Von der Hotelierstochter zur höchsten Schweizer Diplomatin: Wer ist Livia Leu, die neue EU-Verhandlerin?

Heute soll es offiziell werden: Der Bundesrat setzt in den verkorksten Verhandlungen mit der EU auf eine Frau. Livia Leu soll Roberto Balzaretti als Chefunterhändlerin ablösen. Publizistin Esther Girsberger kennt Leu, schrieb ein Buch über sie – für CH Media porträtiert sie die Diplomatin.

Esther Girsberger
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Frankreich-Botschafterin Livia Leu und Innenminister Alain Berset vor dem Bundesrats-Jet in Paris. Archivbild von 2018.

Frankreich-Botschafterin Livia Leu und Innenminister Alain Berset vor dem Bundesrats-Jet in Paris. Archivbild von 2018.

Keystone

Livia Leu stammt aus einer Hoteliers-Familie. Wenn man wie sie im Winterkurort Arosa aufgewachsen ist, mit Vater und Mutter, die beide in verschiedenen Landesregionen gehobene Häuser führten, ist die Ähnlichkeit zur Diplomatie offensichtlich: man bewegt sich in internationalen Kreisen mit verschiedenen Kulturen und schwierigen Gästen und muss sprachlich agil sein.

Livia Leu spricht mehrere Fremdsprachen. Bis heute ist sie dem Bündner Dialekt treu geblieben – und hat einen Mann mit Bündner Wurzeln geheiratet, den sie in New York während ihrem ersten Auslandeinsatz als Diplomatin kennen gelernt hat.

Die Geselligkeit blieb der Bündnerin trotz ihrer Zielstrebigkeit auch während ihres Jura-Studiums an der Uni Zürich erhalten. Anders als viele der Bündner und Tessiner Kommilitonen blieb sie auch während der Wochenenden in Zürich – des Vergnügens, aber auch des Lernens wegen. Sie erwarb Lizentiat und Anwaltspatent in Rekordzeit, um rasch zu erkennen, dass die Juristerei nicht ihr Lebensinhalt sein würde.

Das sie stets faszinierende internationale Umfeld führte sie in den diplomatischen Dienst und damit an ihren ersten Ausland-Posten in New York an der Ständigen Mission der Schweiz bei den Vereinten Nationen in New York. Neckischerweise ist ihre Vorvorgängerin im EDA-Staatssekretariat, Pascale Baeriswyl, heute Chefin dieser Uno-Mission.

Weltweit erst die zweite Frau als Botschafterin im Iran

Politisch ist Livia Leu eine unabhängige Denkerin. Gleichstellung lebt sie, indem sie nicht in erster Linie darüber spricht, sondern handelt. So gründete sie zusammen mit anderen Diplomatinnen, die bis vor kurzem noch in deutlicher Minderzahl waren, den Verein der Diplomatinnen im Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten.

Ihr Einsatz als engagierte Frau hinderte sie nicht daran, zusammen mit den zwei Kleinkindern ihrem Mann nach Los Angeles zu folgen, dem während eines Jahres ein attraktives berufliches Angebot gemacht worden war. Allerdings war sie erleichtert, nach dem Jahr, das sie vor allem den beiden Söhnen widmete, nach Bern in die Diplomatie zurückzukehren.

Die damalige Aussenministerin, Alt-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, mit der neuen Iran-Botschafterin Livia Leu bei einer Medienkonferenz im März 2008.

Die damalige Aussenministerin, Alt-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, mit der neuen Iran-Botschafterin Livia Leu bei einer Medienkonferenz im März 2008.

Kestone

Zum ersten Mal ins Rampenlicht, das unter Diplomatinnen und Diplomaten zwangsläufig eher gemieden wird, katapultierte sie bezeichnenderweise eine Frau: ihre damalige Chefin, Micheline Calmy-Rey, setzte im Bundesrat durch, dass Livia Leu als erste Schweizerin und weltweit erst zweite Frau ihr Land im Iran vertrat. Kritik an der Ernennung gab es von verschiedenen Seiten.

Die SVP beispielsweise empörte sich nicht etwa wegen der immer rasch vermuteten sozialdemokratischen Gesinnung der Diplomatin, sondern wegen der Unterordnung unter das Verschleierungsgebot in der Islamischen Republik. Die allerdings gesetzlich vorgeschrieben ist. Nicht nur Micheline Calmy-Rey war überzeugt, dass mehr für die Sache der Frau erreicht werden kann, wenn eine Botschafterin anstatt eines Botschafters im Iran wirkt.

Massgeblich an Befreiung von Amerikanerinnen beteiligt

Seitens iranischer Frauen erhielt die Schweiz denn auch viel Lob für die Ernennung, die im Land eine gewisse Signalwirkung für die Gleichberechtigung hatte, wie auch Livia Leu stets betonte.

