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Reportage

Vier Jahre nach der Flüchtlingskrise 2015: Ein Selfie veränderte sein Leben

In Syrien schickt eine Mutter ihren Sohn auf den Weg nach Europa. Dort kommt er just zum Höhepunkt der Flüchtlingskrise an. Er knipst mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel ein Selfie, das um die Welt geht. Eine Zeitreise mit Anas Modamani durch vier Jahre Willkommenskultur.
Daniel Fuchs
Anas Modamani zeigt auf dem Alexanderplatz in Berlin das Selfie, das er mit Angela Merkel geschossen hat. Das Bild hat sein Leben verändert. Wie, sagt viel über die europäische Flüchtlingspolitik aus. (Bild: Gregor Zielke)

Anas Modamani zeigt auf dem Alexanderplatz in Berlin das Selfie, das er mit Angela Merkel geschossen hat. Das Bild hat sein Leben verändert. Wie, sagt viel über die europäische Flüchtlingspolitik aus. (Bild: Gregor Zielke)

Anas Modamani kommt aus gutem Haus. In einem Vorort von Damaskus in Syrien wächst er wohlbehütet auf. Die Mitglieder seiner grossen und weit verzweigten Familie zählt er seine Freunde. In Syrien geht er ans Gymnasium. Dann bricht der Krieg aus.

Nun, Jahre später, steht der 22-Jährige auf dem Alexanderplatz in Berlin, seiner neuen Heimat. Hier verabredet er sich mit Freunden, die er in Deutschland und auf Facebook kennengelernt hat. Und hier trifft er sich mit uns. «Ich mag das Gewusel, die vielen Leute, die diesen zentralen Platz bevölkern», sagt er. Modamani trägt eng geschnittene Bluejeans, dazu ein blau kariertes Hemd und Sneakers. Er ist ein junger Erwachsener, der kaum auffällt. Gerne lässt er sich in all den Leuten für diese Zeitung ablichten. Er selbst schiesst viele Fotos, gerne auch von sich. Und eines dieser Selfies hat sein Leben verändert. Es war ein Selfie mit Kanzlerin Angela Merkel. Vor vier Jahren ging es um die Welt.

Anas Modamani im Video: Seine Landung in der Realität war auch hart

Auf dem Alexanderplatz beginnt Anas Modamani seine Geschichte zu erzählen, die Teil ist einer Völkerwanderung von der Türkei und Griechenland über den Balkan nach Nordeuropa, die im Spätsommer 2015 ihren Höhepunkt erreichte und als Flüchtlingskrise die Schlagzeilen beherrschte. Sie ist eng verknüpft mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, die angesichts der stark steigenden Zahl an Flüchtlingen Ende August 2015 «Wir schaffen das!» sagte und damit eine Willkommenskultur in Deutschland ausrief. Ihre Folgen klingen bis heute nach; sie hat die Migrationspolitik geprägt.

Anas Modamani ist Profiteur und zugleich Opfer dieser Willkommenskultur. Doch der Reihe nach.

Mit 4000 Euro allein im Flugzeug

Es ist der Sommer 2015. Der Syrienkrieg tobt seit vier Jahren, vier Millionen Syrer suchen Sicherheit in anderen Ländern, mehr und mehr wagen die gefährliche Fahrt übers Mittelmeer und nach Europa.

Während in Europa die Politik sich über ertrunkene Bootsflüchtlinge, die Seenotrettung auf dem Mittelmeer und einen Verteilschlüssel für Asylbewerber streitet, büffelt Anas Modamani, 17-jährig, in Damaskus für die letzten Abiturprüfungen. «Es war der Horror», sagt er. «Ich durfte kaum noch raus, jedes Mal rief mich meine Mutter zurück ins Haus, weil sie immerzu Luftangriffe auf das Wohnviertel befürchtete, in dem wir wohnten.» Seine Mutter hätte alles für ihn entschieden. «Ich war unselbstständig und ich war dünn und schwach», erinnert er sich. Wenig mehr als 50 Kilogramm will er damals gewogen haben. Was nun, vier Jahre später, kaum zu glauben ist, steht einem doch ein breitschultriger, kräftiger Mann gegenüber. In Berlin geht Anas fast täglich ins Fitnessstudio.

In Syrien sieht Anas’ Mutter keine Zukunft mehr für ihren Sohn. Nach dem Abitur erhält er von seiner Familie 4000 Euro und verlässt mit einem Visum das Land. Dafür musste die Familie einen Beamten bestechen. Minderjährig, allein, zum ersten Mal steigt Anas in ein Flugzeug und fliegt von Damaskus nach Beirut im Nachbarland Libanon. Anas ist privilegiert. Zu Beginn verläuft seine Reise rasch und unkompliziert. Anas übernachtet in Hotels. Nach wenigen Tagen fliegt er weiter nach Izmir an der türkischen Mittelmeerküste. Alles klappt wie geplant. Es ist der Juli 2015.

