Von den Gamern inspiriert: Dimitri Rougy koordiniert die Klimaproteste mit ungewohnten Mitteln

Die jungen Umwelt-Aktivisten planen ihre Streiks über eine Gaming-Plattform. Die Idee dazu hatte der 21-jährige Dimitri Rougy aus dem Berner Oberland. Im Hintergrund der Jugendbewegung zieht er die Fäden.

Daniel Fuchs
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«Schnelldenker», «Alleskönner» und «Kampagnenprofi»: So wird Dimitri Rougy in der Aktivisten-Szene beschrieben. (Bild: Jennifer Scherler)

«Schnelldenker», «Alleskönner» und «Kampagnenprofi»: So wird Dimitri Rougy in der Aktivisten-Szene beschrieben. (Bild: Jennifer Scherler)

Die Strasse und das Internet sind das Zuhause von Dimitri Rougy. Dazu passen die klobigen Doc-Martens-Schuhe genauso wie der Laptop in einem Rucksack aus rezyklierter Lastwagenplane. Es ist Donnerstagmittag und der 21-jährige Rougy trinkt in einer Berner Bar Grüntee. Dann öffnet er auf seinem Laptop die Gaming-App Discord. Mit ihren Chats und Foren ist sie quasi das Herz der Organisation der jugendlichen Klimaaktivisten.

Der Satz mit dem Zuhause auf der Strasse und im Internet stammt von Daniel Graf, einem, der politische Kampagnen in der Schweiz auf ein anderes Level hob. Er ist so etwas wie der Mentor von Dimitri Rougy.

Auch Rougy selbst sieht sich als Campaigner und Aktivist. Nicht nur Linke halten grosse Stücke auf den «Schnelldenker», «Alleskönner» und «Kampagnenprofi» aus dem Berner Oberland. Schweizweit bekannt wurde er an der Seite der Autorin Sibylle Berg. Zusammen trugen sie dazu bei, dass das Referendum gegen Sozialdetektive zur Abstimmung kam.

Nicht nur Schüler sollen auf die Strasse gehen

Rougy sieht es als seinen Job, Leute zu begeistern und ihnen ihren Aktivismus zu ermöglichen. Dazu trat er dem nationalen Koordinationsteam der Klimastreikenden bei. Heute umfasst es rund 30 Mitglieder. Rougy will aber nicht, dass er als Kopf der Bewegung dargestellt wird. «Ich bin zu alt. Und viele andere Leute tragen einiges mehr dazu bei als ich», sagt er. Und deshalb sitzt in der Bar an Rougys Seite ein zweites Mitglied aus dem Koordinationsteam. Nur möchte dieser, wie Rougy 21 Jahre alt und Student, nicht namentlich in der Zeitung stehen.

Und so ist es halt doch Dimitri Rougy, der hinsteht. Einmal mehr. Er war in der «Arena», stand in der «Rundschau» an der Theke Red und Antwort. Und nun haben er und seine Mitstreiter Grosses vor.

Die Demonstrationen vom Samstag Nachmittag in 13 Schweizer Städten müssen mehr als ein blosser Schülerstreik sein. Lehrlinge, Studentinnen, aber auch Eltern und Grosseltern mit ihren Kindern und Enkelkindern sollen dabei sein. Und ja, die Schülerinnen und Schüler müssen beweisen, dass sie auch an einem schulfreien Tag auf die Strasse gehen.

Aktivisten loggen sich auf einem virtuellen Server ein

Um dem Ganzen zum Erfolg zu verhelfen, hat Rougy vorgeschlagen, aufs Gaming-Online-Tool Discord zu setzen. Aktivisten können sich auf einem virtuellen Server einloggen. Das Netzwerk ist offen und in Foren und Chats planen und koordinieren die einzelnen Arbeitsgruppen die Proteste, die Kommunikation oder etwa die Social-Media-Präsenz. Mitbestimmen und mitgestalten können diejenigen, die sich gerade dafür interessieren und auch online sind. Für Rougy haben solche Onlineinstrumente den Vorteil, dass Menschen sich so ausserhalb der institutionalisierten Demokratie günstig und einfach organisieren können.

Ist Dimitri Rougy mit seinen 21 Jahren und seinem Wissen also eine Art graue Eminenz der Klimaproteste? Vielleicht, Rougy kennt die Hilfsmittel, die das Internet bietet. «Wenn es darum geht, eine Grafik zu erstellen, dann weiss Rougy nicht nur, wo er auf die Schnelle das Zahlenmaterial hernimmt, er macht im Handumdrehen auch gleich noch einen Clip dazu», sagt Campaigner-Ikone Daniel Graf. Rougy sei «kampagnenmässig schon fast ein Senior», aber eben trotzdem noch «nah dran bei den Gymelern».

In Interlaken sitzt Dimitri Rougy im Gemeindeparlament. Für die Berner Oberländer SP ist er die Zukunftshoffnung. Sie hat ihn für die Nationalratswahlen im Herbst aufgestellt. Rougy will, dass Menschen ausserparlamentarisch mehr Einfluss haben. Nun zieht es ihn in den Nationalrat. Ein Widerspruch? «Nein», findet er, «es geht ja nun auch bei den Klimaprotesten darum, dass sie Früchte tragen.» Das Ziel der Bewegung liege gerade nicht in der Verhaltensänderung Einzelner, sondern, «dass wir als Ganzes Verantwortung übernehmen». Dazu müssten die Forderungen ins Parlament.