Wahlsonntag
Deutschland verschweizert

Früher gab es einen Klassenunterschied zwischen der Schweiz und Deutschland: Im Fussball sowieso, aber auch bei der Eloquenz der Politikerinnen und Politiker. Tempi passati. Ein Kommentar.

Patrik Müller
Patrik Müller
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Stammgast bei Bild-TV: Nationalrat Roger Köppel.

Stammgast bei Bild-TV: Nationalrat Roger Köppel.

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Ich war von klein auf Deutschland-Fan. In der Schule machte mich das während Fussball-Weltmeisterschaften zum Aussenseiter. Später bewunderte ich Politiker wie Joschka Fischer, Gregor Gysi oder Sahra Wagenknecht für ihre rhetorische Brillanz. Das Wahl-Duell Schröder gegen Stoiber 2002 ist unvergessen. In der Schweiz fehlten solche Virtuosen der Eloquenz.

Tempi passati. An der Fussball-EM blieb die Nati länger im Turnier als Deutschland. Die Kanzlerkandidaten Laschet, Scholz und Baerbock würden in der «Arena» oder im «SonnTalk» punkto Zungenfertigkeit keine neuen Massstäbe setzen. Umgekehrt kann Roger Köppel in der neuen Talkshow von «Bild-TV» locker mit den Deutschen mithalten. Dort scheint er sich auch wohler zu fühlen als in den Nationalratssitzungen, die bisweilen gleichzeitig stattfinden. Der Klassenunterschied ist weg.

Deutschland verschweizert, auch in der Parteienlandschaft. Spitzenvertreter von sieben Parteien diskutierten in der «Schlussrunde» von ARD und ZDF. Es war eine Premiere: nicht bloss ein Duell oder Triell der Kanzlerkandidaten, sondern eine Debatte mit sieben Parteien.

Hierzulande kennen wir das längst. Da haben, seit es Farbfernsehen gibt, nie zwei Kräfte derart dominiert wie in Deutschland die SPD und die CDU, die regelmässig auf 35 bis 45 Prozent kamen. Bei uns ist die Fragmentierung normal, und sie hat sich zuletzt mit dem Vormarsch von Grünen und Grünliberalen nochmals akzentuiert. Bei den letzten Wahlen holten fünf Parteien – SVP, SP, FDP, CVP und Grüne – zweistellige Wähleranteile. Nun ist Deutschland auch so weit. Gemäss Umfragen knacken ebenfalls fünf Parteien die 10-Prozent-Marke: SPD, CDU, Grüne, FDP und AfD.

Natürlich bleibt die Politik in Deutschland und in der Schweiz in vielem komplett unterschiedlich. Die beiden Länder kennen andere Systeme. Und eine andere Kultur, etwa im Umgang mit Niederlagen. Das wird man womöglich schon am Sonntag sehen. Fällt die Kanzlerpartei CDU hinter die SPD zurück, gerät Laschet sofort unter enormen Rücktrittsdruck.

Weitermachen wie bisher, auch nach Wählerverlusten: Das gibt’s weiterhin nur in der Schweiz.

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