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Anwaltsfirma verharmlost sexuelle Belästigung im Fall Violeta B. – Gericht übt Kritik

Eine Zürcher Anwaltsfirma verharmloste einen Fall von sexueller Belästigung. Sie war schon einmal in eine ähnliche Affäre verwickelt.
Andreas Maurer
Frau B. wurde vom Vorgesetzten sexuell belästigt. (Bild: Anette Boutellier)

Frau B. wurde vom Vorgesetzten sexuell belästigt. (Bild: Anette Boutellier)

Der zweideutige Name der Zürcher Anwaltsfirma ist Programm: BeTrieb. Sie ist spezialisiert auf sexuelle Belästigung und Mobbing am Arbeitsplatz. Wenn ein Chef zu einer Mitarbeiterin zweideutige Aussagen macht, liefert BeTrieb zu Anwaltstarifen eine juristische Deutung dazu.

Die BeTrieb-Anwälte hatten ihre Geschäftsidee lange vor #MeToo und etablierten sich als Marktführer in der Deutschschweiz. Auf ihrer Website präsentieren sie eine Referenzliste mit 102 Auftraggebern, die grössten sind mit Logos hervorgehoben: die Mobiliar, Swiss, Tamedia, der WWF. Im Fall von Violeta B., der entlassenen Reinigungschefin des Bundeshauses, ist der Untersuchungsbericht für den Auftraggeber positiv ausgefallen. Das Bundesamt für Bauten und Logistik bestellte das Gutachten und entlastete damit den beschuldigten Kadermann.

Anonyme Firmenchefin

Das Bundesverwaltungsgericht äusserte jedoch «Zweifel an der Objektivität des Untersuchungsberichtes». Im Gegensatz zu den Anwälten stuften die Richter die Vorwürfe der sexuellen Belästigung als «nicht unbegründet» ein. Als diese Zeitung vor einer Woche BeTrieb-Geschäftsführerin Monika Hirzel mit dem schriftlichen Urteil konfrontiert hatte, versuchte diese, in die Anonymität zu flüchten. Per Mail erklärte sie, weshalb ihre Untersuchungsstelle nicht in der Zeitung genannt werden sollte: «Eine namentliche Nennung würde ich als rufschädigend und persönlichkeitsverletzend einstufen.» Denn die richterliche Kritik sei «unfundiert und undifferenziert».

Nachdem die Anwältin die Namensnennung nicht verhindern konnte, ging sie in die Offensive und gab in den Tamedia-Zeitungen ein Interview. Im ersten Satz sagte sie, auf den Fall von Violeta B. könne sie aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht näher eingehen. Im zweiten Satz ging sie dann doch näher auf den Fall ein und erklärte, die Vorwürfe würden nicht zutreffen. So könne man dem Urteil entnehmen, dass auch «haltlose Mobbingvorwürfe» zur Kündigung geführt hätten.

Damit stellte Hirzel die Glaubwürdigkeit von Violeta B. in Frage. Was die Juristin nicht sagte: Das Gericht hatte festgestellt, dass die Mobbingvorwürfe «nicht haltlos» waren. Violeta B. hatte ihren direkten Chef der sexuellen Belästigung bezichtigt und anderen Vorgesetzten Mobbing vorgeworfen.

Das Bundesamt liess alle Vorwürfe durch die externe Untersuchung prüfen. Die Anwaltsfirma tat alle Vorwürfe als «Verschwörungstheorien» ab. Das Gericht widerlegte das Fazit des Untersuchungsberichts aber nicht nur punkto sexueller Belästigung. Im Urteil steht: «Die Mobbingvorwürfe können im Grundsatz nicht als völlig haltlos und unbegründet bezeichnet werden.» Obwohl das Gericht die Darstellung des Bundesamts und von BeTrieb widerlegt hatte, beharrte Hirzel im Interview auf der Version ihres Auftraggebers. Violeta B. sagt zum Interview: «Da wird mir schlecht, wenn ich das lese.» Als sie bei der Befragung in der Zürcher Kanzlei von BeTrieb unter Tränen die sexuelle Belästigung geschildert habe, seien die Anwesenden schockiert gewesen. Im Bericht sei dann alles komplett anders dargestellt worden. Ein anderer Fall von BeTrieb war der Zürcher Unia-Chef Roman Burger. 2016 lautete der Vorwurf, er habe zwei Mitarbeiterinnen sexuell belästigt. Um die Krise zu beruhigen, bestellte die Gewerkschaft einen Bericht bei BeTrieb. Auch dieser fiel für die Auftraggeberin positiv aus. Das Fazit: In einem Fall liege keine sexuelle Belästigung vor. Im zweiten Fall handle es sich um eine verbale sexuelle Belästigung «im Rahmen eines wechselseitigen SMS-Austausches». In der «Wochenzeitung» kritisierten Unia-Mitarbeiterinnen: «Den Frauen soll eine Mitschuld zugeschrieben werden, Burgers Grenzüberschreitungen sollen kleingeredet werden.» Zuerst sah es so aus, als könne sich Burger halten. Später trat er jedoch zurück.

Violeta B. hofft auf die GPK

Auch das Bundesamt für Bauten versucht, die Affäre auszusitzen, und verzichtet weiterhin auf eine Stellungnahme. BeTrieb geht wieder in Deckung und schweigt.

Violeta B. setzt ihre Hoffnung auf die Geschäftsprüfungskommission. SP-Nationalrat Cédric Wermuth hat angekündigt, den Fall dort zu thematisieren. Violeta B. sagt: «Ich hoffe, dass dann alles sauber aufgearbeitet wird.»

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