VORSORGE: «Rentenalter 65 ist für Frauen ein Gewinn»

Colette Nova vom Bundesamt für Sozialversicherungen macht sich für die Rentenreform von Bundesrat Berset stark. Zum Beispiel könnten so die Renten für Frauen steigen.

Eva Novak und Sermîn Faki
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Die Mehrwertsteuer erhöhen, um so die AHV zu sichern: Colette Nova ist von dieser Idee überzeugt. (Bild: Boris Bürgisser)

Die Mehrwertsteuer erhöhen, um so die AHV zu sichern: Colette Nova ist von dieser Idee überzeugt. (Bild: Boris Bürgisser)

Colette Nova, die von Bundesrat Alain Berset vorgestellte Reform soll die Renten auf Jahrzehnte sichern, und zwar auf dem bestehenden Niveau. Können wir uns darauf verlassen?

Colette Nova: Nicht für Jahrzehnte, für solche Zeiträume kann kein Mensch Garantien abgeben. Aber für das nächste Jahrzehnt sichert diese Reform unsere Renten, darauf können Sie sich verlassen. Bei jedem Rentensystem kann sich das Umfeld ändern: Die Wirtschaft kann stagnieren, die Arbeitslosigkeit steigen. Deshalb muss man die Altersvorsorge in regelmässigen Abständen wieder anschauen.

Bietet der aktuelle Versuch, beide Säulen gleichzeitig zu reformieren, nicht mehr Angriffsfläche?

Nova: Die Versuche, jede Säule allein zu reformieren, sind in der Vergangenheit gescheitert. Die Angriffsfläche wäre so auch nicht kleiner. Es braucht aber schon ein Entgegenkommen aller wichtigen Akteure. Sie müssen zwar alle ein paar Federn lassen, bekommen aber auch etwas: Stabilität, sichere Renten auf dem bisherigen Niveau, den Erhalt des sozialen Friedens.

Und warum soll es besser ausgehen als die letzten zwei vergeblichen AHV-Revisionsanläufe?

Nova: Weil sich die Situation seitdem verändert hat. Wir haben die Kritik der Gewerkschaften aufgenommen und die Berechnungsgrundlagen für die AHV angepasst. Unsere Szenarien sind heute realistisch. Dank Einnahmen aus einem zusätzlichen Mehrwertsteuerprozent und mehr Zuwanderung hat die AHV in den letzten Jahren Überschüsse produziert. Leider wurden diese Überschüsse nach und nach durch die Verschlechterung des demografischen Verhältnisses aufgefressen. Jetzt sind wir bei einer schwarzen Null, und die Entwicklung zeigt glasklar: Wir kommen bald an einen Punkt, an dem es nicht mehr reicht.

Wann?

Nova: Ohne Gegensteuer würde der AHV zwischen 2025 und 2030 das Geld ausgehen. Wir dürfen nicht bis dahin warten. Sonst braucht es harte Massnahmen. Dann kann man keine Übergangslösungen mehr finanzieren, benötigt deutlich mehr Einnahmen und muss die Leistungen drastisch kürzen. Oder man muss wie andere Länder das Rentenalter brutal erhöhen. All das möchte der Bundesrat verhindern.

Dafür müssen die Frauen länger arbeiten, und die Witwenrenten sollen auch gestrichen werden. Ein hoher Preis?

Nova: Heute werden auch die Witwenrenten an Frauen bezahlt, die sie nicht brauchen. Zudem hat das Scheitern der letzten beiden Revisionen den Frauen über viele Jahre das Rentenalter 64 ermöglicht. Jetzt kommt man aber an den Punkt, wo es nicht mehr geht. Übrigens ist das Rentenalter 65 für Frauen auch ein Gewinn.

Inwiefern?

Nova: Auf der AHV-Seite verlieren die Frauen ein bisschen, bei der zweiten Säule aber gewinnen sie ganz klar dazu. In der obligatorischen beruflichen Vorsorge ist heute mit 64 Jahren Schluss. Wenn Frauen ein Jahr länger einzahlen und ein Jahr länger Zins auf ihr Kapital erhalten, ergibt das höhere Renten. Selbst eine Frau, die früher in Rente gehen will, erhält so die Möglichkeit, sich auf die Leistungen mit Alter 65 einzukaufen. Heute darf sie das nur, wenn es ihre Pensionskasse erlaubt.

Wie viel macht das in Franken und Rappen aus?

Nova: Das kommt auf den Einzelfall an. Alles in allem reden wir von rund fünf Prozent mehr Rente aus der zweiten Säule. Bei einem Alterskapital von 200 000 Franken und einem Umwandlungssatz von 6 Prozent steigt die Rente von 12 000 auf 12 600 Franken pro Jahr.

Die Lebenserwartung steigt weiter. Wann wird das Referenzalter weiter erhöht werden müssen?

Nova: Das wird man in einer späteren Phase anschauen müssen, heute ist das nicht nötig. Was bei der AHV zählt, ist nicht alleine die Erhöhung der Lebenserwartung, sondern das Verhältnis zwischen den Erwerbstätigen und den Rentnern. Und da ist es nun mal so: Der Babyboom hat einen Papi- und Mami-Boom produziert. In ein paar Jahrzehnten wird sich diese Situation aber wieder verbessern.

Heute hilft die Zuwanderung der AHV. Was passiert aber, wenn all die Migrantinnen und Migranten ins AHV-Alter kommen?

Nova: Selbstverständlich werden sie auch einmal Leistungen beziehen. Doch jetzt helfen sie, dem durch den Babyboom bedingten Überhang zu begegnen.

