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Interview

Warenhaus-Chefin Nicole Loeb: «Meine Tochter kauft gerne in Secondhand-Shops ein»

Manor muss umziehen, Globus wird verkauft. Auch Warenhaus-Chefin Nicole Loeb versucht, das traditionsreiche Familienunternehmen durch das schwierige Marktumfeld zu manövrieren. Obwohl sie persönlich auf soziale Medien verzichtet, setzt sie dabei auch auf Werbung durch Influencer.
Gabriela Jordan

Es ist überraschend ruhig im Berner Warenhaus Loeb. Das liege daran, dass es während der Eröffnungsfeierlichkeiten Rabatt auf das ganze Sortiment und einen grossen Ansturm geben wird, erklärt Chefin Nicole Loeb, während sie durch den frisch umgebauten Laden führt. In dem momentan noch angenehm leeren Warenhaus bewegen wir uns von Etage zu Etage, von Parfüms und Handtaschen zu Herrenjacken und Plüschtieren. Chefin Loeb wird dabei immer wieder von Mitarbeiterinnen gegrüsst.

Der Totalumbau des Traditionshauses Loeb in Bern ist nach 18 Monaten beendet. Haben sich die ersten Kunden schon beschwert, dass sie ihren Rasierschaum oder ihre Strickwolle nicht am gewohnten Platz fanden?

Nicole Loeb: Den einen oder anderen leisen Ärger hat es vielleicht gegeben, wenn Kunden die gewünschten Produkte zum ersten Mal etwas länger suchen mussten. Aber dafür sind ja unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter da. Sie stehen beratend zur Seite und helfen, wo es geht. Letztlich ist es eine Sache des Eingewöhnens. Meistens ist es doch so, dass man schnell nicht mehr weiss, wie der Laden vorher eigentlich ausgesehen hat.

Zuletzt wurde Loeb im Jahr 2007 umgebaut. Weshalb war erneut ein Umbau notwendig?

Im Detailhandel ist es üblich, die Verkaufsfläche alle sieben bis acht Jahre zu erneuern. Man sieht es einem Laden schlicht an, wenn schon länger nicht mehr investiert worden ist. Mit einem Umbau der Verkaufsfläche versucht man, neue Akzente zu setzen und Kunden anzusprechen. Der jetzige Umbau bei uns war notwendig. Die Schwierigkeit war, dass wir ein so grosses Haus sind und es dadurch sozusagen eine Operation am offenen Herzen war. Der Verkauf musste trotz Baulärm und Staub weitergehen. Gerade weil sich die Planung und der Umbau so lange hinzogen, ist es nun ein schöner Moment, das neue Erscheinungsbild endlich den Kundinnen und Kunden präsentieren zu können.

Sie führen das Familienunternehmen Loeb bereits in fünfter Generation, und dies in einer Zeit, die für den Detailhandel besonders schwierig ist. Wie viel vom traditionellen Warenhaus von damals ist heute noch übrig?

Ich glaube, dass von dieser Tradition noch sehr viel übrig ist, besonders auch, weil wir ein Familienunternehmen sind. Denn viele von Familien geführte Warenhäuser gibt es heute nicht mehr – neben uns nur noch Manor. Diese Tradition spüren Mitarbeiter und Kunden durchaus, allein schon dadurch, dass ich mit meinem Namen und meinem Gesicht für das Geschäft stehe. In einem Konzern ist das sicher anders.

Um Schwankungen und Umsatzrückgänge im Detailhandel abzufedern, setzt Loeb auch auf Immobilien. Wie wichtig ist der Bereich Detailhandel in diesem Mix überhaupt noch?

Wir sind ganz klar Detailhändler. Dass wir auch Immobilien besitzen, ist historisch bedingt. Meine Vorfahren hatten damals die Möglichkeit, die Häuser zu kaufen. Darum sind wir in fast allen Städten, in denen wir unsere Warenhäuser oder Markenstores betreiben, in eigenen Immobilien. Wir besitzen zwar Immobilien, sind aber keine Immobilienhändler. Der Umsatz kommt aus dem Retail.

Einige Immobilien, die Loeb besitzt, werden anderweitig vermietet und nicht für den Detailhandel genutzt.

Das stimmt. Diese Immobilien machen aber einen sehr kleinen Teil unserer Portfolios aus. In Bern, wo der Loeb fast eine Institution ist, assoziieren die Leute das Unternehmen vor allem mit dem Haupthaus an der Spitalgasse. Die legendäre Loeb-Ecke dient heute noch als Treffpunkt und kommt sogar in Liedern vor. Einigen ein Begriff sein dürfte auch das Telefon, das dort früher installiert war.

