdaten zwölf Monate lang – so lange, wie eine Reklamation möglich ist. Danach werden diese anonymisiert. Der Datenschützer war in die Lancierung involviert. «Die Leute machen freiwillig mit, die übrigen Vertriebswege stehen weiter zur Verfügung», sagt Schucan.

Zugang zu ÖV erleichtern

Lange geschah in der Schweiz in diesem Bereich wenig, doch in letzter Zeit kam Bewegung in die Sache. Seit einigen Monaten testet im Tarifverbund Libero auch die Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn (BLS) eine selber entwickelte App namens «Lezzgo», die ähnlich wie «Fairtiq» funktioniert. Ziel ist, dass das Geld im ÖV bleibt. Mehr als hundert Testkunden nutzen die App, die es zurzeit nur für Apple iOS gibt – eine Version für Google Android soll im August folgen. «Das Interesse war gross, obwohl wir keine Werbung gemacht haben», sagt Dominique Berger, stellvertretende Projektleiterin.

Zielgruppe seien die Gelegenheitsfahrer. «Wir wollen den Zugang zum ÖV für Leute ohne Abo erleichtern.» Am wichtigsten sei für die Kunden die simple Bedienung und erst in zweiter Linie der Preis. Auch die praktische App der BLS sucht automatisch den günstigsten Tarif und verrechnet maximal eine Tageskarte. Die BLS hat sich ebenfalls mit dem Datenschützer abgesprochen. Sie anonymisiert die Daten nach einem Jahr oder auf Wunsch bereits früher.

Südostbahn hat grosse Pläne

Ein Pilotprojekt am Laufen hat mit «Cibo» zudem Postauto Schweiz. Das mit Partnern selber entwickelte System arbeitet mit dem WLAN der Postautos. Es ist zurzeit auf die Stadt Sitten und eine Buslinie nach Martigny beschränkt. Mit dem bisherigen Verlauf des Projekts ist Postauto sehr zufrieden. Ambitiösere Pläne als die anderen Anbieter hat die Südostbahn (SOB), deren System aber noch nicht operativ ist. Sie arbeitet an einer eigenständigen Plattform, die neben einem elektronischen Ticket die ganze Mobilitätskette, also etwa auch Taxis, umfassen soll. Gemäss SOB-Direktor Thomas Küchler ist das Projekt in der ersten Realisierungsetappe, ab September sollen Tests mit rund 50 Kunden folgen. Dazu gehört ein «Be in, be out»-System (Bibo), das die Kunden beim Ein- und Ausstieg automatisch erfasst. Im Gegensatz zu anderen Anbietern kooperiert die SOB eng mit Siemens. «Die für unsere Plattform benötigten Anwendungen sind heute alle auf dem Markt erhältlich», sagt Küchler. Dadurch könne viel Geld gespart werden. «Die Industrie ist bei der Erarbeitung einer Lösung wesentlich rascher und technologisch fitter als die ICT-Bereiche der ÖV-Branche.»

«Wettbewerb nützt den Kunden»

Aussen vor blieben bisher die SBB. Mehr noch: Der frühere Verwaltungsratspräsident Ulrich Gygi kritisierte im Frühling das Konkurrenzdenken in der Branche, statt selber eine Lösung anzubieten. Mittlerweile haben die SBB aber erkannt, dass sie den Zug nicht verpassen dürfen. Vor kurzem gab die grösste Bahn überraschend bekannt, dass sie mit BLS und Postauto ab dem Herbst einen Pilotversuch plant. Als Basis dienen deren Apps.

Schucan von «Fairtiq» gibt sich gelassen. «Der Wettbewerb nützt dem Kunden.» Gewinnen würden letztlich mehrere Apps, die diverse Kundensegmente abdecken, und nicht eine Lösung.

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