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Vierfachmord von Rupperswil: Keine lebenslängliche Verwahrung für Thomas N.

Heute hat das Aargauer Obergericht das Urteil über den Vierfachmörder von Rupperswil gefällt. Es bleibt bei der ordentlichen Verwahrung.
Das Obergericht fällt heute das Urteil. (Bild: Keystone/Sibylle Heusser)

Das Obergericht fällt heute das Urteil. (Bild: Keystone/Sibylle Heusser)

Das Wichtigste in Kürze:

  • Der damals 31-jährige Thomas N. aus Rupperswil ermordete am 21. Dezember 2015 in Rupperswil AG in einem Einfamilienhaus Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) sowie dessen Freundin Simona F. (†21).
  • Das Bezirksgericht Lenzburg verurteilte ihn am 16. März 2018 zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe, ordnete eine ordentliche Verwahrung sowie vollzugsbegleitend eine ambulante Therapie an.
  • Renate Senn, die Verteidigerin des Vierfachmörders, hat gegen das Urteil des Bezirksgerichts Berufung eingelegt. Sie ficht die lebenslängliche Verwahrung an.
  • Thomas N. ist am Prozess in Aarau nicht dabei. Das Obergericht hat ihn auf sein Gesuch hin von der Teilnahme an der Verhandlung dispensiert. Damit fällt eine Befragung des Vierfachmörders weg.

Das Urteil in Kürze:

  • Es bleibt dabei: Der Vierfachmörder von Rupperswil AG wird ordentlich verwahrt – aber nicht lebenslang. Das Aargauer Obergericht hat die entsprechende Anordnung des Bezirksgerichts Lenzburg AG bestätigt.
  • Die ambulante Therapie wird aufgehoben. Thomas N. darf nur noch den Gefängnispsychiater aufsuchen.
  • Für den heute 35-jährigen Vierfachmörder gilt damit die bereits rechtskräftige lebenslängliche Freiheitsstrafe und daran anschliessend die ordentliche Verwahrung.
  • Bundesgericht? Thomas N. wird das schriftliche Urteil abwarten und dann über einen Weiterzug entscheiden, so seine Anwältin Renate Senn.

Mit untenstehenden Erkenntnissen beenden wir den Newsticker.

13:10 Uhr

Die Bewohner von Rupperswil reagieren unterschiedlich auf den heutigen Gerichtstermin. Vor allem, dass Thomas N. am Prozess abwesend war, lässt viele Menschen stutzen.

Herbert Baumann, der 50 Meter neben dem Tatort lebt, fasst den Rupperswiler Fall so zusammen:

«Die Wut kommt immer wieder hoch, es flacht nicht ab»

13:06 Uhr

Das sagt Opferanwalt Markus Leimbacher zum Urteil:

«Es ging ja nicht mehr um die eigentliche Tat, sondern um einen technischen Aspekt der Verwahrung: ordentlich oder lebenslänglich. Es war eine interessante Diskussion. Ich habe allerdings nichts Neues mehr gehört. Die Voraussetzungen sind immer noch die selben wie im Frühling.»

Zum Gesundheitszustand der Hinterbliebenen der Opfer sagt Anwalt Leimbacher:


Der Lebenspartner der ermordeten Mutter Carla S. sei auf einem guten Weg zurück in den Alltag. Er habe ein zweimonatiges Sabbatical gemacht. Der Burder von Carla S. habe eine Therapie gemacht und abgeschlossen. Die Eltern seien immer noch nicht in der Lage, sich auf eine Therapie einzulassen.

«Es geht ihnen schlecht.»

12:46 Uhr

Loppacher: «Die Staatsanwaltschaft ist mit dem Urteil zufrieden.»

Die Staatsanwältin Barbara Loppacher beschäftigt sich seit drei Jahren mit dem Fall Rupperswil. Für die Staatsanwältin sei es dieses Jahr das erste Weihnachten, welches sie, ohne an der Vierfachmord zu denken, geniessen könne.

