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Walter Emmisberger war ein Opfer der Medikamententests in Münsterlingen: «Ich war nicht mehr ich selbst»

In der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen (TG) wurden über Jahre Versuche an Menschen im Auftrag der Pharma-Industrie durchgeführt. Walter Emmisberger war einer von ihnen. Er fordert eine finanzielle Entschädigung für sein Leiden.
Dominic Kobelt

Im Auftrag des Kantons Thurgau arbeiteten Historiker den «Testfall Münsterlingen» auf. Das Buch mit den Ergebnissen zeigt auf, dass der Umfang der durchgeführten Tests in der Psyichatrischen Klinik noch viel verheerender war, als bisher angenommen.

Psychiater und Klinikleiter Roland Kuhn hat genehmigt, dass an über 3000 Leuten Tabletten, Zäpfchen und Spritzen verabreicht wurden. Oft wussten die Probanden nicht mal, dass an ihnen Medikamente getestet werden. 67 verschiedene Substanzen wurden getestet, darunter auch solche, die nie als Medikamente zugelassen wurden.

Auch Walter Emisberger wurde im Alter von zehn Jahren in der Klinik ambulant behandelt und bekam mehrere starke Medikamente, wie Schweiz Aktuell berichtet. Drei Jahre lang, weil er als schwer erziehbar galt. Seither leidet er psychisch und physisch unter dieser Zeit. «Man ist dann einfach nicht mehr sich selbst gewesen», beschreibt er den Zustand, wenn ihm Medikamente verabreicht wurden.

Die Thurgauer Regierung entschuldigte sich in einer Erklärung «bei allen Betroffenen von Medikamententests in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen zwischen 1940 und 1980». Auch die Kosten für die Aufarbeitung wurden übernommen, aber eine Entschädigung für die Opfer ist nicht vorgesehen.

Opfer fordert Entschädigung

Das findet Emmisberger nicht richtig: «Ich möchte eine finanzielle Entschädigung für das Leiden und die Verabreichung der Medikamente. Vor allem wenn man bedenkt, wie viel Geld die mit uns Betroffenen gemacht haben.»

Treibende Kraft hinter den Versuchen war Klinikleiter Kuhn. Er soll dafür zwischen 1940 und 1980 3,5 Millionen Franken erhalten haben. Die Aufträge bekam er aus der Pharmaindustrie. Neben der Klinik Münsterlingen und den Pharmafirmen war ein breites Netz von Institutionen und Personen in die Versuche einbezogen: stationäre und ambulante Patienten, deren soziales Umfeld, privat praktizierende Ärzte, andere Kliniken und Behörden.

Regierungspräsident Jakob Stark sagt gegenüber SRF zu der Forderung: «Münsterlingen ist kein Einzelfall. Man müsste schweizweit schauen, wie viele Fälle es gibt und wer Anspruch auf eine Entschädigung hätte. Und wir müssten uns mit der Pharmaindustrie unterhalten, denn sie trägt einen Teil der Schuld.»

Bei vielen der involvierten Basler Pharma-Firmen handelt es sich um Vorgänger der Novartis. Schriftlich nimmt diese Stellung und schreibt unter anderem: «Aus heutiger Perspektive sind viele im Bericht beschriebene Vorgehensweisen bei klinischen Studien veraltet und absolut inakzeptabel.» Man müsse die Versuche aber auch im Kontext der damaligen Zeit betrachten. «Gerade mit Bezug auf klinische Studien wurden in jener Zeit neue Normen etabliert, deren Umsetzung aber offenbar nur zögerlich erfolgte.»

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