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WAHLNACHT: Wahlergebnis gleicht einem «Amerikanischen Brexit»

Mehr als 100 Gäste feierten auf Einladung der amerikanischen Botschaft am Dienstagabend im Berner Kornhauscafé durch die Nacht. In den frühen Morgenstunden kippte die Stimmung.
US-Botschafterin Suzan LeVine verteilt an der Wahlfeier Häppchen. (Bild: Boris Bürgisser / LZ)

US-Botschafterin Suzan LeVine verteilt an der Wahlfeier Häppchen. (Bild: Boris Bürgisser / LZ)

«Wir lieben Partys, und wir lieben Wahlen!» Gut gelaunt begrüsst Suzi LeVine die mehr als 100 Gäste im Berner Kornhauscafé zur Wahlparty, deren Rahmen dem Unterhaltungsprogramm von sportlichen Grossereignissen wie Superbowl-Partys in nichts nachsteht. Zwischen Quizspielen und Selfie-Cornern geht fast vergessen, dass die politische Zukunft Amerikas der Anlass für die Zusammenkunft ist, und nicht der Abschluss der Football-Saison.

Die gute Laune der US-Botschafterin färbt ab. Trotz der langen Warteschlangen vor dem historischen Kornhaus, das zur Feier des Tages in den Farben der amerikanischen Flagge angestrahlt ist, herrscht hier kurz nach Mitternacht ausgelassene Stimmung. «Mit so viel Interesse haben wir nicht gerechnet», gesteht US-Konsul Jonathan Koehler.

In jedem Fall hat sich die Botschaft ins Zeug gelegt. Country-Musik, US-Deko, Hotdogs und Hamburger: Die Aufbereitung der Party ist das charmante Stereotyp eines Amerikas, wegen dessen vor allem viele Schweizer Gäste gekommen sind – die gegenüber Expats aus den USA und anderen Ländern jedoch in der Minderheit bleiben. Pappfiguren des amtierenden Präsidenten Barack Obama und der beiden Kandidaten Hillary Clinton und Donald Trump sorgen für regelmässige Lacher, wenn sich Gäste umdrehten und plötzlich perplex ins Gesicht eines jener Politiker blicken, wegen derer man gekommen ist.

Das Interesse an der Wahlnacht ist in der Tat immens – obwohl sich die meisten Anwesenden auf allenfalls kleine Überraschungen eingestellt haben.

Zwar ist die Veranstaltung offiziell überparteilich. Ein Gast, der ein Poster mit der Aufschrift «Stop Fascism, Stop Trump» mit sich herumträgt, wird von Botschafterin LeVine persönlich aufgefordert, dieses während der Veranstaltung nicht zu zeigen.

Clinton liegt in Wahlsimulation klar vorne

Trotzdem ist es ein eindeutig demokratischer Geist, der durch den Kornhauskeller weht. Die Sympathie für die demokratische Kandidatin überwiegt trotz aller auch in Bern artikulierten Kritik an ihr. Bei einer Wahlsimulation mit den anwesenden Partygästen siegt Clinton haushoch mit 67 Prozent. Ihr Konkurrent Trump kommt bei dieser «Mock Election» lediglich auf vier Prozent. Anders als im echten Rennen haben die Wähler im Kornhauscafé zudem Gelegenheit, für Botschafterin LeVine und First Lady Michelle Obama zu stimmen.

«Clinton macht das Rennen», darin sind sich sehr viele Gäste einig. Nur ein Mitarbeiter der britischen Botschaft in der Schweiz, der als Privatperson an der Veranstaltung teilnimmt und ungenannt bleiben möchte, warnt früh davor, sich anhand der klar für Clinton sprechenden Umfrageergebnisse auf das voraussichtliche Resultat festzulegen. «Die Feier erinnert mich an unsere Brexit-Party», so der Brite. Niemand habe den Ausgang des Referendums hinsichtlich eines EU-Austrittes für möglich gehalten. «Man weiss nie, was passiert.»

Gäste ziehen Parallele zum Brexit

Der Brexit soll im Laufe der Nacht zum zentralen Referenzpunkt avancieren. Als die ersten Ergebnisse aus den Staaten des mittleren Westens eintreffen und es sich in den frühen Morgenstunden zudem herausstellt, dass Trump den wichtigen Swing State Florida gewonnen hat, beginnt die Stimmung allmählich zu kippen. Zunehmend ungläubige Blicke richten sich auf die grossformatigen Leinwände mit CNN-Live-Übertragung, junge Paare nehmen einander angesichts des Stimmungswechsels in den Arm, und Paul Tschurtschenthaler, der Mann mit dem «Stop Fascism»-Plakat, flüstert: «I’m scared» – «Ich habe Angst.»

Selbst jene Teilnehmer an der Wahlnacht, die aus ihrer Abneigung gegenüber Clinton keinen Hehl machen, zeigen sich angesichts des sich abzeichnenden Ergebnisses schockiert. «Mit dem Ding kann ich jetzt wohl nichts mehr anfangen», sagt Jon Whitley und hebt seinen amerikanischen Pass in die Höhe. Dabei gehört der 21-jährige Student aus Seattle zu jenen Wählern, denen Kritiker vorwerfen, dass sie mit ihrem Wahlverhalten zu dem überraschenden Sieg Trumps beigetragen haben. Jon, der gerade ein Austauschsemester in Winterthur absolviert, hat seine Stimme dem libertären Kandidaten Gary Johnson gegeben – aus Enttäuschung über Barack Obama, den er 2012 noch selbst gewählt hat.

«Clinton würde alles genauso machen wie Obama: Die Kriege im Mittleren Osten fortsetzen, nicht gegen die Banken vorgehen. Sie ist die Verkörperung des Establishments.» Und dennoch: «Das habe ich nicht gewollt», sagt Jon mit Blick auf das Ergebnis. Er habe darauf gehofft, dass Gary Johnson die Fünf-Prozent-Hürde knacke. «Eine Stimme für Johnson ist eine echte Proteststimme», meint Jon. Und: «Das ist jetzt unser Brexit. Es ist nicht das Ende von Amerika, sondern ein Weckruf an die politische Klasse.»

«Der Präsident aller Amerikaner»

Botschafterin LeVine bleibt ihrem diplomatischen Mandat bis zum Ende der Veranstaltung treu. Noch in ihrem Abschluss-Statement um 8 Uhr vormittags, als ein Grossteil aller Stimmen ausgezählt ist und Trump als neuer US-Präsident inoffiziell feststeht, beharrt LeVine darauf, dass sich das Blatt noch immer wenden könne.
Doch unabhängig vom definitiven Ergebnis: «Der neue Präsident wird ein Präsident aller Amerikaner und nicht nur Derjenigen, die ihn gewählt haben.» Der Wille der Bürger, so LeVine, sei bei jeder Wahl zu respektieren.
Dieser Satz dürfte zu den letzten offiziellen Worten LeVines in der Schweiz zählen. Zwar sagt sie nichts über ihre eigene politische Zukunft. Dass die Demokratin unter Trump Botschafterin für die Schweiz bleibt, gilt jedoch als unwahrscheinlich.

<strong>Mehr zum Thema am 10. November 2016 in der &laquo;Luzerner Zeitung&raquo;</strong>


Isabelle Daniel


Suzan LeVine, US-Botschafterin in Bern: «Das ist unser Brexit.» (Bild: Keystone)

Suzan LeVine, US-Botschafterin in Bern: «Das ist unser Brexit.» (Bild: Keystone)

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