12:41 Uhr

Direkt nach der Urteilsverkündung bezieht die Verteidigerin von Thomas N. Stellung. Das sagt Verteidigerin Renate Senn:

12:03 Uhr

Das Urteil ist damit eröffnet aber noch nicht rechtskräftig. Beide Parteien können es ans Bundesgericht weiterziehen.

11:54 Uhr: Lebenslängliches Tätigkeitsverbot

Die Anforderungen für eine lebenslängliche Verwahrung ist für das Gericht nicht gegeben. Dazu müsste Thomas N. dauerhaft nicht therapierbar sein. Eine Untherapierbarkeit würden jedoch weder Gutacher Sachs noch Gutachter Habermeyer diagnostizieren. Für das lebenslängliche Tätigkeitsverbot sieht das Gericht die Voraussetzungen erfüllt. Es spiele keine Rolle, ob die Massnahme sinnvoll sei.

Das Urteil ist damit eröffnet aber noch nicht rechtskräftig. Beide Parteien können es ans Bundesgericht weiterziehen.

11:53 Uhr: Die Urteilsbegründung

Zur Begründung sagt Six, eine ordentliche Verwahrung sei nur zulässig, wenn die stationäre Massnahme keinen Erfolg verspricht. Das Obergericht hat eine stationäre Massnahme geprüft. Diese sei jedoch nur anzuordnen, wenn der Täter behandlungsfähig ist und sich die Wahrscheinlichkeit weiterer schweren Straftaten deutlich verringern liesse. Die Bedingungen für eine ordentliche Verwahrung seien erfüllt.

Dass es sich bei Thomas N. um einen vergleichsweise jungen Ersttäter handle, spiele keine Rolle. Das Gericht hebt die ambulante Massnahme ab. Six begründet dies damit, dass eine Therapie immer nur dann anzuordnen sei, wenn sie die Wahrscheinlichkeit weiterer Straftaten verhindern kann. Das gelte für die ambulante Therapie gleichermassen wie für eine stationäre. Weil die Voraussetzung für eine stationäre Therapie nicht gegeben sei, sei sie es erst recht nicht für eine ambulante Massnahme.

11:48 Uhr: Lebenslängliche Verwahrung wird abgelehnt

Die Berufung des Beschuldigten wird abgewiesen. Das heisst es bleibt bei der ordentlichen Verwahrung. Die lebenslängliche Verwahrung wird abgelehnt.

Die vollzugsbegleitende ambulante Massnahme wird aufgehoben. Ausserdem verhängt das Gericht ein lebenslängliches Tätigkeitsverbot mit Minderjährigen. Die Hälfte der Gerichtskosten wird dem Beschuldigten auferlegt.

11:15 Uhr: Schwere Pädophilie ist unbestritten

Jetzt hat noch einmal die Staatsanwältin das Wort. Bei der Rückfallwahrscheinlichkeit müssten alle Umstände berücksichtigt werden, auch, dass Thomas N. kurz davor stand, eine ähnliche Tat zu begehen. Die Pädophilie sei unbestritten schwer. Aber mit der Pädophilie alleine seien die Tötungen schwer nachvollziehbar zu machen. Zu Urbaniok sagt Loppacher: Er sei nicht der einzige, der das so sehe.

Das Gericht zieht sich zur Urteilsberatung zurück. Das Urteil wird um 11.45 Uhr mündlich eröffnet.

11:11 Uhr: «Es liegt keine Untherapierbarkeit vor»

Die Voraussetzungen für eine lebenslängliche Verwahrung seien klar nicht gegeben. Das Bundesgericht habe in jüngster Zeit mehrfach und klar festgehalten, dass eine lebenslängliche Verwahrung nur bei Untherapierbarkeit auf Lebzeiten angeordnet werden kann, sofern zwei Gutachter dies klar bestätigen. Die beiden Gutacher Habermeyer und Sachs hätten das beide klar und unmissverständlich verneint.