Die Reform sieht eine Stabilisierung des Leistungsniveaus vor, aber keine Anhebung der kleinen AHV-Renten. Schmerzt das Ihr Ex-Gewerkschafterinnen-Herz ein wenig?

Nova: Zuerst einmal müssen wir dafür sorgen, dass die heutigen Renten gesichert sind. Alles andere muss hintenanstehen, denn schon die Sicherung bedeutet einen grossen finanziellen Effort. Ob die Bevölkerung darüber hinaus bereit ist, für höhere Renten noch mehr zu zahlen, ist offen. Das wird die Abstimmung über die AHV-plus-Initiative der Gewerkschaften zeigen.

Diese Volksinitiative verlangt 10 Prozent mehr AHV-Rente für alle. Vielleicht braucht es das nicht. Aber bei den kleinen Renten gibt es ein Problem. Müsste man das nicht lösen?

Nova: Gibt es wirklich ein Problem? Die Renteneinkommen sind im Allgemeinen gut, die meisten AHV-Renten sind eher an der Grenze zur Maximalrente. Zudem: Würde man die kleinen Renten um 10 Prozent aufstocken, bekämen Leute mit tiefen Renten einfach weniger Ergänzungsleistungen. Für sie wäre es ein Nullsummenspiel. Ergänzungsleistungen sind zudem sozialer als AHV.

Wieso?

Nova: Ergänzungsleistungen werden über die Steuern finanziert, die AHV über Beiträge. Höhere AHV-Beiträge bedeuten weniger Nettolohn, was die Geringverdiener am meisten belastet.

Apropos Steuern: Die Finanzierung der AHV durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer um 1 bis 2 Prozent tut auch den Geringverdienern am meisten weh.

Nova: Gratis ist eine Sicherung der Altersvorsorge leider nicht zu haben. Die These, dass die Erhöhung der Mehrwertsteuer die kleinen Einkommen unzumutbar trifft, stimmt aber nicht, wie Studien zeigen. Sie ist sogar gerechter, weil auch die Rentner etwas dazu beitragen. Im Paket mit der 2. Säule betrachtet, ist die Reform ausgewogen: Bei der 2. Säule werden die nötigen Einnahmen über Beiträge erbracht, in der AHV über Steuern.

Kommen wir kurz auf die 2. Säule zu sprechen. Die Gewerkschaften sagen, die Senkung des Umwandlungssatzes sei Rentenklau. Ein Begriff, den Sie selbst – als Sie noch Gewerkschafterin waren – mitgeprägt haben. Was antworten Sie Ihren Ex-Kollegen heute?

Nova: Dass sie Unrecht haben. Damals ging es um den Mindestzinssatz, der ganz plötzlich – und auf Druck eines Privatunternehmens – gesenkt werden sollte. So etwas wäre heute nicht mehr möglich, weil neue Spielregeln geschaffen worden sind. Der Umwandlungssatz aber ist eine andere Geschichte. Mit den 6,8 Prozent von heute sind die Renten einfach nicht finanziert. Nehmen wir das berühmte Beispiel: Bei einem angesparten Altersguthaben von 100 000 Franken bekommt man heute 6800 Franken Jahresrente aus der Pensionskasse. Sinkt der Umwandlungssatz auf 6 Prozent, sind es 6000 Franken. 800 Franken sind viel. Das Problem ist nur, dass die Altersguthaben gar nicht mehr auf 100 000 Franken anwachsen, wenn wir den Umwandlungssatz weiterhin auf 6,8 Prozent belassen.

Das heisst, trotz hohem Umwandlungssatz sinken die Renten? Warum?

Nova: Weil die Arbeitnehmenden einen Teil der aktuellen Renten zahlen müssen und entsprechend weniger an ihr eigenes Altersguthaben zahlen können. Es ist eine einfache Rechnung, dass sie selbst dann tiefere Renten haben werden. Noch einfacher als diese Rechnung ist freilich, einfach «Rentenklau» zu schreien. Die einzige Möglichkeit, das bestehende Leistungsniveau zu halten, ist, den Mindestumwandlungssatz auf ein vernünftiges Mass zu senken und die Beiträge so zu erhöhen, so dass das Altersguthaben über 100 000 Franken liegt.

Die Renten-Fachfrau

Colette Nova gilt als die Expertin zum Thema Altersvorsorge in der Schweiz. Die 51-jährige Berner Juristin ist seit 2010 Vizedirektorin des Bundesamts für Sozialversicherungen. Zuvor arbeitete sie während 15 Jahren als geschäftsführende Sekretärin des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds und fiel dort mit markigen Worten auf. Nicht weniger klar äussert sich die Mutter von vier erwachsenen Kindern heute – auch gegen Gewerkschaftsanliegen.

AHV-plus-Initiative auf gutem Weg

Die Gewerkschaften sind schnell unterwegs. Nach etwas mehr als drei Monaten haben sie schon 90 000 Unterschriften für ihre Volksinitiative AHV plus beisammen, wie Thomas Zimmermann, Sprecher des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes bestätigt. Allerdings seien noch nicht alle Unterschriftenbögen beglaubigt. «Jetzt fehlen uns noch 20 000 Unterschriften», so Zimmermann. «Die sammeln wir in den nächsten Wochen.» Nach dem Sommer wollen die Gewerkschaften die Unterschriften bei der Bundeskanzlei einreichen. Die Initiative verlangt, dass alle AHV- und IV-Renten um zehn Prozent erhöht werden.