VORLAGE: Dubioser Helfer der Initianten

Im Abstimmungskampf zur Abtreibungsfinanzierung berufen sich die Initianten auf Österreich als Vorbild. Und werben mit einem verurteilten Stalker.

Aleksandra Mladenovic
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Die Schweizer Abtreibungs-Gegner sehen das österreichische System als vorbildlich an. In dieser gestellten Aufnahme hält sich eine Patientin eine Wärmeflasche auf den Bauch. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

Die Schweizer Abtreibungs-Gegner sehen das österreichische System als vorbildlich an. In dieser gestellten Aufnahme hält sich eine Patientin eine Wärmeflasche auf den Bauch. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

«Vorbildliches Österreich!», titeln die Initianten um Ständerat Peter Föhn (SVP, Schwyz) einen Beitrag in ihrer Abstimmungszeitung, die Mitte Dezember in alle Schweizer Haushalte geschickt wurde. Diese soll die Stimmbürger davon überzeugen, dass Schwangerschaftsabbrüche nicht mehr von der Krankenkasse bezahlt werden sollen. Das Volk befindet darüber am 9. Februar.

Patientinnen wurden belästigt

Im Beitrag wird der Wiener Dietmar Fischer zitiert – er ist Leiter der katholischen Organisation Human Life International Österreich, die gegen Abtreibungen kämpft. Wie Recherchen unserer Zeitung zeigen, ist Fischer im April 2011 wegen Stalkings in Graz zu einer Geldstrafe von 7200 Euro verurteilt worden. Drei seiner Helfer wurden zu Geldstrafen in Höhe von 450 bis 840 Euro verurteilt.

Ein Grazer Gynäkologe hatte Anzeige erstattet, nachdem die Abtreibungsgegner eine Wohnung über seiner Praxis erworben hatten. Während der Öffnungszeiten der Praxis hätten sie vor dem Eingangsbereich etwa Flugzettel gegen Abtreibung, Plastikembryonen und Rosenkränze an die Frauen verteilt sowie auf Plakaten Föten öffentlich zur Schau gestellt. Zudem hätten sie in der Wohnung Beratungen bei den Patientinnen des Gynäkologen durchgeführt. Durch die «beharrliche Verfolgung» sei die «Lebensführung des Gynäkologen unzumutbar beeinträchtigt» worden, wie es beim Oberlandesgericht Graz auf Anfrage heisst. Dieses hatte das Urteil im Oktober 2011 bestätigt, nachdem die Verurteilten in Berufung gegangen waren – es setzte Fischers Strafe jedoch auf 6400 Euro herab.

Föhn wusste von nichts

Dietmar Fischer zeigt sich wenig beeindruckt. «Ich mache mir nichts aus politisch motivierten Urteilen, die von Sozialisten gefällt wurden», sagt er gegenüber unserer Zeitung. Er selber sei nämlich nicht einmal vor Ort gewesen. Er habe lediglich den Zweigstellen seiner Organisation in Wien, Graz, Salzburg und Hohenems Broschüren zukommen lassen, Freiwillige hätten diese schliesslich verteilt. «Wir wollen die Frauen lediglich über die Entwicklung des Kindes im Mutterleib, den Abtreibungsvorgang und die sozialen Hilfsmöglichkeiten aufklären und dadurch das Ja zum Kind erleichtern», sagt Fischer und verteidigt sich mit der Behauptung, Human Life habe durch Beratung und Unterstützung der Frauen in Österreich in den vergangenen 17 Jahren rund 17 000 Schwangerschaftsabbrüche verhindern können. Ob Fischers Verurteilung zeigt sich Ständerat Föhn gänzlich überrascht. «Es ist sicher nicht glücklich, dass wir jemanden zitiert haben, der verurteilt wurde. Davon hatte ich aber absolut keine Kenntnis», sagt er auf Anfrage. Ausschlaggebend sei jedoch, dass der Bericht in der Abstimmungszeitung aussagen solle, dass das System in Österreich funktioniere und auch für die Schweiz erstrebenswert sei. In Österreich gilt die Fristenregelung, wonach Abtreibungen in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten straffrei erfolgen können, bereits seit 1975. Finanzieren müssen sie die Frauen jedoch selber. In der Abstimmungszeitung war Fischer noch wie folgt zitiert worden: «Obwohl in Österreich seit 38 Jahren Abtreibungen privat finanziert werden, gibt es keine Kurpfuscher-Abtreibungen. Dieses leidige Thema ist bei uns nicht aktuell.»