Es gebe keinen Grund von den beiden Gutachten abzuweichen. Es mute deshalb auch seltsam an, wenn sich Gutachter Frank Urbaniok einmische. Insbesondere da er weder Akteneinsicht hatte noch Gespräche mit Thomas N geführt habe. Es finde eine Beeinflussung sondergleichen statt, die nichts mit einem fairen Prozess zu tun hat.

11:04 Uhr: Thomas N. sei mit 35 Jahren nicht mehr als jung zu bezeichnen

Für Loppacher erklären weder die Pädophilie noch die Persönlichkeitsstörung die Tat. Deshalb sei Thomas N. auch nicht therapierbar. Sie verlangt, eine lebenslängliche Verwahrung anzuordnen. Und, sollte das Gericht keine lebenslängliche Verwahrung anordnen, eine ordentliche Verwahrung.

Dass eine Verwahrung für junge Täter nicht infrage komme, lässt Loppacher nicht als Argument gelten. Thomas N. sei inzwischen
35 Jahre alt und damit nicht mehr jung. Für Loppacher macht die Kombination einer lebenslänglicher Freiheitsstrafe und einer Verwahrung Sinn. Die Hürden für eine Entlassung aus einer Verwahrung seien höher als bei einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe. Bei der lebenslänglichen Freiheitsstrafe entscheidet die Vollzugsbehörde, bei der Verwahrung das Gericht.

In ihrem Schlusswort führt sie aus, das Gericht habe heute die Möglichkeit zu entscheiden, wie stark sie auf die Gutachten abstellen wolle. Sie erinnert die Richter daran, wie manipulativ und gefährlich Thomas N. sei.

Es folgt die Replik von Verteidigerin Renate Senn.

10:50 Uhr: «Er gibt den reuigen pädophilen Straftäter»

Loppacher führt aus, die beiden Gutachter sähen beide ein hohes Rückfallrisiko. Dieses werde auch durch das ganze Verhalten des Beschuldigten untermauert, etwas durch das widersprüchliche Aussageverhalten. Eine Therapie komme nur dann infrage, wenn der Tat eine schwere psychische Störung zu Grunde liege. Eine lebenslängliche Verwahrung könne auch bei psychisch gesunden Tätern angeordnet werden.

Es sei doch erstaunlich, dass die beiden Gutachter unterschiedliche Störungen diagnostizieren, so die Staatsanwältin. Das zeige das manipulative Verhalten des Beschuldigten. Es liege auf der Hand, dass Thomas N. jeweils jene Seite von sich zeigte, die er wollte. Es sei Thomas N. gelungen, die Gutachter davon zu überzeugen, ihn als pädophilen Straftäter zu sehen. «Eine beachtliche Leistung», so Loppacher. Er gebe den reuigen pädophilen Straftäter, der unbedingt eine Therapie machen will. Er habe sich den Inhalt der Gutachten zu eigen gemacht.

Thomas N. sei aufgrund seiner Unscheinbarkeit besonders gefährlich. «Heute und auch in einigen Jahren», so Loppacher. Dann werde er aber seine manipulative Fähigkeit noch um die gewonnenen Erkenntnisse aus der Therapie ergänzen können.

10:36 Uhr: Jetzt spricht die Staatsanwältin

Jetzt folgt das Plädoyer von Staatsanwältin Barbara Loppacher. Sie führt aus, sie habe eine mündliche Verhandlung gewünscht, weil sie dafür kritisiert wurde, die Gutachter zu wenig ausführlich zu befragen.

10:34 Uhr: Senn kritisiert Widersprüchlichkeit

Senn führt aus, die Kombination von lebenslänglicher Freiheitsstrafe, Verwahrung und ambulanter Therapie sei nicht angemessen und widersprüchlich. Senn fordert, die ordentliche Verwahrung sei aufzuheben, weil die Voraussetzungen dafür nicht erfüllt seien. An der ambulanten Therapie sei festzuhalten.

