Für die Fussball-Nationalmannschaft geht ein verrücktes Jahr zu Ende

Nationaltrainer Vladimir Petkovic ist mit dem 5:2-Sieg gegen Belgien ein Befreiungsschlag geglückt. Nutzt er den Aufschwung in der Zukunft?

Etienne Wuillemin
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18. November 2018:Die Schweiz schlägt Belgien 5:2. Hier das Tor von Nico Elvedi zum 4:2. Bild: Urs Lindt / Freshfocus
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14. November 2018Der Tiefpunkt im Nati-Jahr 2018: Akram Afif von Katar trifft in Lugano zum 0:1. Bild: Ennio Leanza / Keystone
6. August 2018Nach der WM sorgt der unrühmliche Abgang das langjährigen Leitwolfes Valon Behrami für Misstöne. Bild: Laurent Gilliéron / Keystone
3. Juli 2018Out im WM-Achtelfinal: Die Schweiz verliert gegen Schweden mit 0:1. Josip Drmic trifft nicht. Bild: Laurent Gilliéron / Keystone
27. Juni 2018Blerim Dzemaili bringt die Schweiz gegen Costa Rica 1:0 in Führung, am Ende heisst es 2:2. Bild: Laurent Gilliéron / Keystone
22. Juni 2018Die Doppeladler-Affäre (auf dem Bild Xherdan Shaqiri) im WM-Spiel gegen Serbien, das die Schweiz 2:1 gewinnt, sorgt für Unruhe. Bild: Laurent Gilliéron / Keystone
17. Juni 2018Die Schweiz spielt gegen Brasilien 1:1. Das Spiel gibt unter anderem zu reden wegen des Duells Neymar - Behrami. Bild: Laurent Gilliéron / Keystone
27. März 2018Die Schweiz (auf dem Bild Fabian Frei (links) und Steven Zuber) gewinnen ein Testspiel gegen Panama in Luzern mit 6:0.
23. März 2018Die Schweiz gewinnt das erste Spiel des Jahres 2018 – ein Testspiel gegen Griechenland – mit 1:0, dank eines Treffers von Blerim Dzemaili. Bild: Thanassis Stavrakis / AP
Stephan Lichtsteiner verpasste wegen einer Oberschenkelzerrung die Spiele gegen Katar und Belgien. Hat der Captain noch eine Zukunft im Nationalteam? (Bild: Laurent Gilliéron / Keystone)
Granit Xhaka zur Kritik an Vladimir Petkovic: «Nur die Medien meinen, dass der Trainer uns nicht im Griff hat.» (Bild: Ennio Leanza / Keystone)

18. November 2018:
Die Schweiz schlägt Belgien 5:2. Hier das Tor von Nico Elvedi zum 4:2. Bild: Urs Lindt / Freshfocus

Eigentlich war es ein Moment des grossen Triumphs. Ein Moment, der Vladimir Petkovic so viel geben könnte. Freude, Erleichterung, Genugtuung auch. Ein rauschendes 5:2 gegen Belgien, dieses hochgelobte Team voller Weltklasse – wann gibt es das schon?

Aber so ist das nicht. Wer am Sonntag kurz vor Mitternacht in die blauen Augen dieses Trainers blickt, sieht denselben Menschen wie stets. Vladimir Petkovic ist immer Vladimir Petkovic. Das bedeutet: Kontrolliert. Souverän. Nicht gerade gefühlslos. Aber doch so, als würde einem sein Körper mit jeder Faser sagen wollen: Nichts passiert! Alles normal! Nur keine Aufregung jetzt. 

Natürlich hat das einen Grund. Petkovic hat Wochen und Monate hinter sich, die wieder einmal geprägt waren von grossen Gefühlsschwankungen. Das Nationalteam pendelt mit grösster Regelmässigkeit zwischen totaler Euphorie und kompletter Ernüchterung. ­Garniert mit einer Prise Unverständnis. So war das im Jahr 2018.

Immer mittendrin: Vladimir Petkovic. Aber eben häufig doch nicht ganz dabei. Als die Schweiz über Doppel­adler diskutierte – kein Votum. Als seine Fussballer gegen Schweden den Achtelfinal verloren – keine Erklärungen. Als kurz darauf nur noch die Doppelbürger Thema waren – erst recht kein Ton. Petkovic liess es zu, dass die Schweiz das Bild eines Nationaltrainers bekam, der im Begriff war, seinem Land mit Gleichgültigkeit zu begegnen. Das Bild hat sich nur verstärkt, als im Sommer Valon Behrami aus dem Nichts zurücktrat. Umbruch? Neue Reize? Die beiden redeten aneinander vorbei. Es bleibt eine rätselhafte Geschichte.

