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VOLKSSCHULE: «Wollen die Schule nicht neu erfinden»

Harmos, Fremdsprachen, Lehrplan 21. Die Volksschulbildung befindet sich im Umbruch, was oft Kritik auslöst. Der Präsident der Deutschschweizer Erziehungsdirektoren erklärt, dass überdramatisiert wird.
Interview Aleksandra Mladenovi
Trotz hitziger Debatte: Laut den Machern des Lehrplan 21 werden die Veränderungen in der Schule «überdramatisiert». Im Bild. Ein Primarschüler während des Unterrichts. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Trotz hitziger Debatte: Laut den Machern des Lehrplan 21 werden die Veränderungen in der Schule «überdramatisiert». Im Bild. Ein Primarschüler während des Unterrichts. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Christian Amsler*, Sie sind ein Verfechter von Harmos, wonach in der Primarstufe zwei Fremdsprachen unterrichtet werden. Nun macht Ihnen ausgerechnet Ihr eigener Kanton einen Strich durch die Rechnung – das Schaffhauser Kantonsparlament hat letzte Woche einen Vorstoss überwiesen, der nur eine Fremdsprache in der Primarschule verlangt. Wie haben Sie das aufgenommen?

Christian Amsler: Gelassen. Auch andere Kantone werden der Schweizerischen Konferenz der Erziehungsdirektoren (EDK) solche Zeichen senden. Wir werden als Regierungsrat unsere Hausaufgaben machen und der EDK diesen Brief schreiben. Selbstverständlich ist es für mich aber enttäuschend, wenn meiner Meinung nach der falsche Weg eingeschlagen wird.

Die Regierungen von Nidwalden und Zug haben den Auftrag bekommen, das Fremdsprachenkonzept umfassend zu evaluieren; in Luzern, Nidwalden und Graubünden sind Volksinitiativen lanciert worden. In Luzern steht gar der kantonale Lehrerverband hinter dem Begehren. Kann eine so breite Front auf dem «falschen Weg» sein?

Amsler: Wir implementieren das neue System doch erst. Die ersten Schüler, die mit zwei Fremdsprachen auf Primarstufe konfrontiert wurden, haben die Volksschule noch nicht einmal abgeschlossen. Wenn sich in einer sauberen Evaluation Mängel zeigen, bin ich der Erste, der diese zu beheben gedenkt. Es sind aber genau die Stimmen, die «Reformwahn» schreien, die nun Unruhe in den Prozess bringen. Man hat viel Zeit und Geld in die Aus- und Weiterbildung der Lehrer gesteckt. Gerade in Sparzeiten setzt man nun auf diese Weise fahrlässig Geld in den Sand.

Können Sie die Argumente der Harmos-Gegner nicht nachvollziehen?

Amsler: Natürlich nehmen wir die Bedenken ernst. Ich mahne aber zur Vorsicht. Argumentiert wird etwa, dass die Schüler überfordert seien. Meiner Ansicht nach richtet man sich zu sehr nach den schwächeren Schülern. Wir müssen aufpassen, dass wir die Schüler irgendwann nicht unterfordern. Es ist sicher so, dass sich die Schule stark in Richtung Sprachen entwickelt hat. Es handelt sich dabei aber in der Zeit der Globalisierung um eine sehr wichtige Kultur- und Gesellschaftskompetenz.

Sie bezeichnen die Sprachen als «Kompetenz». Der Lehrplan 21 will weg von Faktenwissen, hin zu kompetenzorientiertem Lernen. Was bedeutet das?

Amsler: Es gibt einen grossen Kampf um den Begriff «Kompetenz». Ohne Wissen kann es keine Kompetenz geben. Sprachen sind ein Paradebeispiel dafür. Ein Schüler kann nicht einfach ein Telefonat «avec la Romandie» führen, ohne Basiswissen. Dieses muss er aber situationsgegeben anwenden können – das ist eine Kompetenz. Es geht darum, zu beschreiben, wie Schüler erworbenes Wissen umsetzen sollen. Viele kantonale Lehrpläne gehen schon in diese Richtung. Der Lehrplan 21 ist eine konsequente Fortschreibung.

Besteht nicht die Gefahr, dass die Schüler lernen, wie sie lernen können, de facto aber nichts Konkretes lernen?