10:29 Uhr: Thomas N., der Muster-Gefangene

Thomas N. gebe im Gefängnis zu keinen Beschwerden Anlass, sagt Senn. Er habe sich auch nie beschwert, empfange Besuche im Gemeinschaftsraum und seine Zelle sei tagsüber geöffnet. Senn vergleicht Thomas N. mit der Parkhausmörderin, die, im Gegensatz zu ihm, unter alltagsnahen Bedingungen nicht zugänglich sei und ein therapeutisches Setting nicht bewältigen könne. Ihr Mandant hingegen erfülle die Bedingungen schon jetzt.

10:22 Uhr: Verwahrung als «Ultima Ratio»

Für Senn muss die Verwahrung «Ultima Ratio» (also letzter Ausweg) sein, wenn eine Behandlung keinen Erfolg hat. Da aber für beide Gutachter eine stationäre Massnahme nicht infrage kommt, verstosse die Anordnung der Verwahrung gegen das Verhältnismässigkeitsprinzip. Thomas N. werde eine lange Freiheitsstrafe verbüssen, begleitet von einer ambulanten Therapie.

Sollte die ambulante Massnahme scheitern, könne diese immer noch später in eine stationäre Massnahme oder Verwahrung umgewandelt werden.

10:14 Uhr: Thomas N. schrieb Motivation für eine Therapie nieder

Nun kommt Renate Senn auf die beantragte Verwahrung zu sprechen. Sie hält noch einmal fest, dass es sich bei der Verwahrung alleine um eine Sicherungsmassnahme und keine Strafe handle. Sie betont, das Gericht dürfe nur bei triftigen Gründen von den Gutachten abweichen. Die beiden Gutachten seien Experten auf dem Gebiet und hätten sich zu allen Fragen klar geäussert. Auch das Bezirksgericht habe festgehalten, dass die Gutachten plausibel seien.

Senn führt aus, Thomas N. sei therapierbar und therapiewillig. Bis jetzt werde ihm aber aus nicht nachvollziehbaren Gründen eine Therapie verweigert, sagt Senn. Seine Motivation sei nachhaltig, was aus seinem ausführlichen Motivationsschreiben herausgehe. Eine angeordnete Therapie sei für ihren Mandanten kein Zuckerschecken. Er werde gezwungen, sich immer wieder dem Geschehenen zu stellen. Weil er noch nie in seinem Leben eine Therapie gemacht habe, könne man nicht von einer Untherapierbarkeit ausgehen. Ausserdem halte das Bundesgericht in einem Urteil fest, bei jungen Tätern sei von einer Verwahrung abzusehen.

10:05 Uhr: Warum der Täter sich dispensieren liess

Nun hat die Verteidigerin Renate Senn das Wort. Es liege in der Natur des Menschen, dass sie dazu neigen, Tatsachen, die ihnen eigentlich bekannt sind, zu ignorieren, wenn sie ihnen nicht gefallen, so Senn. Thomas N. habe mit seiner Tat jegliches Verständnis verspielt. Trotzdem sollte ein Mensch, wenn er therapiefähig sei, eine Therapie erhalten. Das sei keine Kuscheljustiz, so Senn.

Thomas N. habe die lebenslängliche Freiheitsstrafe akzeptiert. Seine Schuld werde mit der Höchststrafe abgegolten. Er wehre sich heute ausschliesslich gegen die ordentliche Verwahrung. Senn kommt darauf zu sprechen, weshalb Thomas N. heute nicht anwesend ist und sich dispensieren lassen hat. Die Situation ihres Mandanten habe sich nicht verändert. Er erhalte noch immer keine Therapie, weshalb er keine weiteren Informationen liefern könne. Deshalb sei das Dispensationsgesuch gestellt worden.

09:43 Uhr: Spielte Thomas N. den Gutachtern etwas vor?

Von Psychiater Sachs will Staatsanwältin Loppacher wissen, wie er zu seiner Diagnose der zwanghaften Persönlichkeitsstörung gekommen war. Habermeyer hatte eine narzisstische Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Wie er sich diesen Unterschied erkläre, fragt Loppacher.