Gerade erst letzten Sommer hatte jedoch eine Wiener Ärztin in Österreich für Schlagzeilen gesorgt. Wie «Der Standard» im Juli berichtete, hatte sie mit Abtreibungen für 300 Euro geworben. Oft sei es zu schweren Komplikationen gekommen, weil die Ärztin veraltete Methoden angewandt hatte. Erst nachdem eine Patientin beinahe gestorben wäre, wurde die Medizinerin mit einem Berufsverbot belegt und die Praxis geschlossen.

Ganz anderer Meinung ist hingegen Christian Fiala, Leiter des Wiener Ambulatoriums Gynmed, Gründer des Wiener Museums für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch sowie Experte für Abtreibungsfragen bei der österreichischen Gesellschaft für Familienplanung. In seinem Ambulatorium koste eine Abtreibung 490 Euro, generell würden sich die Kosten für eine Abtreibung in Österreich zwischen 450 und 1000 Euro bewegen. «Dass vor allem sozial schwache Frauen da auf Pfuscher zurückgreifen, weil die Kosten nicht übernommen werden, ist kein Wunder. Eine ungewollte Schwangerschaft ist ein Unfall, auf den man nicht hinspart», sagt Fiala.

Drei Mal mehr Abtreibungen

Das System in Österreich sei im Vergleich zum aktuellen in der Schweiz ein «Drama, das nur massive Nachteile hat». Gemäss einer Statistik der staatsnahen Institution Statistik Austria gab es 2012 in Österreich rund 13 600 Schwangerschaftsabbrüche. Allerdings würde nur ein Bruchteil erfasst, da aufgrund der fehlenden Kostenübernahme keine Meldepflicht bestehe, wie man unsere Zeitung auf Anfrage wissen lässt. Die Schätzungen variieren je nach Experten zwischen 20 000 und 100 000 Abtreibungen pro Jahr. Fiala geht von jährlich rund 30 000 Abtreibungen aus – das sind drei Mal so viele wie in der Schweiz.

Zwar hänge die hohe Abtreibungsrate nicht kausal mit der Abtreibungsfinanzierung zusammen, wie der Gynäkologe erklärt. «Die Finanzierung ist aber ein Indikator dafür, wie eine Gesellschaft mit dem Thema umgeht. Und im vorwiegend katholischen Österreich wird das Thema einfach tabuisiert», sagt Fiala. Das führe dazu, dass kaum Prävention stattfinde, was wiederum vermehrt ungewollte Schwangerschaften zur Folge habe. In den Schulen werde zwar Sexualkunde unterrichtet. «Es ist aber ein ‹peinliches› Thema, für das die Lehrer zu wenig geschult werden», ist Fiala überzeugt.

Dietmar Fischer hält von Fialas Ansichten wenig. Aufklärung müsse stattfinden, jedoch müsse diese seiner Ansicht nach in eine andere Richtung weisen. «Vor einer Abtreibung ist lediglich eine medizinische Beratung Pflicht, der Eingriff kann direkt anschliessend ohne Bedenkzeit erfolgen», sagt Fischer. Die Frauen würden hingegen zu wenig darüber aufgeklärt, welche Folgen eine Abtreibung für die Frauen haben könne. «Neben den medizinischen Komplikationen kann eine Abtreibung bei einer Frau psychische Störungen auslösen», ist Fischer überzeugt. Zudem könne es nicht angehen, dass «gläubige Christen und Befürworter des Lebens die Tötung Unschuldiger» gar noch mitfinanzieren müssten – die Schweiz sei mit der Initiative deshalb «auf dem richtigen Weg». Christian Fiala hingegen beobachtet die Entwicklung in der Schweiz «mit nicht geringer Verwunderung». Die Schweiz habe ein «bewundernswert gutes System» mit einer der geringsten Abtreibungsraten europaweit. «Es ist eine Katastrophe und nicht nachvollziehbar, dass nun ideologisch Verblendete das Rad der Geschichte zurückdrehen wollen», sagt der Arzt.