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Brücken schlagen über kulturelle Gräben: Schweizer Vermittlungsprojekt für jüdische Touristen erntet Lob und Kritik

Die streng-orthodoxen Juden sind aus den Ferien in der Schweiz heimgereist – und mit ihnen die Vermittler eines jüdischen Dachverbands. Sie sollten die Gäste und Einheimischen näher bringen. Nun wird auch Kritik laut am Projekt.
Daniel Fuchs
Kulturvermittler unterwegs im Wallis. (Bild: Colin Frei)

Kulturvermittler unterwegs im Wallis. (Bild: Colin Frei)

In Davos, Arosa und Saas-Grund waren im August Kulturvermittler unterwegs. Im Auftrag des Schweizerisch Israelitischen Gemeindebunds sprachen sie mit jüdischen Gästen, Hoteliers und Einheimischen. Den Gästen erklärten sie hiesige Sitten. Den Einheimischen brachten sie die jüdische Kultur näher und versuchten über die Bedürfnisse der streng gläubigen jüdischen Grossfamilien aufzuklären. Diese fahren im Spätsommer gerne in die Schweizer Berge. Dort fallen sie wegen ihrer traditionellen Kleidung und ihren speziellen Wünschen zur Einhaltung der religiösen Pflichten auf. Hier und dort kommt es zu Missverständnissen und Klagen seitens der Gäste und seitens der Einheimischen. Manchmal ist Antisemitismus im Spiel.

Die jüdische Dachorganisation wollte mit dem Vermittlerprojekt Brücken schlagen über die kulturellen Gräben. Nun sind die meisten jüdischen Touristen nach Hause gekehrt und der Israelitische Gemeindebund und die Tourismusorganisationen ziehen eine positive Bilanz. Unter Schweizer Juden wurde indes Kritik laut am Projekt. Und ein Ereignis überschattete die diesjährige Feriensaison der jüdischen Gäste.

Geht es denn nicht ohne Vermittlung?

Traut die jüdische Dachorganisation einheimischer Bevölkerung und ihren jüdischen Gästen nicht zu, dass sie ohne Hilfe Dritter Probleme lösen können? Das fragte Sonja Weinberg, Historikerin und Spezialistin der jüdischen Geschichte, Ende August im Magazin Tachles. Sie findet es kontraproduktiv, wenn Vermittler auf Einheimische zugehen und diesen erklären, wie sie sich zu verhalten haben, damit es mit den jüdischen Touristen keine Probleme gibt. «Wenn ich Gäste zu mir nach Hause einlade, dann erwarte ich, dass sie sich an meine Hausregeln halte», schrieb Weinberg.

In den Bergen bewegten sich die jüdischen Vermittler in den vergangenen Wochen auf einem schmalen Grat. Einerseits mussten sie offensiv auf die Menschen zugehen, sie ansprechen und auffordern, Fragen zu stellen. Andererseits wollten sie die Feriengäste und Einheimischen nicht überrumpeln, nicht aufdringlich wirken. In diesem Zwiespalt bewegten sich auch Lea und Tom. Diese Zeitung begleitete sie Mitte August für eine Reportage im Walliser Saastal. Drei Wochen später nimmt Lea am Telefon Stellung. Sie heisst mit vollem Namen Lea Bloch, arbeitet bei der jüdischen Dachorganisation und meldete sich fürs Vermittlungsprojekt. Hatte sie das Gefühl, jüdische Gäste und ihre Gastgeber hätten ihre Differenzen nicht lösen können ohne ihre Hilfe?

Für Bloch lag darin gerade nicht der Auftrag.« Ich hatte nie das Gefühl, dass ich das Problem anderer Leute lösen gehe. Das Ziel lag viel mehr im Dialog.» Doch was bringen Gespräche, wenn sie nichts bewirken? Bloch erinnert sich an Situationen, die sie etwas ratlos hinterliessen. Zum Beispiel bei der Gondelfahrt mit zwei einheimischen Frauen, die sich einzig störten an der schwarzen schweren Kleidung der streng Gläubigen. «Es nützte nichts, dass ich zu erklären versuchte, dass es doch egal sei, wie sich jemand kleide.» Da musste Bloch feststellen: «Solche Haltungen können während einer Gondelfahrt nicht verändert werden.»

Immerhin, ist sich Lea Bloch sicher, die Diskussionen hätten die Beiden sicher etwas zum Nachdenken bewegt. «Auch wenn sie ihre Meinung nicht revidierten.» In den meisten der Fälle hatte Bloch jedoch das Gefühl, dass dank der Gespräche mit den Vermittlern Vorurteile abgebaut wurden und das Verständnis für die andere Seite wuchs.

Ablehnung auf Facebook

Kritik am Vermittlungsprojekt äusserte auch Yves Kugelmann, Chefredaktor von Tachles. In einem Artikel nennt er es naiv und nennt die Bemühungen, die Distanz abzubauen zwischen Einheimischen und streng orthodoxe Juden, einen Kampf gegen Windmühlen.

Zum offenen Konflikt wurde diese Distanz nur gerade einmal diese Saison – in den sozialen Medien. Grund war eine sogenannte Thora-Einweihung eines streng Orthodoxen in Davos. Die Prozession zog bis zu 2000 Zuschauer an, ein grosser Teil von ihnen waren Juden in traditioneller Tracht. Die Kundgebung war bewilligt, behinderte aber den Verkehr. Und so brach einen Tag später eine wüste Diskussion auf Facebook aus, in der den jüdischen Gästen auch Hass entgegenschlug. Tachles-Chefredaktor Kugelmann zweifelt am Nutzen der Kulturvermittler in Davos, wo der Konflikt doch nicht einmal vorausgesehen wurde. Kugelmann spart auch nicht mit Kritik an den streng Gläubigen: Es sei klar, dass eine solche Prozession Reaktionen hervorrufe.

Hatten die Vermittler die Thora-Einweihung also schlicht nicht auf dem Radar? Doch, heisst es beim jüdischen Dachverband. Die Davoser Behörden hätten die Veranstaltung bewilligt. Die Aufgabe der Vermittler liege nicht darin, einen solchen Umzug zu verhindern, sondern anderswo: in Aufklärung und Dialog.

Auch die Davoser Tourismus-Organisation handelte und distanzierte sich von einem ihrer Mitglieder: einem Hotelier, der einen der Hasskommentare verfasst hatte.

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