Er stelle die Diagnose überwiegend anhand der Vorgeschichte eines Menschen, sagt Sachs. Er müsse also feststellen, welche Persönlichkeitseigenschaften sich wie ein roter Faden durch sein Leben ziehen, sagt Sachs.

Thomas N. habe ein unglaubliches Durchhaltevermögen gezeigt, eine Selbstbeherrschung. Gefühle oder Enttäuschungen habe er nie gezeigt. Er wurde als Perfektionist beschrieben, der immer versucht hat, alle Erwartungen zu erfüllen.

«Könnte eine Erklärung für die unterschiedliche Diagnose sein, dass Thomas N. den beiden Gutachtern unterschiedliche Seiten von sich gezeigt hat?», fragt Loppacher. Anders als Habermeyer, glaubt Sachs das nicht. Er führt aus, er habe die narzisstischen Persönlichkeitszüge auch gesehen, aber nur als Züge.

Für Sachs war für die Begehung der Tat die Pädophilie handlungsweisend. Die Idee, dass Kinder im Spiel sein sollten, sei früh gekommen. Gleichzeitig habe er die Pädophilie aufgrund seiner Überzeugung extrem stark abgelehnt. Sachs geht davon aus, dass Thomas N. etwas brauchte, um den sexuellen Übergriff zu begehen. Eine Verpackung, sozusagen. Hier käme die Geldbeschaffung ins Spiel.

Sachs führt auch aus, dass Thomas N. eine hohe Fähigkeit habe, Menschen zu täuschen, auch Therapeuten. Deshalb habe er seine Diagnose auch nicht nur mit seinen Aussagen begründet, sondern auch mit den Akten abgeglichen.

09:35 Uhr: Staatsanwältin: Wie sind Gewaltdelikte zu erklären?

Jetzt stellt Staatsanwältin Barbara Loppacher den Gutachtern ergänzende Fragen. Sie will wissen, wie typisch es für pädophile Straftäter sei, erwachsene Personen in ihre Gewalt zu bringen. Es sei für ihn nicht typisch, so Habermeyer. Wie er sich die anderen Delikte erkläre, fragt Loppacher. Er könne es nicht erklären, so Habermeyer.

Aus seiner Sicht ergebe sich ein Verstehenshintergrund dadurch, dass die Situation durch das erste Delikt nicht gelöst war. Die Motivation für weitere Tatpläne sieht Habermeyer darin, dass es Thomas N. noch besser machen wollte.

Thomas N. habe sich dem höchsten Risiko ausgesetzt, dass er auffliegt, als er Carla Schauer aus dem Haus geschickt habe, um Geld abzuheben, sagt Habermeyer. Die Tötungsfantasien wären ohne diesen Schritt nicht umsetzbar gewesen. Die Auswahl der neuen Familien belegen die Bedeutung der sexuellen Präferenz.

09:17 Uhr: Rolle der Mutter für Therapieerfolg

Oberrichter Robert Fedier spricht jetzt über die Mutter von Thomas N., eine seiner wichtigsten Bezugspersonen. Fedier will wissen, ob ein Verlust der Mutter einen Einfluss auf den Therapieverlauf habe.

Sachs sagt, es sei davon auszugehen, dass Thomas N. das sehr stark erschüttern würde, weil die Mutter tatsächlich eine grosse Rolle spiele und Thomas N. nur eingeschränkt beziehungsfähig ist. Ob es allerdings zu einer Wende im besseren oder zum schlechteren sein wird, könne er nicht sagen. Habermeyer stimmt den Ausführungen von Sachs zu.

09:00 Uhr: Gutachter Kritisieren Frank Urbaniok

Anders schätzt Psychiater Frank Urbaniok die Therapierbarkeit von Thomas N. ein. Er hat sich als Aussenstehender in die Debatte eingemischt. Man könne nicht sagen, Thomas N. sei therapierbar, so Urbaniok.