«Das schien so nah, ich dachte mir, die Distanz würde ich eigentlich auch schwimmend schaffen.»

In Izmir muss Anas mehrere Wochen auf eine Gelegenheit für die Fahrt übers Mittelmeer warten. Von einem Strand in der Nähe kann er über die Ägäis bis zur nächsten griechischen Insel sehen, Chios. «Das schien so nah, ich dachte mir, die Distanz würde ich eigentlich auch schwimmend schaffen.» Zuhause in Damaskus hatte ein Onkel ein Schwimmbad und Anas ist ein guter Schwimmer. Es soll ihm noch das Überleben sichern.

Auf den Strassenmärkten in Izmir gibt es alles für die Fahrt übers Mittelmeer zu kaufen. Schwimmwesten werden zu Tausenden feilgeboten. Daneben Schlauchboote. Und ein solches Schlauchboot ist es auch, das Anas über die Ägäis bringen soll. Für 1500 Euro buchte er bei einem Schlepper eine Überfahrt. «Wir mussten unser Gepäck an Land lassen», erzählt Anas. So haben mehr Menschen Platz im viel zu kleinen Boot. In einem Luftballon hängt Anas sich Pass, Geld und Handy um den Hals. Es ist alles, was er auf das Schlauchboot mitnehmen darf.

Einer der Flüchtlinge muss nichts für die Überfahrt bezahlen. Dafür wird er selbst zum Schlepper. Von den Organisatoren am Strand erhält er Instruktionen. «Der Mann sollte beim Anlegen am Strand in Griechenland mit einem Messer das Schlauchboot zerstechen, damit die griechische Polizei uns nicht direkt wieder ins Boot setzen und zurück ins Meer stossen konnte», so Anas.

Anas Modamani in seiner Wohnung in Berlin Lichtenberg (Bild: Gregor Zielke)

Anas Modamani in seiner Wohnung in Berlin Lichtenberg (Bild: Gregor Zielke)

Doch die Nacht und die Unerfahrenheit des Neo-Kapitäns werden zum Problem. «Er verschätzte sich komplett. Alles ging glatt und vom Boot aus konnten wir bereits den Strand der griechischen Insel sehen. In einer Strandbar brannte noch immer Licht und Touristen feierten dort.» Laut Anas war der unerfahrene Bootskapitän der Meinung, es wären nur noch ein paar Meter bis zum Strand. Und so zerschneidet er noch auf offener See das Boot. «Es war viel zu früh. Unser Boot sank innert Sekunden. Die Leute schrien. Ich aber begann zu schwimmen, ich denke, es waren ungefähr noch 300 Meter bis zum Strand.» Anas schafft es mit ein paar anderen Flüchtlingen an den Strand. Dort schlagen sie Alarm. Anas hat keine Ahnung, ob alle überlebt haben. «Vermutlich nicht», sagt er.

In einem Erstauffanglager kann sich Anas aufwärmen, kriegt zu essen und einen Platz zum Schlafen. Nachdem er sich neue Kleider gekauft hat, steigt er auf die Fähre und reist weiter nach Athen. Hier beginnt für Anas und Tausende Flüchtlinge die sogenannte Balkanroute.

Eingepfercht im Kleinlaster nach Wien

Die Bilder, die in diesen und nachfolgenden Monaten um die Welt gehen und Medien sowie Politik in Aufregung versetzen – Anas kennt sie aus eigener Erfahrung. Mittlerweile ist August. Zuerst strandet Anas an der Grenze zu Mazedonien. Die Mazedonier schliessen Mitte August 2015 die Grenze, das Land ist überfordert mit den vielen Menschen. Als es für Anas schliesslich doch weitergeht, stockt seine Flucht an der Grenze von Serbien zu Ungarn. Um sie zu überwinden, nimmt er drei Anläufe. Ein eintägiger Fussmarsch muss er wiederholen, nachdem ihn die ungarische Polizei schnappt und zurück nach Serbien bringt. Doch schliesslich schafft er es nach Budapest und von dort in einem Kleinlaster eingepfercht nach Wien.

Danach geht es weiter nach Berlin. «Alle wollten nach Berlin, das ist auch heute noch so. Hier ist alles günstig und es hat viele Araber, was das Ankommen erleichtert.»

Und dort, in Deutschlands Hauptstadt, meldet er sich Anfang September 2015 in einem Flüchtlingsheim. Jetzt wird Anas Modamani zur öffentlichen Figur: Als Kanzlerin Angela Merkel am 10. September 2015 das Flüchtlingsheim besucht, ist auch Anas da. Spontan knipst er ein Selfie, ein Agenturfotograf drückt ebenfalls ab. Das Bild der Szene geht um die Welt. In den Medien wird er zitiert, er habe erst im Nachhinein erfahren, dass es sich bei Merkel um die «Chefin von Deutschland» handelte.

