WAHLEN: Junge haben den Kopf nicht bei der Urne

Auch dieses Jahr wird wieder einiges gemacht, um die Jungen zum Wählen zu bringen. Viel gebracht hat es in der Vergangenheit nicht, das Interesse steigt erst mit dem Alter.

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Bei Sofiya Miroshnyk (24), Matthias Cotting (23) und Joël Mayo (26, v. l.) hat der Vote-Action-Event von Easyvote in Luzern Wirkung gezeigt: An der Uni Luzern warfen sie ihre Wahlcouverts in einen Briefkasten. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

Bei Sofiya Miroshnyk (24), Matthias Cotting (23) und Joël Mayo (26, v. l.) hat der Vote-Action-Event von Easyvote in Luzern Wirkung gezeigt: An der Uni Luzern warfen sie ihre Wahlcouverts in einen Briefkasten. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

Dominic Wirth

Ein roter Teppich also, das soll in diesem Jahr helfen, damit die Jungen endlich zahlreicher an die Urne gehen. In acht Schweizer Städten wurden gestern rote Teppiche ausgerollt, in Luzern und Bern, in Lausanne und Lugano, und an ihrem Ende stand: ein Briefkasten. Dort, so erhofften sich das die Organisatoren, sollten während der «Vote-­Action-Events» möglichst viele Wahlkuverts von jungen Wahlberechtigten landen. Sogar Briefmarken lagen bereit, daran sollte es nicht scheitern. Denn das Ziel ist ein hohes: 40 Prozent ihrer Zielgruppe, die 18- bis 25-Jährigen, sollen dereinst an die Urne gehen.

Diese Marke lag 2011 noch in weiter Ferne. Damals machten nur 32 Prozent mit. Das waren zwar mehr als die 21 Prozent aus dem Jahr 1995. Doch eben auch fast gleich viele wie bereits 2003. Das heisst: So richtig will es nicht vorwärtsgehen mit der Wahlbeteiligung der Jungen. Nach wie vor gilt, dass es vor allem die Älteren sind, die an die Urne gehen – und damit die Geschicke des Landes prägen. Dieses Muster zeigt sich alle vier Jahre. 2011 etwa gingen die über 75-Jährigen am meisten wählen. 70 Prozent von ihnen machten mit. Im Durchschnitt betrug die Beteiligung damals knapp 49 Prozent.

Klarere Sprache gefordert

Dass es ein Problem ist, wenn die Jungen nicht wählen gehen, darüber ist man sich längst einig. Allerdings: Ein Rezept dagegen ist noch nicht gefunden. Vielmehr stellt sich die Frage, ob es überhaupt eines gibt. Nicola Jorio ist Projektleiter bei Easyvote, der Organisation, die die roten Teppiche auslegte. Für ihn gibt es vor allem zwei Gründe, weshalb die Jungen nicht wählen gehen. Einerseits seien viele überfordert. Es fehle ihnen, sagt Jorio, an klaren Botschaften, die zeigen, wofür die Parteien und ihre zahlreichen Kandidaten stehen. «Dazu kommt, dass bei vielen Jungen das politische Interesse nie geweckt wurde, weder durch die Eltern noch durch die Schule.»

Rund 1 Million Franken hat Easyvote in diesem Jahr zur Verfügung, um die Jungen an die Urne zu bringen. Das Geld kommt vom Bund, von den Kantonen und von Stiftungen. Neben der Aktion von gestern mit den roten Teppichen stellt Easyvote unter anderem 100 000 Broschüren für Schulen bereit und betreibt eine ausführliche Internet-Plattform für junge Wähler. Sie hat ein Video aufgeschaltet, das Junge zum Wählen bringen soll, Hashtag: VoteNow2015. Und sie vermittelt Polittalks: Lehrpersonen finden so junge Politiker mit verschiedenen Parteibüchlein, die an ihrer Schule sprechen.

Dieses Angebot haben sich Ende September auch Lehrkräfte am Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrum St. Gallen zu Nutze gemacht. Die Allgemeinbildungslehrerin Daniela Walder hat die zwei Polittalks für jeweils 130 Schüler mitorganisiert – und sie zieht ein positives Fazit. Die Lernenden seien aufmerksam und aktiv gewesen. Jetzt hofft Walder, dass der eine oder andere Feuer gefangen hat für die Politik. «Die Jungen müssen mitmachen, denn sie sind es, die am längsten leben müssen mit den Dingen, die das neue Parlament beschliesst», sagt sie.

Hilft nur die Stimmpflicht?

Georg Lutz, Politikwissenschaftler an der Universität Lausanne, glaubt derweil nicht, dass Massnahmen wie die von Easyvote etwas bringen. Für ihn hängt es vor allem mit ihren Lebensumständen zusammen, dass sich die Jungen weniger mit Politik befassen. Sie haben, vermutet Lutz, ganz einfach andere Prioritäten. «Sobald man anfängt, sesshaft zu werden, man eine feste Beziehung hat und Steuern bezahlt, steigt auch das Interesse an der Politik allmählich.» Dem ist in seinen Augen auch mit den besten Programmen nicht beizukommen. Nur zwei Dinge würden laut Lutz helfen, um die Beteiligung nachhaltig zu steigern. «Entweder reduzieren wir unsere direkte Demokratie, denn die vielen Urnengänge sind gerade den Jungen schlicht zu viel. Oder wir führen eine Stimmpflicht ein.» Eine solche gibt es im Kanton Schaffhausen bereits, und die Wahlbeteiligung liegt dort mit 60 Prozent höher als in den meisten anderen Kantonen.

Viele junge Kandidierende

Die Stimmbeteiligung will bei den Jungen also nicht so recht wachsen, allen Bemühungen zum Trotz. Interessant ist, dass es bei den Kandidierenden ganz anders aussieht. Dort steigt der Anteil der 18- bis 29-Jährigen stetig an, seit 1983 ist er jedes Jahr gewachsen. Damals gehörten noch 11 Prozent der Kandidierenden dieser Altersgruppe an, 2015 sind es bereits 34,1 Prozent. Damit liegen die Jungen zumindest bei den Kandidierenden vorne.

Bild: Grafik: mlu

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