Ihr Wirken war denn auch nachhaltig. In ihre Amtszeit fielen nicht nur die von Unruhen und Gewalt begleiteten iranischen Präsidentschaftswahlen im Juni 2009, sondern auch die einen Monat später bestätigte Inhaftierung von drei Amerikanern, darunter eine Frau. Die drei sollen während einer Wanderung im kurdischen Teil des Iraks die iranische Grenze überschritten haben und wurden verhaftet.

Botschafterin Livia Leu mit den drei befreiten Amerikanerinnen am Imam Khomeini Airport in Tehran im Jahr 2010.

Botschafterin Livia Leu mit den drei befreiten Amerikanerinnen am Imam Khomeini Airport in Tehran im Jahr 2010.

Keystone

Erst zwei Jahre später, nach unzähligen Interventionen und diplomatischem Seilziehen hinter den Kulissen, brachte es die Schweizer Botschafterin mithilfe unter anderem Omans fertig, die Amerikaner frei zu bekommen. 2013 wurde Livia Leu in Washington mit dem «Common Ground Award» für ihre diplomatischen Verdienste im Iran geehrt.

Nur das Foto von ihr und der damaligen amerikanischen Aussenministerin Hillary Clinton zeugt vom sichtlichen Stolz der sonst zurückhaltend auftretenden Livia Leu.

Sie bezeichnete ihre Jahre im Iran nicht nur als die intensivsten, sondern auch die befriedigendsten vier Jahre ihrer diplomatischen Karriere. Bei aller Kritik etwa an den Menschenrechtsverletzungen beeindruckte sie die legendäre iranische Gastfreundschaft, die überdurchschnittlich gute Bildung auch der Frauen und die Offenheit der Bevölkerung. Ihre authentische, dezidierte und verbindliche Art öffnete ihr gerade als Frau manche Türen, die anderen Diplomaten verschlossen blieben.

Ihre neue Stelle dürfte auch ihre letzte sein

Mit gemischten Gefühlen kehrte Livia Leu nach Bern zurück. Typisch für sie, die stets auch um das Wohl der Familie bemüht ist, empfand sie die schweizerische Normalität vor allem für ihre beiden Söhne als wichtig.

Livia Leu als Frankreich-Botschafterin zusammen mit dem damaligen französischen Präsidenten François Hollande im Jahr 2016.

Livia Leu als Frankreich-Botschafterin zusammen mit dem damaligen französischen Präsidenten François Hollande im Jahr 2016.

Keystone

Für sich selber erachtete sie ihre Berufung zur Delegierten des Bundesrats für Handelsverträge und Leiterin des Leistungsbereichs Bilaterale Wirtschaftsbeziehungen im Staatssekretariat für Wirtschaft als gewinnbringend für die Komplementierung ihres Fachwissens im Wirtschaftsbereich. Zum Leidwesen des einen oder anderen internationalen Unternehmens blieben Abwerbungsavancen chancenlos.

Nach dem sehr politischen Einsatz im Iran, wo die Schweiz die Interessen der USA vertritt, konnte sich Livia Leu eigentlich nur noch die Leitung einer ganz anders gelagerten, grossen Botschaft vorstellen, in erster Linie in einem Land, dessen politische und wirtschaftliche Beziehungen zur Schweiz bedeutend sind.

Auch dies erreichte die ehrgeizige Diplomatin, als sie 2018 – wiederum als erste Frau – zur Botschafterin in Paris ernannt wurde. Damit konnte sie auch die letzte Lücke schliessen, um sich für das Amt der Staatssekretärin im Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten zu qualifizieren: sie war nun in einem Land tätig, das ein wichtiges Mitglied der EU ist. Dadurch befasste sich die Diplomatin zwangsläufig auch eingehend mit EU-Belangen.

Mit Aussenminister Ignazio Cassis, der gegenwärtigen Zusammensetzung des Bundesrats, den Gründen, die zur Versetzung des bisherigen Staatssekretärs Roberto Balzaretti führten und den schwierigen Pendenzen in der Aussenpolitik ist das Amt der Staatssekretärin ein Hochseilakt. Allzu viel zu verlieren hat Livia Leu, der man die heikle Mission allgemein zutraut, allerdings nicht: Es dürfte der letzte Job der 59-Jährigen vor ihrer ordentlichen Pensionierung sein.

Zur Autorin: Die Publizistin Esther Girsberger hat mit Livia Leu studiert und unter anderem das Buch «Livia Leu – Unsere Botschafterin in Iran» (Wörterseh, 2013) verfasst.