Die Mannschaft hinter dem Trainer

Was bedeutet dieser grosse Schweizer Sieg nun für ihn, lautet die Frage an Petkovic. Er überlegt, seufzt. Sagt dann: «Es tut mir Leid, dass ich so antworten muss. Aber: Wir haben keinen negativen Trend gesehen. Wie das von ausserhalb wahrgenommen wird, das kann eben passieren. Pfeifen, klatschen, hin und her. So ist es eben manchmal.» Es ist eine Antwort, die tief blicken lässt. Petkovic verteidigt sein Team. Er spürt, dass Misstrauen da ist. Besonders nach einem Jahr wie diesem, mit Doppeladlerjubel, Doppelbürgerdebatte, Rücktritten, sportlichen Höhenflügen und Tiefpunkten. Manchmal denkt man: Wie lange tut er sich das noch an?

«Ich dachte: Also diese Mannschaft steht wirklich nicht hinter dem Trainer! Was soll ich nur machen?»

Doch wie sehr werden Petkovic und sein Nationalteam tatsächlich ungerecht behandelt? Tatsache ist: Am Tag vor dem Spiel wird Granit Xhaka an der offiziellen Medienkonferenz von einer Gratiszeitung gefragt, ob Petkovic das Team noch hinter sich wisse. Am Tag des Spiels schreibt der «Sonntags-Blick»: «Es braucht einen neuen Nationaltrainer. Einer, der Teil der Aufbruchstimmung ist.» Es scheint einiges Glas zerschlagen. Es sind Dinge, die nicht spurlos an Petkovic vorbeigehen. Was er dachte, als die Schweiz kurz nach Spielbeginn gegen Belgien bereits in Rückstand geriet, will die Journalistin wissen, die vor dem Spiel Xhaka nach dem Rückhalt des Trainers befragte. Der Nationaltrainer sagt: «Ich dachte: Also diese Mannschaft steht wirklich nicht hinter dem Trainer! Was soll ich nur machen?» Petkovic bleibt Petkovic. Ein kleines Lächeln ist Zeichen dafür, wie zufrieden er mit seiner Selbstironie ist.

Eines wurde ziemlich offensichtlich an diesem turbulenten Sonntagabend in Luzern. Petkovic ist Herr dieses Teams. Wäre er das nicht, hätte das Spiel eine andere Wendung genommen. Aus einem frühen 0:2 ist in manchen Fällen auch schon ein 0:5 geworden. Anstatt der Demütigung folgte die wundersame Wende. Mit Petkovic in der Hauptrolle, der die Taktik umstellte. Und mit Spielern, die von Minute zu Minute mehr an sich glaubten. «Respektlos» nannte Xherdan Shaqiri hinterher die anhaltende Kritik am Trainer.

Was es zum Erfolg braucht

Die Fragen nach dem letzten Nati-Spiel dieses Jahres lauten: Wie viel ist dieser Sieg für die Zukunft wert? Und darf man deswegen die Vergangenheit einfach so verdrängen?

Wer den WM-Halbfinalisten und Weltranglistenersten nach einem 0:2 noch 5:2 schlägt, verfügt über viel Moral und Willen. Doch eines ist auch gewiss: Die Schweiz ist darauf angewiesen, dass alle Schlüsselspieler gleichzeitig gut in Form sind. Die Schweiz braucht also ­einen Wirbler Shaqiri, einen Strategen Xhaka, einen «falschen Spielmacher» Rodriguez und einen Torjäger Seferovic, einen Hexer Sommer. Dazu eine stabile Innenverteidigung. Erst dann können andere wie Mbabu, Edimilson oder Freuler über sich hinauswachsen.

Das tönt nach viel. Und das ist es auch. Denn dieses Jahr 2018 hat auch gezeigt, wie schnell das Kartenhaus zusammenbrechen kann. Sobald zu viele Spieler der ersten Garde fehlen, fehlen Schwung und Selbstverständnis. Dann heisst es plötzlich 0:1 gegen Katar.

Und Petkovic? Man wünscht sich einen Nationaltrainer, der mit genauso viel Verve über gesellschaftliche Themen diskutiert, wie er am Sonntag an der Seitenlinie steht und seinen Spielern taktische Varianten erklärt. Man wünscht Petkovic einen Berater, von dem er sich tatsächlich auch beraten lässt. Der Mensch Vladimir Petkovic hat eine wunderbare, sanfte und humorvolle Seite. Es schadet ihm nicht, wenn er sie etwas häufiger zeigt. Vielleicht fällt ihm das in Zukunft ja etwas leichter. Die Hoffnung bleibt.