Das Bild des Selfies ging um die Welt: Anas Modamani mit Kanzlerin Merkel in einem Flüchtlingsheim in Berlin-Spandau am 10. September 2015. (Bild Sean Gallup/Getty)

Das Bild des Selfies ging um die Welt: Anas Modamani mit Kanzlerin Merkel in einem Flüchtlingsheim in Berlin-Spandau am 10. September 2015. (Bild Sean Gallup/Getty)

Anas lernt schnell Deutsch, er ist motiviert, will unbedingt in Deutschland bleiben und seine Familie nachholen. Die Publizität, die er dank Merkel und dem Selfie erhält, weiss er zu nutzen. Auf Facebook wird er überschwemmt mit Freundschaftsanfragen, auch seine Gastfamilie, bei der er als noch minderjähriger Asylsuchender unterkommt, lernt er so kennen.

Am Alexanderplatz in Berlin steigen wir ins Tram. Anas will uns seine Wohnung zeigen in Berlin Lichtenberg. Seit mehreren Monaten wohnt er nicht mehr bei der Gastfamilie. Dass er eine günstige Wohnung in guter Lage gefunden hat, führt er vor allem auf seine Publizität zurück. Wir stehen vor dem renovierten Plattenbau aus DDR-Zeit. In der Wohnung giesst Anas Tee auf.

Hier erzählt er von den negativen Erfahrungen. Die deutsche Willkommenskultur hielt nicht an. Von Beginn weg gab es die Stimmen, die Merkels Kurs und die unkontrollierte Zuwanderung kritisierten, niederschrien. In ostdeutschen Städten skandierten wütende Bürger «Wir sind das Volk!» und «Merkel muss weg!». Einzelne Flüchtlingsheime gingen in Flammen auf. Es war die Zeit der Pegida und der AfD. «Wir wollen das gar nicht schaffen», sagte AfD-Chef Alexander Gauland im Herbst 2015 und erhielt grossen Beifall.

Das deutsche Flüchtlingsmärchen des Spätsommers 2015 ging nicht friedlich aus. Terroranschläge erschütterten Europa und das Land. Manche Attentäter waren als Flüchtlinge getarnt nach Europa gelangt. Im Netz entfaltete Anas’ Merkel-Selfie ein Eigenleben. Auf Facebook wurde behauptet, bei einem der Attentäter der Anschläge in Brüssel vom 22. März 2016 handle es sich um den Merkel-Selfie-Flüchtling Modamani.

Solche Behauptungen rechter Trolls dienten in erster Linie als Angriff auf die Politik von Merkel. Doch Anas Modamani stand bei manchen Leuten unter Verdacht.

«Ich traute mich kaum noch aus dem Haus, verkroch mich.»

In der Stadt musste er fremden Menschen Red und Antwort stehen. «Einmal beschimpfte mich eine Frau als Terroristen. Das war wirklich sehr unangenehm.» Und in einem syrischen Restaurant wurde er von arabischen Kunden angepöbelt, er sei eine Schande für ihre Kultur, er gehöre ins Gefängnis. Arabische Fake-News-Seiten, so Anas, hätten die Geschichte über den Terroristen Anas Modamani übernommen «und noch etwas nachgewürzt, weitere Dinge dazu erfunden, die noch weniger stimmten.»

Mit einem Anwalt gegen Facebook vor Gericht

Der Wind hatte sich gewendet. Die deutsche Willkommenskultur schlug in Ablehnung um. Anas flog das Selfie mit Merkel um die Ohren. Doch wiederum halfen ihm sein grosses Netzwerk und die vielen Bekannten, die er aufgrund des Selfies gemacht hatte. «Ich rief jeden an, ob er mir helfen konnte.» Anas fand einen Anwalt und sie zogen gemeinsam vor Gericht gegen Facebook. Aus ihrer Sicht sollte die Plattform dafür belangt werden, dass Fake-News wie Anas’ angebliche Verstrickung mit dem Terror weiterhin herum irrten. Zwar ging der Prozess gegen Facebook verloren, doch was für Anas wichtiger war: Er konnte die Geschichte gerade biegen, sie so erzählen, wie sie wirklich war: Er war kein Terrorist.

«Mittlerweile erkennen mich die Menschen nicht mehr auf der Strasse und das ist gut so», sagt er. Mit ein Grund, weshalb Anas unbedingt weiter Gewicht und Muskeln zulegen will.

Was bleibt? Anas weiss, er hatte viel Glück. Im Oktober beginnt er in Berlin Wirtschaft zu studieren. Vier Jahre nach seiner Flucht nach Deutschland darf Anas Modamani vorläufig bleiben in Deutschland. Ein Familiennachzug bleibt ihm verwehrt.

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