Wochenkommentar
Warum das Schweizer System keinen Nährboden für Helden bietet

Ein bewährtes politisches System wie dasjenige der Schweiz verträgt sie schlecht: Helden wie Joachim Gauck, Aung San Suu Kyi oder Nelson Mandela.

Christian Dorer
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Drei Helden unserer Zeit
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Die Burmesische Freiheitskämpferin Aung San Suu Kyi
Der Gründer der Regenbogen-Nation: Nelson Mandela

Drei Helden unserer Zeit

Keystone

Was ist sein Geheimnis? Das fragte die «Zeit» diese Woche und ging der Frage nach, warum der künftige deutsche Bundespräsident Joachim Gauck die Menschen so zu begeistern vermag. Denn könnte die Bevölkerung ihren Präsidenten bestimmen, so wäre Gauck bereits 2010 gewählt worden. Und nicht Christian Wulff, der parteitaktische Kandidat von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ein Flop, wie wir heute wissen: Wulff fiel mehr als Schnäppchenjäger auf statt als Staatsmann. Und so ist heute ein Gauck mehr gefragt denn je: eine Persönlichkeit, die Integrität, Überzeugungskraft, Lebenserfahrung in sich vereint – und vor allem: Mut.

So kommt die «Zeit» zum Schluss: «Präsidiale Glaubwürdigkeit heisst nicht Unfehlbarkeit, sondern nur, dass der Präsident Überzeugungen hat, die nicht von einer Partei geborgt sind, dass er an etwas glaubt, ohne dogmatisch zu sein, und, nun ja, dass er zu denken wagt.» Wer Gauck erlebt, spürt all das: Er sagt, was er denkt. Egal, wo er aneckt. Und er weiss dank Lebenserfahrung, wovon er spricht.

Gauck kommt auch in der Schweiz gut an. Doch wer ist bei uns die Instanz, die man gern anrufen würde für eine Tour d’Horizon? Mit wem möchte man ein grosses Interview lesen über die Herausforderungen unseres Landes? Wem würde es gelingen, uns zu beeindrucken? Wer zeichnet sich bei uns aus durch Gauck’sche Brillanz und Glaubwürdigkeit? Gerade in Zeiten komplexer Probleme steigt das Bedürfnis nach lebenserfahrenen, mutigen Persönlichkeiten. Die Schweiz hatte früher einen Friedrich Dürrenmatt, einen Max Frisch, einen Jean Rudolf von Salis. Heute finden wir zwar durchaus auch fähige Intellektuelle und Politiker. Aber finden wir Vorbilder?

Herausragend im Unrechtsstaat

Dass überragende Persönlichkeiten in der Schweiz selten sind, hat mehrere Gründe. Zum einen verträgt unser bewährtes System des Ausgleichs solche nur schlecht: Wer zu weit herausragt, wird auf Normalgrösse zurückgestutzt. Zum anderen, und das hat etwas Paradoxes, ist eine direkte Demokratie kein Nährboden für Helden. Gauck hatte in einem System wie der DDR andere Möglichkeiten, seine Integrität zu beweisen: Wer wie er bewusst in der DDR ausharrte, statt wie seine Söhne in den Westen zu fliehen, wer als oppositioneller Theologe und Bürgerrechtler gegen das System ankämpfte und Menschen Halt gab – der wird stärker geprägt als das in unserem wohlig-harmonischen Land je möglich ist.

Joachim Gauck in Deutschland, Aung San Suu Kyi in Burma, Nelson Mandela in Südafrika und viele Freiheitskämpfer mehr: Dass Unrechtsstaaten überragende Persönlichkeiten hervorbringen, ist das einzig Positive an ihrer Existenz.

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