Sie meinen eine Telefonkabine?

Nein, es war ein simples Telefon, das an der Wand hing. Verspätete sich jemand für den verabredeten Zeitpunkt, konnte er oder sie auf jene Nummer anrufen. Irgendjemand nahm dann ab und rief in der Menge die gewünschte Person aus. Mit dem Aufkommen der Handys in den 90er-Jahren wurde das Telefon dann leider abmontiert. Die Loeb-Ecke ist wegen solcher Geschichten wirklich eine Institution. Früher war auch der Eingangsbereich noch anders und hatte tatsächlich eine ausgeschnittene Ecke. Als diese begradigt wurde, ging ein kleiner Aufschrei durch die Stadt. Berner sind nun mal recht traditionsbewusst.

Trotz dem guten Ruf ist auch der Loeb nicht vor den harten Marktbedingungen gefeit. Die letzten Jahre waren von Filialschliessungen, Stellenabbau und Umsatzrückgängen geprägt. Wann, glauben Sie, können Sie wieder aufatmen?

Wir hoffen natürlich das Beste, die Zukunft vorhersagen können wir aber nicht. Um uns zu rüsten, machen wir momentan so etwas wie Pionierarbeit. In den Läden bieten wir eine Mischung aus Erlebnissen, Events und Warenverkauf an. Es ist ein Ausprobieren. Ob dies den Trend zum Onlineeinkauf stoppen wird, kann ich nicht sagen. Ich glaube aber, dass beides wichtig bleibt, der Onlineverkauf und der stationäre Verkauf. Nicht ohne Grund eröffnen auch grosse Onlinehändler wie Amazon stationäre Läden. Zalando ist in verschiedenen Städten in Popup-Stores präsent.

Loeb konzentriert sich weiterhin stark auf den stationären Handel.

Das ist unser traditionelles Standbein, unsere Stärke. Mit dem Umbau haben wir den Fokus noch stärker auf das Einkaufserlebnis gelegt. Eine Showküche, ein Nähatelier, Bars und Cafés sollen die Kunden unterhalten und Rückzugsorte bieten. Dies soll auch die Verweildauer der Kunden erhöhen.

Aber reicht das? Loeb bietet mit Haushaltsgeräten bisher nur einen kleinen Teil seines Sortiments online an und gilt punkto Onlinegeschäft als Nachzügler.

Auch das ist eine bewusste Entscheidung. Wir sind ein vergleichsweise kleines Unternehmen und könnten einen eigenen Online-Store aus ressourcengründen gar nicht aufbauen. Die Investitionen wären viel zu hoch. Wir machen aber nicht nichts und bauen den Onlinebereich aktuell aus. Da die Zusammenarbeit mit der Plattform Siroop, welche wegen hoher Verluste aufgegeben wurde, gezwungenermassen beendet wurde, brauchen wir dafür nun einen neuen Partner.

Ist schon einer in Sicht?

Es ist eine Zusammenarbeit mit dem Grosshändler Alltron aufgegleist. Nächstes Jahr wollen wir live gehen. Wir sind auf einen solchen Händler angewiesen, da wir ein für das Onlinegeschäft notwendige Lager gar nicht haben. Das ist ein völlig anderes Businessmodell. Von Alltron können wir nun auf das Sortiment zurückgreifen. In einem nächsten Schritt müssen wir uns eine geeignete Plattform suchen. Das alles im Alleingang zu machen, wäre für uns undenkbar. Wir sehen bei unseren Konkurrenten, wie aufwendig ein Onlineshop ist.

Die Onlineplattform würde dann sicher ein breiteres Sortiment bieten. Auch Kleider?

Gerade beim Bereich Kleider bin ich zurückhaltend, weil dort die Retourquote mit ungefähr 70 Prozent extrem hoch ist. Das würde uns vor grosse Herausforderungen stellen. Das Online-Sortiment wird wahrscheinlich aus Hartwaren wie Elektronik, Putzmittel oder Spielwaren bestehen. Das ganze Warenhaus werden wir aber niemals online abbilden können – das sind 500'000 Artikel.

Bei allen Bemühungen: Digitalriesen wie Amazon und Zalando laufen hiesigen Händlern den Rang ab. Ist das nicht frustrierend?