Sachs sagt, er wisse nicht, ob Urbaniok seine Gutachten gelesen habe. Es sei irrtümlich, ein Delikt wie jenes von Thomas N. auf eine Ursache zurückzuführen. Womöglich wisse nicht einmal Thomas N. selber, was sich zum Tatzeitpunkt in seinem Kopf abgespielt hat.Habermeyer findet es ausgesprochen schwierig, wenn von aussen Gutachten bewertet werden.

Das führe die Arbeit der Gutachter ad absurdum. «Wenn es so einfach wäre, könnte man ja einfach gewisse Kollegen anrufen, dann könnten diese den Mechanismus erklären», so Habermeyer. Als Psychiater stehe es ihm nicht zu, das Delikt zu erklären, so Habermeyer. Auch wenn es die Öffentlichkeit wolle, könne er nicht die Erklärung liefern. «Ich kann bestimmte Verhaltensmuster schildern». Habermeyer sagt, dass die Pädophilie von Thomas N. letztlich ausschlaggebend war für die Wahl der Opfer-Familie.

08:50 Uhr: Langzeitprognose ist schwierig

Jetzt kommt Six auf die von der Staatsanwaltschaft beantragten lebenslängliche Verwahrung zu sprechen. Um eine lebenslängliche Verwahrung auszusprechen, müssen zwei Gutachter zum Schluss kommen, dass ein Täter nicht therapierbar ist.

Oberrichter Six will wissen, über welchen Zeitraum Gutachter überhaupt eine wissenschaftliche begründete Prognose über die Therapierbarkeit eines Straftäters abgeben können. Sachs sagt, die Zuverlässigkeit der Prognose sei besser bei einer sehr günstigen oder sehr ungünstigen Prognose. Im Fall von Thomas N. liege eine ungünstige Prognose vor, also könne er über einen Zeitraum von zehn, allerhöchstens 15 oder 20 Jahre eine Prognose abgeben.

Habermeyer sagt, ab einer Prognose über einen Zeitraum von zehn bis 15 Jahren komme ein Gutachter in ein Seriositätsproblem hinein. Sachs und Habermeyer halten beide daran fest, dass eine lebenslängliche Untherapierbarkeit bei Thomas N. nicht ausgewiesen werden kann.

08:42 Uhr: Rückfallrisiko derzeit hoch

Gemäss des Verlaufsberichts des Amts für Justizvollzug hat Thomas N. im Gefängnis bereits mehrere Stunden Gespräche geführt. Das ändere nichts an seiner Einschätzung, sagt Sachs. Denn die psychiatrische Grundversorgung im Gefängnis sei nicht rückwärts gerichtet. Es geht also nicht um das Delikt, sondern nur um die aktuelle Befindlichkeit des Gefangenen.

Der Therapieerfolg könne nicht linear abgebildet werden, sagt Sachs. Es sei ein nicht einmal kontinuierlicher, sondern unregelmässiger Fortschritt – wenn überhaupt – zu erwarten. Fall eine Therapie stattfinde und diese wirke, werde das Risiko entsprechend verringert. Wird ein Zeitraum von über 15 bis 20 Jahren angeschaut, seien noch andere Effekte zu erwarten, etwa biologische Effekte wie die Alterung.

Auch Habermeyer schätzt das Rückfallrisiko zum jetzigen Zeitpunkt als hoch ein, weil die zum Delikt führenden Persönlichkeitsstörungen nicht behandelt seien. Die Chancen, dass das Rückfallrisiko durch Therapie verringert werden kann, schätzt Psychiater Sachs als mittelgradig ein.

08:29 Uhr: 13-stündiges Gespräch mt Thomas N.

Thomas N. hatte sich bis anhin sehr therapiewillig gezeigt, sagt Oberrichter Six. Sachs sagt, die Therapiewilligkeit bestehe tatsächlich. Aber solange keine Therapie erfolge, könne die Stabilität der Therapie nicht beurteilt werden. Es hänge auch davon ab, wie bereit Herr N. sei, Bereiche auszuleuchten, die mit Scham besetzt sind. Auch Habermeyer sagt, der Umgang von Pädosexuellen mit ihrer Störung sei in der Regel mit Scham besetzt. Thomas N. habe im 13-stündigen Gespräch mit ihm aber auch einen gewissen Leidensdruck gezeigt.