Amsler: Jeder kann sich den Lehrplan unter www.lehrplan.ch anschauen. Er bildet viele konkrete Wissensziele ab – man muss sich höchstens an die Formulierung gewöhnen. Es sind die Hunde, die am lautesten bellen, die gehört werden. Eine grosse Mehrheit ist dem Lehrplan 21 gegenüber positiv eingestellt.

Mal ehrlich – wer überhaupt soll die 557 Seiten, die über 4000 Kompetenzziele umfassen, denn tatsächlich lesen?

Amsler: Sie und ich zum Beispiel! (lacht) Es sind sehr engagierte Fachkommissionen an der Arbeit. Stellenweise hat man vielleicht etwas überbordet – alle wollen ihrem Lieblingskind möglichst viel Zuwendung geben. Es ist für mich ganz klar, dass wir das Dokument noch vereinfachen werden. Es ist aber eine Gratwanderung – ins Gegenteil verfallen und den Lehrplan auf 20 Seiten zusammenstreichen dürfen wir auch nicht. Damit würde man einen zu grossen Freiraum für Interpretationen lassen und das Ziel einer gewissen Harmonisierung verfehlen.

Im Lehrplan finden sich auch Kompetenzen zu Themen wie soziale Gerechtigkeit, Sexualität, Gleichstellung und so weiter. Sollen kleine Idealisten in den Schulen heranwachsen?

Amsler: Die Schule hat den Auftrag, den Schülern einen sorgsamen Umgang mit ihrer Umwelt beizubringen. Wir wollen sie für die Realität fit machen. Die Kritik an diesen Inhalten fängt bei der SVP an und hört bei der Freikirche auf. Der Bildungsauftrag geht aber über die Mathematik hinaus und betrifft auch solche Themen.

Entzieht man damit den Eltern aber nicht die Erziehungskompetenz?

Amsler: Das ist eine sehr pauschalisierende Kritik. Die Schule will die Eltern nicht ersetzen. Diese müssen aber auch ihre Verantwortung wahrnehmen. Ein Beispiel ist die Aufklärung: Wir erhalten alarmierende Signale von Schulärzten, die mit Kindern konfrontiert sind, die keine Ahnung von Sexualität haben. In solchen Fällen muss die Schule eine Mitverantwortung tragen. Wir haben immer gesagt, dass wir bereit sind für Anpassungen, wenn in einem Bereich massive Kritik erwachsen sollte. Der Lehrplan 21 ist nicht sakrosankt für die nächsten 50 Jahre festgeschrieben.

Was wird sich in den Schulzimmern konkret ändern?

Amsler: Das ist ja der Punkt: praktisch nichts. Bildlich gesprochen, haben wir die Lehrpläne der 21 Kantone genommen, sie durch den Fleischwolf gedreht und in einer guten Mitte den neuen Lehrplan aufgestellt. Wir wollen die Schule nicht neu erfinden.

Wird die Situation überdramatisiert?

Amsler: Ja.

Kränkt Sie das, als «Vater des Lehrplans 21»?

Amsler: Nein. Wir haben mit Kritik gerechnet und in der Konsultationsphase viele Rückmeldungen erhalten. Der Haupttenor ist, dass der Lehrplan eine gute Sache ist. Es gibt aber kritische Punkte, auf die wir reagieren werden. Klar ist, dass sich die Bildung immer stärker im Fokus der Politik bewegt. Gefährlich ist, dass die Parteien das Thema für ihre Wahlkämpfe entdeckt haben, was zu grosser Unruhe in der Schule führt. Man sollte aufhören, die Bildung für das Kochen politischer Suppen zu missbrauchen und die Lehrer ihren Job machen lassen. Die Schule hat alles andere als Polemik verdient.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass der Lehrplan 21 tatsächlich im Herbst 2014 eingeführt wird?

Amsler: Wenn es angezeigt ist, nehmen wir uns die nötige Zeit, um den Lehrplan zu überarbeiten. Auch wenn er dann womöglich erst 2015 freigegeben wird

Hinweis

* Christian Amsler (50) ist Erziehungsdirektor des Kantons Schaffhausen. Als Präsident der Deutschschweizer Konferenz der Erziehungsdirektoren ist er massgeblich an der Erarbeitung des Lehrplans 21 beteiligt. Er ist mit einer Lehrerin verheiratet und hat drei Kinder.

