VORSTOSS: Politik will Hanfmedizin

Ärzte sollen chronisch kranken Menschen Cannabis als Medikament verschreiben dürfen. Das verlangt der St. Galler CVP-Nationalrat Thomas Ammann. Seine Forderung stösst auf breite Zustimmung.

Maja Briner
Drucken
Teilen
Cannabis ist Droge und Medizin zugleich. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Cannabis ist Droge und Medizin zugleich. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Maja Briner

«Ich mache eine Cannabis-Kur», gab Polo Hofer im November bekannt. Der an Lungenkrebs erkrankte Mundartrocker ist eine von rund 1650 Personen, die im vergangenen Jahr eine Ausnahmebewilligung erhielt: Das Bundesamt für Gesundheit erlaubte ihm, Cannabis als Medikament einzunehmen – nicht als Joint, sondern in Form von Tropfen. Das ist immer häufiger gefragt. Die Zahl der bewilligten Gesuche hat sich im Vergleich zu 2013 mehr als verdreifacht.

Künftig könnten solche Gesuche nicht mehr nötig sein: Der St. Galler CVP-Nationalrat Thomas Ammann fordert, dass Ärzte den Patienten Medizinalcannabis direkt per Rezept verschreiben dürfen. Er hat diese Woche eine entsprechende parlamentarische Initiative eingereicht – mit breiter Unterstützung: Nationalräte von links bis rechts haben unterschrieben. «Es ist erwiesen, dass Cannabis bei chronisch Kranken Schmerzen lindern und die Lebensqualität verbessern kann», begründet Ammann seinen Vorstoss. Es nütze zwar nicht in jedem Fall, aber: «Ich habe Vertrauen in die Ärzte, dass sie entscheiden können, wann es angebracht ist und wann nicht.»

Das heutige System, bei dem die Ärzte ein Gesuch beim Bund einreichen müssen, überzeugt ihn nicht: «Das ist viel bürokratischer Aufwand.» Die Ärzte müssen unter anderem darlegen, dass andere Therapien keinen Erfolg gebracht haben. Nicht jeder Arzt sei bereit, diesen Aufwand auf sich zu nehmen, sagt Ammann, der vergangenen Herbst an einem Darmtumor erkrankte. Medizinalcannabis hat er selber aber nicht genutzt.

Bürokratie verhindert breiten Einsatz

Bei den Ärzten stösst Ammans Forderung auf offene Ohren. Der Ärzteverband FMH begrüsse den Vorstoss, sagt Carlos Beat Quinto, Mitglied des FMH-Zentralvorstandes. Die bisherige «Bewilligungsbürokratie» halte viele Ärzte und Patienten ab, Arzneimitteln auf Cannabisbasis zu verwenden, bestätigt er. Auch Polo Hofer hatte mit bürokratischen Hürden zu kämpfen, wie er dem «Blick» erzählte. Manche chronisch Kranke dürften angesichts dieser Situation illegal zu Cannabis greifen. «Das ist doch nicht in Ordnung, dass diese kriminalisiert werden», kritisiert Ammann.

«Vielversprechendes Potenzial»

Cannabis ist hierzulande die am häufigsten konsumierte illegale Droge. Als Medikament darf Cannabis seit Mitte 2011 eingesetzt werden. Wie gut es wirken kann, hat das Bundesamt für Gesundheit untersuchen lassen. Die Ergebnisse der 2015 veröffentlichten Studie zeigten ein «vielversprechendes Heilmittelpotenzial». Cannabis wirke gut bei chronischen oder durch Krebs verursachten Schmerzen sowie bei Krämpfen, die durch Multiple Sklerose ausgelöst werden. Auch bei Schlafstörungen oder dem Tourette-Syndrom zeigte Cannabis Wirkung. Allerdings können Nebenwirkungen auftreten: Müdigkeit, Übelkeit oder Schläfrigkeit etwa. Beim Autofahren könnte das gefährlich sein. Nach Ansicht von Ammann ist das aber kein Grund, darauf zu verzichten: «Auch andere Medikamente können die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen», gibt er zu bedenken.

Das Parlament hat den Bundesrat bereits beauftragt, ein wissenschaftliches Pilotprojekt zum Thema aufzugleisen. Warum wartet Ammann nicht die Ergebnisse ab? «Das Bedürfnis nach Medizinalcannabis besteht und die Erfahrung im Ausland zeigt, dass die Ärzte diesen verantwortungsvoll verschreiben können», sagt er.

 

Grüne wollen Kiffen erlauben

Die Grünen nehmen einen neuen Anlauf für die Legalisierung von Cannabis. Es sei an der Zeit, dass Hanfprodukte entkriminalisiert werden, teilte die Partei am Freitag mit. Mit einer parlamentarischen Initiative fordern die Grünen ein eigenes Hanfgesetz, das die Produktion und den Konsum von Cannabis sowie den Jugendschutz regelt – ähnlich wie beim Alkohol. Obwohl Cannabis verboten ist, greifen in der Schweiz laut Schätzungen 200'000 bis zu 300'000 Menschen regelmässig zum Joint. Die Cannabis-Legalisierung war bislang politisch aber chancenlos: 2008 lehnte das Stimmvolk die «Hanf-Initiative» mit 63 Prozent Nein-Stimmen deutlich ab. (mjb)