Nach Hickhack: Das Dienstbüchlein wird doch noch digital

Seit mehr als einem Jahrzehnt versuchen Armee und Politik, das Dienstbüchlein ins digitale Zeitalter zu überführen. Nach diversen Studien und gescheiterten Anläufen soll es nun endlich klappen.

Sven Altermatt
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Das Dienstbüchlein in Papierform hat bald ausgedient . (KEYSTONE/Dominic Steinmann)

Das Dienstbüchlein in Papierform hat bald ausgedient . (KEYSTONE/Dominic Steinmann)

Es war das Jahr, in dem Apple das Telefon neu erfand, als auch die Schweizer Armee beschloss, digitaler zu werden. Im Januar 2007 stellte der Technologiekonzern sein erstes iPhone vor. Und im Mai desselben Jahres liess das Verteidigungsdepartement mitteilen: «Die Armee prüft die Einführung eines elektronischen Dienstbüchleins.» Der Satz versprach einen Aufbruch.

In Tat und Wahrheit sollte es ein Jahrzehnt und ein Dutzend iPhone-Generationen dauern, bis die Politik sich dazu durchringen konnte, dass Dienstbüchlein ins digitale Zeitalter zu überführen. Die Causa handelt davon, wie ein an sich banales Vorhaben während Jahren verzögert wird. Und sie erzählt vom zuweilen zögerlichen Umgang mit der Digitalisierung – weil es nicht um irgendein Papierstück geht, sondern um eine helvetische Ikone.

Aber von vorne. Es ist nicht vermessen, das iPhone und das Dienstbüchlein in einem Atemzug zu nennen. Ist das Smartphone ein Allzweckbegleiter für das Leben, so begleitet das Büchlein die Dienstleistenden zumindest zuverlässig durch ihre Zeit im Militär – und das seit 144 Jahren. Früher in militärischen Grautönen gehalten, kommt es heute in einem blauen Gewand daher. Das kleinformatige Heft enthält Informationen zu Einteilung, persönlicher Ausrüstung, Ausbildung und sportlichen Leistungen bei der Rekrutierung. Die Dienstleistungen sind fein säuberlich aufgeführt, ebenso ärztliche Diagnosen in codierter Form.

Ein Symbol der Identität

Das Dienstbüchlein ist ein Symbol der Identität. Es ist Büchlein, nicht Buch; den Diminutiv, diese typisch helvetische Verniedlichungsform, trägt es stolz in seinem Titel. Um ihre Militärchronik vor Spritzwasser, Schlamm oder anderen Widrigkeiten im Feld zu schützen, gibts für Soldaten im Zeughaus «die perfekte Schutzhülle aus Kunststoff für das Dienstbüchlein». Stückpreis: zwei Franken. Von einem «Schriftstück mit einem besonderen Wert, das in vielen Familien über Generationen weitergereicht wird» ist bei der Armee die Rede.

Aller Nostalgie zum Trotz: Längst sind alle Parteien dafür, die Daten von Soldaten elektronisch zu speichern. Nach dem ­Nationalrat hat in der aktuellen Session auch der Ständerat eine Motion mit dieser Forderung angenommen. Eingereicht wurde der Vorstoss vom St. Galler FDP-Nationalrat Marcel Dobler. Ein digitales Dienstbüchlein sei schneller ausgefüllt und vermindere den zeitlichen Aufwand für alle Beteiligten. Überdies könne es auch nicht verschwinden. Denn die Tausenden Hefte, die Jahr für Jahr verloren gehen, bescherten der Armee heute bloss unnötige Arbeit.

Aufwendige Studie

Diese Argumente freilich waren genau so schon 2007 zu hören, als die Armee erstmals das digitale Dienstbüchlein einführen wollte. Wie aber konnte es passieren, dass dieses bis heute auf sich warten lässt? Nach seiner Ankündigung plante das Verteidigungsdepartement unter der Führung des damaligen SVP-Bundesrats Samuel Schmid zuerst eine eigene Umfrage unter 500 Dienstpflichtigen, um die Machbarkeit auszuloten. Dann hiess es, es seien genauere Abklärungen nötig. Schweizer Gründlichkeit eben.

Also gab der Führungsstab der Armee eine Umfrage in Auftrag. Anfang 2008 lieferte das Institut GFS Bern die 38 Seiten zählende Studie «Akzeptanz elektronisches Dienstbüchlein». Nur wenige Armeekader «hängen aus nostalgischen Gründen am Büchlein aus Papier», stellten die Forscher fest. Eine elektronische Lösung sei mehrheitlich akzeptiert, auch wenn eine relativ starke Minderheit noch klare Vorbehalte habe. Dazu sollte man wissen, dass zum Zeitpunkt der Umfrage vor elf Jahren einige Teilnehmer noch keinen Computer besassen.

Plötzlich war alles anders

Jedenfalls gab die Armee nun ein Vorprojekt in Auftrag, bis Mitte 2008 sollte die Umstellung auf eine elektronische Lösung eingeleitet werden. Der Führungsstab sprach stolz vom «E-Dienstbüchlein», das in den kommenden Jahren gestaffelt hätte eingeführt werden sollen. Doch aus dem Vorprojekt wurde nichts. 2009 liess die Armee verlauten, man habe die Einführung «auf unbestimmte Zeit» sistiert. Der Führungsstab erklärte plötzlich, es fehle der Nachweis, «dass die Neuerung einen Mehrwert für die Armeeangehörigen bringt». Zudem seien «technische und ­finanzielle Probleme» aufgetaucht. Bis Ende 2012, versi­cherten die Verantwortlichen immerhin, solle das Projekt wieder aufgegriffen werden. Doch es geschah: nichts.

In den folgenden Jahren erklärte die Armee jeweils, die ­Digitalisierung des Dienstbüchleins sei kein Thema mehr. 2016 schliesslich, als die zehnte Variante des iPhones auf den Markt kam, liebäugelte die Armee abermals mit einer Studie, um «rechtliche Rahmenbedingungen und technische Voraussetzungen zu klären». Dann trat der FDP-Nationalrat auf den Plan – im Januar 2018 sah sich die Armee bemüssigt, eine «Business-Analyse» zu starten, um das Thema wieder näher zu beleuchten. Nach dem Entscheid des Parlaments gibt es jetzt kein Zurück mehr. Wie genau die elektronische Version funktionieren soll, ist noch nicht bekannt. Das Umsetzungsprojekt soll in den kommenden Wochen vorgelegt werden. Der Bundesrat gibt sich optimistisch: Das E- Dienstbüchlein passe wunderbar in die aktuelle Gesamtstrategie der Digitalisierung der Armee.