4753 Kompetenzen für das Klassenzimmer

Lehrplan 21 4753 Kompetenzen listet der Lehrplan 21 auf. Nicht nur Lehrer üben Kritik am geplanten Wechsel von Inhalten zu Kompetenzen. «Unter einem Lehrplan ist im weiten Sinn ‹ein Kanon von Lehrinhalten› zu verstehen», führte Walter Herzog, Professor am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Bern, Anfang Jahr in einem Vortrag an der Pädagogischen Hochschule Luzern aus. Herzog gilt als vehementer Kritiker des Lehrplans 21 (LP 21).
Für ihn ist ein Wechsel weg von Inhalten hin zu Kompetenzen unnötig. Er fragt sich insbesondere, was Kompetenzen denn überhaupt seien. Laut Herzog komme genau dieser für den Lehrplan 21 so zentrale Begriff im 557 Seiten umfassenden Werk ziemlich unklar daher. Der Lehrplan beschreibt, was Schüler am Ende eines Unterrichtszyklus können sollen. «Wenn man dies beim Wort nehmen darf, dann geht es nicht um einen Kanon von Inhalten, der von den Lehrkräften zu vermitteln ist, sondern um ein Können, über das sich die Schüler am Ende der Schule ausweisen müssen», führt Herzog in seinem Vortrag weiter aus. Der LP 21 sei ganz «in der Sprache des Könnens abgefasst». Nur selten sei ein anderes Verb zur Kompetenzbeschreibung zu finden, moniert Herzog. «Einer Litanei gleich wird ein Können nach dem anderen heruntergebetet, bis man beim Können Nummer 4753 angelangt ist.» Für Herzog ist «sowohl die Definition von Kompetenz, als auch die Verwendung des Begriffs im Lehrplan obsolet». Wenn sich Kompetenz lediglich in der Art und Weise der Bewältigung einer Aufgabe zeige, dann seien Kompetenzen nichts Neues für die Schule.

Erziehungsauftrag an Schule?

Die Definitionen des Kompetenzbegriffs führten laut Herzog dazu, dass der Schule bislang noch nie gekannte erzieherische Kompetenzen übertragen würden. Was ja nicht Aufgabe der Schule sein könne. Am gravierendsten ist für Herzog allerdings, dass zum LP 21 keine öffentliche Diskussion stattfinde. Solange diese nicht geführt sei, fehle dem Lehrplan 21 die politische Legitimation.

So soll unterrichtet werden

Gemäss Lehrplan 21 (LP 21) müssen Schüler am Ende der Volksschule über verschiedene Kompetenzen verfügen. Laut Professor Peter Gautschi, Leiter des Zentrums Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen an der Pädagogischen Hochschule Luzern und Mitbeteiligter an der Ausgestaltung des Lehrplans 21, bedeutet das, dass etwa im Fach «Räume, Zeiten, Gesellschaften» «die Schüler gut mit Geschichten über die Vergangenheit umgehen und Geschichten über Vergangenes ebenso gut erzählen können».

«Historisch kompetent heisst, dass die Schüler, beispielsweise die Entstehung der Schweiz erklären können», sagt Gautschi. Um diese Fähigkeit zu erlangen, ist ein Aufbau mit Kompetenzstufen – gewissermassen eine Lerntreppe – entwickelt worden. Auf den verschiedenen Stufen werden die Schüler zum Beispiel «mit wichtigen Ereignissen der Schweizer Geschichte konfrontiert». Sie lernen, «dass Geschichte immer mit Menschen zu tun hat, dass es um Veränderungen in der Zeit geht, dass sie das Vorher und Nachher, Ursachen und Folgen unterscheiden sollen», erklärt Gautschi.

Schule kennt Kompetenzen schon

«Diese Kompetenzorientierung wird bei uns durch viele gute Lehrpersonen schon länger praktiziert und ist auch andernorts erfolgreich umgesetzt», sagt Gautschi. Für ihn ist klar, dass sich das Engagement lohnt. «Erstens, weil sich die Aufmerksamkeit der Lehrpersonen noch stärker auf das Wissen und Können der einzelnen Schüler konzentriert. Und zweitens, weil dadurch die Logik und Transparenz innerhalb der Volksschule vergrössert wird.

Harry Ziegler

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