08:25 Uhr: Fortschritte nach fünf Jahren möglich

Auch Gutachter Habermeyer sagte vor dem Bezirksgericht, es sei schwierig, einen Behandlungszeitraum anzugeben, die Therapie werde aber über fünf Jahre in Anspruch nehmen. Er bleibt auch vor Obergericht bei diesen Aussagen. Im günstigsten Fall werde man nach fünf Jahren gewisse Fortschritte verzeichnen können. Aber bei der diagnostizierten Störung könne man nicht von Heilung sprechen, es gehe darum, einen Umgang mit der Störung zu finden.

08:18 Uhr: Gutachter gehen von hohem Risiko aus

Jetzt will Six etwas zur Gefährlichkeit von Thomas N. wissen. Sachs sagte vor Bezirksgericht, das Risiko sei als hoch einzuschätzen. Josef Sachs schätzt das Risiko immer noch gleich ein.

Auch Habermeyer ging von einem hohen Risiko bezüglich gewalttätig ausgerichteter Sexualstraftaten aus. An dieser Einschätzung habe sich nichts verändert, so Habermeyer. Sachs sagt, eine stationäre Massnahme werde nicht viel rascher Erfolg zeigen als eine ambulante. Er gehe davon aus, dass der Behandlungszeitraum etwas kürzer ist, aber unwesentlich kürzer.

Behandlungen von Persönlichkeitsstörungen seien so konzipiert, dass erste Erfolge frühestens nach zwei Jahren zu erwarten sind. Bei schweren Fällen mindestens fünf Jahre. Er gehe nach wie vor davon aus, dass eine Therapie länger als fünf Jahre brauche, weil die Therapiefähigkeit von Thomas N. unterdurchschnittlich sei. Er bleibe bei seiner Einschätzung, dass es mindestens zehn Jahre brauche.

08:12 Uhr: Die Verhandlung ist eröffnet

Oberrichter Jann Six eröffnet die Verhandlung. Er beginnt mit der Befragung der beiden Gutachter. Six will von Psychiater Josef Sachs wissen, ob sich an seiner Einschätzung etwas geändert hat. Sachs antwortet, es habe sich nichts geändert. Psychiater Elmar Habermeyer bestätigt ebenso die Frage von Six, dass sich an seiner Einschätzung nichts geändert habe.

08:07 Uhr: So läuft es heute ab

Anwesend sind die beiden Psychiater Josef Sachs und Elmar Habermeyer. Sie werden die Fragen der Richter, der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung zu ihren Gutachten beantworten. Anschliessend folgen die Parteivorträge von Staatsanwältin Barbara Loppacher und Verteidigerin Renate Senn. Danach zieht sich das Gericht zur Urteilsberatung zurück.

Geplant ist, dass das Urteil am Donnerstag mündlich eröffnet wird. Im Gerichtssaal anwesend sein wird, neben zahlreichen Journalisten, auch Markus Leimbacher. Er ist der Anwalt der Eltern der verstorbenen Carla Schauer (†48), deren Bruders und ihres Lebenspartners. «Meine Mandanten werden aber nicht da sein und sich auch nicht öffentlich äussern», sagt er.

07:29 Uhr: Die Parteien treffen ein
Das Medieninteresse am Gerichtsfall ist gross. (Bild: Sandra Ardizzone/CH Media)

Das Medieninteresse am Gerichtsfall ist gross. (Bild: Sandra Ardizzone/CH Media)

Vor der Verhandlung werden die Zuschauer genauestens kontrolliert. (Bild: Sandra Ardizzone/CH Media)

Vor der Verhandlung werden die Zuschauer genauestens kontrolliert. (Bild: Sandra Ardizzone/CH Media)

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