Zalando und Amazon machen extrem viel Umsatz in der Schweiz, zahlen keinen Rappen Steuern und schaffen keine Arbeitsplätze. Es kann nicht sein, dass wir, die Arbeitsplätze generieren und Steuern zahlen, Mühe mit der Marktsituation haben oder sogar in ernste Schwierigkeiten kommen. Die genannten Unternehmen leisten für die Schweizer Volkswirtschaft nämlich nicht viel. Es besteht eine riesige Ungerechtigkeit. In der EU wird zurzeit immerhin eine Digitalsteuer diskutiert.

Von ihnen ist bekannt, dass Sie kein Facebook-Konto haben und auch sonst kritisch gegenüber Sozialen Medien sind. Was halten sie von diesen Kanälen als Marketinginstrument?

Persönlich verzichte ich zwar weitgehend auf Soziale Medien, für das Warenhaus sehe ich die Vorteile aber durchaus. Und diesbezüglich macht unser Marketingteam bereits viel – Loeb ist auf Instagram und Facebook, und ab und zu veranstalten wir bei uns Influencer-Partys mit DJs. Zuletzt haben wir einige Influencer aus Bern ins Kochstudio in der Haushaltsabteilung eingeladen. Das ist super angekommen. So erhoffen wir uns natürlich, auch ein jüngeres Publikum zu erreichen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir in unseren Teams eine gute Durchmischung samt jungen Leuten haben. Ich bin für so etwas ehrlich gesagt schon etwas zu alt.

Sie haben zwei Töchter im Teenageralter. Wie beurteilen die beiden den Auftritt von Loeb?

Sie bekommen die Geschäftsthemen natürlich wie früher ich am Küchentisch mit. Loeb ist mein Leben und wir sprechen viel darüber. Auch dank meinen Töchtern stelle ich fest, dass junge Leute anders funktionieren und Waren häufig online bestellen. Doch es gibt auch Gegentrends. Meine Jüngste legt zurzeit Wert auf die Themen Ökologie und Nachhaltigkeit und kauft sehr gerne in Secondhand-Shops ein. Teenager sind letztlich auch nicht unsere Hauptzielgruppe. Unser Fokus liegt grob gesagt auf Familien und Erwachsenen.

Sie haben ihre Kinder einmal als Trendforschungsobjekte bezeichnet. Setzen Sie manchmal Ideen Ihrer Töchter um?

Ja, das kann passieren. Für mich ist es vor allem wichtig zu spüren, was junge Leute wollen und in welche Richtung sich ihre Bedürfnisse bewegen. Es wird spannend sein zu sehen, wie sich diese Generation, die im digitalen Zeitalter aufwächst, später als Konsumenten verhalten wird.

Nachhaltigkeit ist seit Jahren ein Riesenthema. Auch der Konsum, einst ein Statussymbol, ist immer mehr verpönt. Wie bewegt sich Loeb in diesem Spannungsfeld?

In diesem Zusammenhang ist auch Regionalität ein Trend, und Loeb steht für regionale Produkte, die hier produziert und nicht aus China eingeflogen werden. Hierzu stelle ich allerdings fest, dass sich die Überzeugungen der Leute nicht mit ihrem tatsächlichen Konsumverhalten decken. Noch immer werden heute Millionen von Päckchen aus China geliefert. Nebst der Regionalität legen wir Wert auf Energiesparmassnahmen und verwenden jetzt zum Beispiel neu LED-Lampen und verzichten auf Plastiktaschen. Was den Konsum betrifft, so gibt es natürlich immer Extrempositionen und Leute, die den Konsum per se verteufeln. Massenweise Pakete aus Fernost ohne Portokosten zu bestellen ist mir auch zuwider. Qualitatives und sorgfältiges Konsumieren finde ich hingegen überhaupt nicht abwertend.

Kommen wir zu den Punkten, die Ihre Branche momentan am meisten bewegen. Migros verkauft seine Tochterfirma Globus, Manor muss das Haus an der Zürcher Bahnhofstrasse wegen eines Mietstreits verlassen. Ich nehme an, Sie verfolgen dies aufmerksam.

Natürlich. Über die Konkurrenz zu sprechen, ist aber schwierig. Manor wünsche ich bei der Suche für einen neuen Standort viel Glück. Es ist nicht schön, einen Standort nach so langer Zeit verlassen zu müssen. Migros wird für den Verkauf ihre Gründe gehabt haben und hat verschiedene Möglichkeiten genannt. Jetzt schauen wir, was daraus wird. Für Loeb ist ein erfolgreicher Globus wünschenswert. Einerseits ist er zwar ein Mitbewerber, andererseits trägt er aber auch zu einer attraktiven Innenstadt bei und lockt Leute in die Stadt. Leere Innenstädte sind für jeden Detailhändler ein Graus.

Zu attraktiven Innenstädten gehören auch autofreie Strassen. Städte im Ausland planen sogar gänzlich autofreie Smart Cities. Auch dieser Trend spielt Detailhändlern, die Kunden ein bequemes Einkaufen bieten wollen, nicht in die Hände.

Dass man mit dem Auto gut in die Stadt kommt, ist wichtig, dafür habe ich mich in der Vergangenheit bereits eingesetzt. Sofern es gute Parkmöglichkeiten in der Umgebung gibt, habe ich nichts gegen autofreie Innenstädte. Leider ist das aber häufig nicht der Fall.

Sie positionieren sich auch sonst politisch. Wie ihr Vater François sind Sie Mitglied der FDP und unterstützen aktuell Christa Markwalder als Ständeratskandidatin.

Ich stehe klar hinter liberalen Werten. Und bevor Sie fragen: Ich werde nicht meinem Vater folgen und in die Politik einsteigen. Er war zwölf Jahre lang Nationalrat, aber das wird nicht mein Weg sein. Ich setze mich jedoch für Themen ein, die unsere Branche angehen. Zum Beispiel für längere Ladenöffnungszeiten.

Längere Öffnungszeiten hin oder her, die Marktsituation bleibt schwierig. Kommt bald ein weiterer Stellenabbau und weitere Filialschliessungen?

In unseren bestehenden Geschäften brauchen wir gutes Personal. Das ist unsere Stärke und unser Anspruch, wir wollen das persönlichste Warenhaus der Schweiz sein. Ohne gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist das nicht möglich. Ein weiterer Stellenabbau ist also nicht vorgesehen, ebenso wollen wir nicht am Filialnetz rütteln. Jetzt renovieren wir noch die Filiale in Biel, danach kommt diejenige in Thun dran. In den nächsten zwei Jahren geht uns die Arbeit also nicht aus.

Sie sagten vorhin, Loeb sei ihr Leben. Als sie 2005 Chefin wurden, waren ihre Kinder noch sehr klein. Haben Sie die Entscheidung manchmal bereut?

Diese Zeit war schon sehr streng. Meine Töchter waren zwei und fünf und das Unternehmen war damals in einer Strategiekrise. Ich habe mir den Schritt deshalb gut überlegt und sah es dann vor allem als Chance. Bereut habe ich die Entscheidung nie, in den ersten paar Jahren habe ich mir aber schon ab zu gesagt, du bist wahnsinnig, dass du das machst, du könntest es bequemer haben. Das gehört aber nun mal dazu und das tolle Team und Erfolge wiegen den ganzen Ärger auf.

Ihre Kinder sind jetzt schon fast flügge…

… und ich kann mir langsam wieder überlegen, welche Hobbys ich eigentlich hätte. Das hatte früher tatsächlich keinen Platz, nach der Arbeit waren die Kinder das Wichtigste. Früher war ich mal sehr kunstinteressiert, vielleicht habe ich jetzt wieder mehr Zeit für Museumsbesuche. Ganz früher habe ich mal gemalt, aber ich glaube das habe ich verlernt.

Blicken wir noch ein bisschen weiter in die Zukunft. Kommen Ihre Töchter als Nachfolgerinnen in Frage?

Meinen Töchtern gebe ich die genau gleiche Freiheit, die ich auch hatte. Wenn sie ins Geschäft einsteigen wollen, steht ihnen der Weg natürlich frei. Aber sie sollen jetzt erst mal studieren und das Gymnasium fertigmachen. In den nächsten zehn Jahre wird mich das Thema Nachfolge sicher beschäftigen.

Zur Person

Nicole Loeb (52) leitet seit 2005 das gleichnamige Warenhaus in Bern. Sie ist Miteigentümerin und Delegierte des Verwaltungsrates. Angefangen hat sie in dem Familienunternehmen im Jahr 1999 als Leiterin des Bereichs Textilien. Davor war sie für die Marke Peek & Cloppenburg in Düsseldorf tätig und absolvierte die Kunstgewerbeschule. Sie ist verheiratet und hat zwei Töchter. Das vor 138 Jahren gegründete Warenhaus Loeb beschäftigt rund 300 Mitarbeiter und erwirtschaftete 2018 einen Umsatz von rund 82 Millionen Franken. Für den Umbau des Warenhauses in Bern und den Filialen in Biel und Thun investiert Loeb 20 Millionen Franken.

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