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Verkehrskommission: Präsidentin Edith Graf-Litscher geht Meyers Rücktritt nicht schnell genug

Edith Graf-Litscher, die Präsidentin der nationalrätlichen Verkehrskommission zur Rücktrittsankündigung von SBB-Chef Andreas Meyer, seinem Leistungsausweis und den künftigen Herausforderungen der SBB.
Dominic Wirth
SBB-Chef Andreas Meyer während der heutigen Pressekonferenz, an der er seinen Rücktritt angekündigt hat. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

SBB-Chef Andreas Meyer während der heutigen Pressekonferenz, an der er seinen Rücktritt angekündigt hat. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Frau Graf-Litscher, SBB-Chef Andreas Meyer tritt überraschend zurück - spätestens bis Ende 2020. Seit wann wissen Sie davon?

Herr Meyer hat mich heute Morgen persönlich informiert, dass er seinen Rücktritt bekanntgeben wird.

Wie haben Sie reagiert?

Ich habe mich für die persönliche Information bedankt und ihm alles Gute für die Zukunft gewünscht.

Der Rücktritt soll schon länger beschlossene Sache gewesen sein und also nicht in direktem Zusammenhang mit der aktuellen Krise stehen. Halten Sie das für plausibel?

Herr Meyer hat mir gesagt, dass er die zuständige Bundesrätin, Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga, schon im Mai informiert habe. Ich glaube ihm das. Tatsache ist, dass ein solcher Rücktritt ein grosser Entscheid ist. Den fasst man nicht vom einen Tag auf den anderen.

Edith Graf-Litscher, Präsident der nationalrätlichen Verkehrskommission und Gewerkschaftssekretärin beim SEV, der Gewerkschaft des Verkehrspersonals. (Bild: Reto Martin)

Edith Graf-Litscher, Präsident der nationalrätlichen Verkehrskommission und Gewerkschaftssekretärin beim SEV, der Gewerkschaft des Verkehrspersonals. (Bild: Reto Martin)

Meyer wird spätestens Ende 2020 zurücktreten. Hätten Sie sich einen früheren Zeitpunkt gewünscht?

Der Zeithorizont erstaunt mich tatsächlich ein bisschen. Ich verstehe, dass es Zeit braucht, bis die Stelle besetzt werden kann. Bis der neue Chef eingearbeitet ist, kann es nun aber bis zu zwei Jahre dauern. Angesichts dessen, dass die SBB einen Neuanfang braucht, erachte ich das als zu lange Übergangsphase. Ich hoffe, dass Herr Meyer und der Verwaltungsrat das noch einmal anschauen.

Sie haben Anfang Woche die Frage, ob die Verkehrskommission noch Vertrauen in die SBB-Leitung habe, nicht beantworten wollen. Jetzt ist Meyer zurückgetreten.

Innerhalb der Verkehrskommission war es nie ein Thema, dass Meyer zurücktreten soll. Das liegt seiner Kompetenz und jener des Verwaltungsrats. Ich persönlich habe beim Personal schon länger eine grosse Unzufriedenheit gespürt. Man hat sich nicht ernst genommen gefühlt, etwa, weil Meldungen über Sicherheitsmängel in der Schublade landeten. Oder weil ständig reorganisiert wurde. Da hat sich schon lange etwas zusammengebraut, und dann kam der tragische Unfall des Zugchefs in Baden dazu. Der hat das Fass zum Überlaufen gebracht.

Man darf einen solchen Zwischenfall nicht skandalisieren, aber man darf ihn auch nicht bagatellisieren. Ich erwarte, dass die Unternehmensleitung alles daran setzt, sicherzustellen, dass seriöser Unterhalt künftig vor Effizienzdruck steht.

Sehen Sie diesen Effizienzdruck als Auslöser für die aktuelle Krise, die Debatte über Verspätungen, über Sicherheit, über das Rollmaterial?

Diese Beispiele zeigen, dass für das künftige SBB-Management der Service-public-Gedanke oberste Priorität haben muss. Als erstes muss der Betrieb laufen, danach kann man zusätzliche Projekte in Angriff nehmen.

Hat Andreas Meyer falsche Prioritäten gesetzt?

Herr Meyer hat sich stark mit der Zukunft der Mobilität und digitalen Lösungen auseinandergesetzt. Er war sich bewusst, wie sehr sie sich der öffentliche und der Individualverkehr durch die E-Mobilität und technologische Entwicklungen verändern werden. Er hat sich dafür eingesetzt, dass sich die SBB hier gut positioniert.

Und darob das Kerngeschäft vernachlässigt?

Ich habe mir schon manchmal gedacht: Zukunftsthemen sind schön und gut, aber zuerst muss das Kerngeschäft funktionieren. Es ist menschlich, dass man lieber positive Nachrichten überbringt. Aber es hat mich nachdenklich gestimmt, dass Herr Meyer letzte Woche zwar Zeit fand, eine neue App zu präsentieren, am Abend dann aber die Kommunikationschefin Kathrin Amacker ins Schweizer Fernsehen schickte, um über die aktuellen SBB-Probleme zu diskutieren.

Andreas Meyer ist seit 2007 SBB-Chef. Wie bewerten Sie seine Arbeit insgesamt?

Er hat die SBB im digitalen Bereich gut positioniert, ist offen und kommunikativ auf die Leute zugegangen. Aber es ist ihm nicht gelungen, einen vertieften zwischenmenschlichen Kontakt herzustellen. Eine Du-Kultur ist etwas Lässiges, aber man muss die Leute auch ernst nehmen. Bei der Infrastrukturentwicklung hat Meyer einen guten Leistungsausweis. Er hat darauf geschaut, dass die SBB mehr Geld für den Unterhalt erhält. Er hat zudem im Fernverkehr mit der BLS eine Lösung gefunden und die Neuausrichtung von SBB Cargo aufgegleist.

Was sind sind die grössten Baustellen der SBB?

Die SBB ist nach wie vor ein zuverlässiges Unternehmen mit top motivierten Mitarbeitenden. Man muss aber aufhören, einfach zu reorganisieren, damit man reorganisiert hat. Das hat die Leute zermürbt. Man muss in Zukunft alles daran setzen, dass das Wagenmaterial rechtzeitig da ist. Dass es genug Personal gibt, Lokführer etwa. Und man muss in Zukunft bei Sicherheitsfragen das Personal an der Front ernst nehmen und auf deren Meldungen eingehen. Das hat uns Herr Meyer am Montag in der Verkehrskommission zugesichert.

Nun läuft die Suche nach einem Nachfolger an. Was muss sie oder er mitbringen?

Die Fähigkeit, einen schwierigen Spagat zu meistern. Die SBB ist ein service-public-Unternehmen, das einen öffentlichen Auftrag hat und die Schweiz verbindet. Gleichzeitig muss sie sorgfältig mit den Finanzen umgehen und einen dichten Fahrplan auf einem stark ausgelasteten Schienennetz zuverlässig erfüllen können. Hier gilt es, die richtige Balance zu finden. Und nicht nur betriebswirtschaftlich zu denken.

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