Rot-Weiss dominiert am Länderspiel in Luzern

Gänsehaut-Stimmung in der Swisspor-Arena: Die Fans der Schweizer Nationalmannschaft sorgen für eine beeindruckende Atmosphäre. Auch die Anhänger der Belgier tragen ihren Teil dazu bei.
Raphael Gutzwiller
Haris Seferovic (Mitte) jubelt mit seinen Teamkollegen über den Treffer zum 5:2. Bild: Urs Lindt/Freshfocus (Luzern, 18. November 2018)
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Matchwinner Haris Seferovic (9) und die ganze Schweizer Mannschaft ist zu Recht euphorisch nach dem 5:2 gegen Belgien. (Bild: Alexandra Wey / Keystone (Luzern, 18. November 2018))
Haris Seferovic jubelt nach dem Tor zum 2:2 (Bild: Urs Lindt / Freshfocus (Luzern, 18. November 2018))
Haris Seferovic kann in seinem 59. Länderspiele die Tore 15, 16 und 17 bejubeln. Er trifft zum 2:2, 3:2 und 5:2 (Bild: Alexandra Wey / Keystone (Luzern, 18. November 2018)
Xherdan Shaqiri jubelt nach dem Tor zum 4:2. Bild: Daniela Frutiger / Freshfocus (Luzern, 18. November 2018)
Nati-Trainer Vladimir Petkovic (rechts) gibt Anweisungen an Granit Xhaka. Bild: Alexandra Wey / Keystone (Luzern, 18. November 2018)
Haris Seferovic (Mitte) feiert den Sieg mit Fans. (Bild: Alexandra Wey / Keystone (Luzern, 19. November 2018))
Zweikampf zwischen Nico Elvedi (links) und Thorgan Hazard. Bild: Ennio Leanza/Keystone (Luzern, 18. November 2018)
Xherdan Shaqiri stellt Belgiens Abwehrchef Vincent Kompany immer wieder vor Probleme. Der herausragende Schweizer liefert die Vorlagen zum 2:2 und 4:2 (Bild: Alexandra Wey / Keystone (Luzern, 19. November 2018))
Ricardo Rodriguez trifft vom Penaltypunkt sicher zum 1:2. (Bild: Ennio Leanza / Keystone (Luzern, 19. November 2018))
Da freuen sich die Brüder noch: Eden Hazard gratuliert Thorgan, der bis in die 17. Minute zweimal zum 2:0 trifft. (Bild: Ennio Leanza / Keystone (Luzern, 19. November 2018))
Die Choregrafie mit dem Schweizer Kreuz heizte die Stimmung an. Bild: Ennio Leanza/Keystone (Luzern, 18. November 2018)
Die Startformation (vorne von links): Steven Zuber, Kevin Mbabu, Remo Freuler, Xherdan Shaqiri und Edimilson Fernandes. Hinten von links: Ricardo Rodriguez, Haris Seferovic, Nico Elvedi, Timm Klose, Granit Xhaka und Yann Sommer. Bild: Ennio Leanza/Keystone (Luzern, 18. November 2018)
Um diesen Pokal geht es: (Bild: Daniela Frutiger / Freshfocus (Luzern, 18. November 2018))

Haris Seferovic (Mitte) jubelt mit seinen Teamkollegen über den Treffer zum 5:2. Bild: Urs Lindt/Freshfocus (Luzern, 18. November 2018)

Yann Sommer, Torhüter, Note 5. Muss rasch zweimal hinter sich greifen. Danach hält er aber mehrfach stark.
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Kevin Mbabu, Rechtsverteidiger, Note 5,5. Starker Auftritt. Macht viele Vorstösse. Holt den Penalty zum 1:2 raus und bereitet das 5:2 vor.
Timm Klose, Innenverteidiger, Note 5. Erhält die Chance in der Startelf. Er gewinnt sehr viele Zweikämpfe.
Nico Elvedi, Innenverteidiger, Note 4. Verschuldet das 0:1, sieht auch beim 0:2 nicht glücklich aus. Steigert sich aber und trifft zum 4:2.
Ricardo Rodriguez, Linksverteidiger, Note. 5. Beim 0:2 ist er zu passiv. Er erzielt dafür das 1:2 per Penalty und bereitet das 2:2 mit einer Flanke vor.
Granit Xhaka, Defensives Mittelfeld, Note 5.Der Captain führt das Team als Taktgeber an. Erobert viele Bälle.
Remo Freuler, Defensives Mittelfeld, Note 4,5. Fällt in diesem Spiel selten auf, ob positiv oder negativ. Macht später Platz für Zakaria.
Edimilson Fernandes, Rechter Flügel, Note 4,5. Bereitet das 3:2 für Seferovic vor. Kämpferisch und läuferisch ein guter Auftritt.
Xherdan Shaqiri, Offensives Mittelfeld, Note 5,5. Er sprüht vor Energie. Wunderschön seine Vorlagen zum 2:2, 4:2 und 5:2.
Steven Zuber, Linker Flügel, Note 4,5. Läuft sehr viel, kämpft und hilft defensiv mit, hat jedoch wenig Offensivaktionen.
Haris Seferovic, Mittelstürmer, Note 6.  Sackstark! Schiesst bei seinem Luzerner Heim-Auftritt drei Treffer und wird mit einer Standing Ovation verabschiedet.  Nicht bewertbar: Denis Zakaria, Loris Benito und Albian Ajeti.

Yann Sommer, Torhüter, Note 5.
Muss rasch zweimal hinter sich greifen. Danach hält er aber mehrfach stark.

Alle Tore gegen Belgien im Überblick: