WACHSTUM: Männer holen bei der Langlebigkeit auf

Wir werden immer mehr in der Schweiz. Und immer älter. Die Zahl der mindestens Hundertjährigen hat sich in den vergangenen Jahren praktisch verdoppelt.

Harry Ziegler
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Die 100-Jährigen sind in der Schweiz auf dem Vormarsch. (Bild: Neue LZ)

Die 100-Jährigen sind in der Schweiz auf dem Vormarsch. (Bild: Neue LZ)

Das Wachstum der ständigen Wohnbevölkerung in der Schweiz geht ungebremst weiter. Ende 2013 lebten 8 136 700 Einwohnerinnen und Einwohner in der Schweiz, 1,2 Prozent mehr als 2012 (siehe Box). Von diesen über acht Millionen Einwohnern waren Ende 2013 1502 Personen 100 Jahre alt oder älter (276 Männer, 1226 Frauen). Das scheint wenig. Aber: Die Zahl der mindestens Hundertjährigen hat sich zwischen 2000 (787 Personen) und 2013 nahezu verdoppelt. Bei den Männern betrug die Zunahme 14, bei den Frauen 5,1 Prozent (siehe Kuchengrafik). Dies ist laut Bundesamt für Statistik (BFS) ein Indikator für einen zunehmenden Alterungsprozess in der Bevölkerung. In der BFS-Statistik fällt weiter auf, dass die Altersstruktur nicht in allen Kantonen gleich ist. Besonders viele Personen im Rentenalter gibt es in den Kantonen Tessin, Schaffhausen, Jura, Bern, Basel-Stadt und Basel-Landschaft.

Altersgrenzen überschritten

Die vom BfS gelieferten provisorischen Zahlen für 2013 zeigen, dass innerhalb des Bevölkerungswachstums die Zahl der älteren Menschen stetig zunimmt. Vor allem unter der ständigen Wohnbevölkerung schweizerischer Nationalität. Hier kommen 2013 auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter 35 Personen ab 65 Jahren. Bei der ständigen Wohnbevölkerung ausländischer Nationalität sieht das Verhältnis etwas besser aus. Hier kamen auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter 11 Personen ab 65 Jahren.

Was bedeutet die Zunahme der älteren Bevölkerung in der Schweiz aber für die Gesellschaft? «Je höher die Lebenserwartung wird, desto mehr Menschen überschreiten gewisse Altersgrenzen», sagt der Altersforscher Mike Martin*. Es sei eigentlich kaum erstaunlich, dass zwischen den Jahren 2000 und 2013 die Zahl der mindestens Hundertjährigen gewachsen ist. Mike Martin schätzt, dass diese Zahl auch weiter steigen dürfte. Dies aufgrund des Bevölkerungswachstums, aber auch wegen der sehr hohen Lebenserwartung der Schweizer Bevölkerung. Laut Martin belaste die doch eher geringe Zahl der Hundertjährigen die Gesellschaft jedoch kaum. Aber nicht nur diese. «Der Anteil der über 65-Jährigen an der ständigen Wohnbevölkerung in der Schweiz liegt aktuell bei etwa 15 Prozent», erklärt Martin. Diese Zahl sei momentan wie auch der Anteil von etwa 4 Prozent bei den über 80-Jährigen weder dramatisch noch belastend.

Zahl der Pensionierten wird steigen

Das BFS und Martin rechnen damit, dass der Anteil der mindestens 65-Jährigen steigen wird, wenn die sogenannten Babyboomer (Jahrgänge 1950 bis 1964) nach und nach das Pensionsalter erreichen. «In den kommenden 15 Jahren dürfte der Anteil der mindestens 65-jährigen Personen auf rund 25 Prozent steigen.» Dies könnte zu einer Belastung der Gesellschaft werden. Und damit vor allem der jüngeren Generationen, die für die Kosten, die von der älteren Bevölkerung verursacht werden, zu einem Teil aufkommen müssen. Gemäss Martin sei das eine Folge des eher starren Pensionsalters in der Schweiz. «Andere Länder betrachten eine derart unflexible Regelung als Altersdiskriminierung», sagt der Fachmann. «Flexible Pensionierungsgrenzen nach oben würden logischerweise das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und Pensionierten verschieben.»

«Nicht im Ausland suchen»

Die Politik in der Schweiz stelle in diesem Zusammenhang jedoch die richtigen Fragen. «Wie kann Wirtschaftswachstum sichergestellt werden. Und wie können Frauen mit Kindern stärker in die Berufstätigkeit eingebunden werden.» Zur Lösung des ersten Problemkreises könnte man ältere Arbeitnehmer heranziehen. Das ginge allerdings nur bei entsprechend flexibler Handhabung des Pensionsalters. Frauen mit Kindern vermehrt in die Berufstätigkeit einzubinden, sei ein ebenso gutes Mittel wie das Hinzuziehen älterer Arbeitnehmer. Allerdings müssten für die Kinderbetreuung geeignete Mittel zur Verfügung stehen. «Beide Lösungen hätten den Vorteil, dass vermehrt auf Fachleute aus dem Inland zurückgegriffen werden kann. Man müsste diese also nicht im Ausland suchen», führt Martin weiter aus.

«Eher Mengenphänomen»

Grundsätzlich fallen im letzten halben Jahr vor dem Tod eines Menschen die meisten Kosten fürs Gesundheitswesen an. «Dies ist unabhängig vom Alter», sagt Martin. «Wenn es zu Mehrkosten im Gesundheitswesen kommt, dann einerseits weil mehr Leute sterben. Es ist also eher ein Mengenphänomen», führt Mike Martin aus. Lebt andererseits eine Person länger, nimmt sie entsprechend länger Dienstleistungen des Gesundheitswesens in Anspruch. Was wiederum zu höheren Gesundheitskosten führe.

In der Schweiz wurde im Rahmen der Gesundheitsstrategie 2020 des Bundes der Fokus auf die Gesundheitserhaltung gelegt. «Das bedeutet, dass man aufzeigt, wie Menschen so lange wie möglich gesund bleiben.» Als Beispiel führt Martin Japan an. Dort haben die Menschen ein Recht auf Leistungen des Gesundheitswesens. Es ist aber im Gegenzug auch eine gesetzliche Pflicht, sich so lange wie möglich gesund zu erhalten.

Hinweis

* Mike Martin (49) ist Direktor des Zentrums für Gerontologie, Ordinarius für Gerontopsychologie und geschäftsführender Direktor des Universitären Forschungsschwerpunkts (UFSP) «Dynamik Gesunden Alterns» der Universität Zürich.

Hinweis: Weitere Informationen zum Bevölkerungsbestand 2013

Zug regional an der Spitze – Freiburg wächst am stärksten

Ende 2013 lebten 97 600 Menschen mehr in der Schweiz als ein Jahr zuvor. Diese Zunahme ist einerseits auf einen Geburtenüberschuss die Differenz zwischen den Geburten und den Todesfällen – von 17 200 Personen und andererseits auf einen Anstieg um 80 400 Personen aus einem positiven Wanderungssaldo (Differenz zwischen gesamter Zu- und Abwanderung) zurückzuführen, wie das Bundesamt für Statistik erhoben hat. Insgesamt belief sich die ständige Wohnbevölkerung Ende 2013 auf 8 136 700 Personen. Das entspricht einer Zunahme von 1,2 Prozent, wie das Bundesamt für Statistik (BFS) mitteilt. Die 8-Millionen-Marke war bereits 2012 überschritten worden. Damals lag die Zunahme bei 1 Prozent, 2011 waren es 1,4 Prozent.

Verjüngung durch Ausländer

In der aktuellen Zahl zur ständigen Wohnbevölkerung 2013 sind sowohl die Personen schweizerischer Nationalität (2013: 6 201 038 Personen) als auch die Ausländer (1 935 651) enthalten. Wobei sich die Personen ausländischer Nationalität seit mindestens 12 Monaten in der Schweiz aufhalten oder über eine Aufenthaltsgenehmigung von mindestens 12 Monaten verfügen. Sie trugen auch zur Verjüngung der ständig alternden Bevölkerung bei. Das Durchschnittsalter der Ausländer betrug 37 Jahre, während es bei Schweizern bei 43 Jahren lag.

Uri wächst regional am wenigsten

Gewachsen ist die ständige Wohnbevölkerung 2013 in sämtlichen Regionen. In der Zentralschweiz um 8110 Personen (+1,1 Prozent). Wachstums-Spitzenreiter in der Zentralschweiz ist Zug. Wie die provisorischen Zahlen des BFS zeigen, wuchs die ständige Wohnbevölkerung im finanzstarken Kanton um 1,3 Prozent oder 1514 Personen. Das Wachstum der ständigen Wohnbevölkerung liegt damit im Kanton Zug über dem schweizerischen Mittel von 1,2 Prozent. In Luzern beträgt das Wachstum der ständigen Wohnbevölkerung 2013 1,1 Prozent oder 4192 Personen. Im Kanton Schwyz wuchs die Wohnbevölkerung um 1 Prozent oder 1547 Personen. In Obwalden leben 387 (+1,1 Prozent) mehr Menschen als 2012. In Nidwalden betrug die Zunahme 300 Personen (+0,7 Prozent), und im Kanton Uri lebten 2013 170 Personen (+0,5 Prozent) mehr als im Vorjahr.

Alle Kantone sind gewachsen

Kein Kanton in der Schweiz verzeichnete 2013 eine Abnahme der ständigen Wohnbevölkerung. Die Wachstumsunterschiede sind dennoch ziemlich gross.

Nationaler Spitzenreiter im Wachstum der ständigen Wohnbevölkerung ist der Kanton Freiburg (2013: +2,1 Prozent, 297 533 Einwohnerinnen und Einwohner). Neben den Kantonen Freiburg und Zug liegen auch die Kantone Thurgau (+1,6 Prozent, 260 228), Wallis (+1,5 Prozent, 326 553), Aargau (+1,4 Prozent, 636 157) sowie Genf (1,3 Prozent, 469 217) vorne. Das geringste Wachstum gab es im Kanton Appenzell Innerrhoden (+0,4 Prozent, 15 775).

sda/haz