Warum eine zweite Coronavirus-Welle noch schlimmer ausfallen könnte

Viele Betten auf den Schweizer Intensivstationen bleiben leer. Die Neuerkrankungszahlen von Covid-19 gehen zurück. Und bereits mehren sich die Stimmen, die eine rasche Rückkehr zur Normalität fordern.

tog/watson.ch
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Die Todesraten der Städte New York, London, Paris und Berlin der zweiten Welle der Spanischen Grippe.

Die Todesraten der Städte New York, London, Paris und Berlin der zweiten Welle der Spanischen Grippe.

Bild: Collage von Watson mit Material von Wikipedia

Dass wir im Moment nur die Ruhe vor dem eigentlichen Sturm erleben könnten, erklärt der deutsche Virologe Christian Drosten im Podcast des NDR. Der Institutionsleiter der Berliner Charité verweist auf das Beispiel der Spanischen Grippe, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwischen 35 und 100 Millionen Menschenleben forderte, einen Grossteil davon während der zweiten Welle.

Christian Drosten leitet das virologische Institut an der Charité Berlin Mitte.

Christian Drosten leitet das virologische Institut an der Charité Berlin Mitte.

Bild: dpa

Die erste Welle der Spanischen Grippe begann Ende Juni 1918 und dauerte ca. einen Monat.

Die erste der drei Wellen der spanischen Grippe in Grossbritannien. Sie war noch die harmloseste.

«Die [Spanischen Grippe] trat nicht in allen Orten auf, sondern die war lokal extrem ungleich verteilt. Die war hie und da auffällig, anderswo hat man gar nichts davon bemerkt ...»

Chrsitian Drosten imPodcast «Coronavirus update» des NDR

Bereits damals wurden Ausgangssperren verhängt und das Grippevirus schien in den Sommermonaten sowas wie eingedämmt. Drosten vermutet einen saisonalen Effekt. Die warmen Sommermonate verschleierten die eigentliche Problematik: Aus den einzelnen lokalen intensiven Brandherden wurde ein grossflächiger Schwelbrand

In den Sommermonaten schien die Spanische Grippe unter Kontrolle.

In den Sommermonaten schien die Spanische Grippe unter Kontrolle.

Bild: Wikipedia
Und unter der Decke dieses saisonalen Effektes ... hat sich diese Erkrankung aber unbemerkt viel besser gleichmässig geografisch verteilt.

Christian Drosten beim NDR

Der deutsche Virologe vergleicht den saisonalen Effekt von damals mit den heutigen Distanzierungsmassnahmen. Das Virus könnte sich nun von den einzelnen neuralgischen Gebieten fast unbemerkt gleichmässig geographisch verteilen.

Die zweite Welle der Spanischen Grippe forderte ungleich mehr Todesopfer als die erste.

Die zweite Welle der Spanischen Grippe forderte ungleich mehr Todesopfer als die erste.

Bild: Wikipedia

Als die spanische Grippe im Herbst 1918 erneut ausbrach, traf es nicht mehr nur die neuralgischen Gebiete, das Virus trat grossflächig auf. Aus dem Schwelbrand wurde ein Flächenbrand. Einen ähnlichen Ablauf kann sich Drosten für die Verbreitung des Coronavirus in diesem Sommer vorstellen.

«Wir werden, wenn es in den Winter reingeht, in einer anderen Situation sein. Wir hätten dann nicht mehr das Ungleichgewicht zwischen einzelnen kleinen Orten.»

Christian Drosten beim NDR

Die zweite Welle der Spanischen Grippe begann Anfang Oktober und endete erst Mitte Januar. Die Todesrate betrug phasenweise das Fünffache der ersten Welle. Auch die dritte Welle, die vom Februar 1919 bis Mitte April dauerte, wütete noch einiges heftiger als der erste Ausbruch.

Die dritte Welle Anfang 1919.

Die dritte Welle Anfang 1919.

Bild: Wikipedia

Doch Drosten findet auch versöhnliche Worte. Panik machen will er nicht.

«Ich will jetzt gar nicht so ein starkes Plädoyer abgeben hier, aber ich will schon sagen, es laufen im Hintergrund Veränderungen von so einer Epidemie, die man auch miteinberechnen muss.»

Christian Drosten beim NDR

Miteinberechnen sollte man auch, dass es noch immer keinen Impfstoff gegen das Coronavirus gibt und auch kein Medikament, das den Verlauf einer Covid-19-Erkrankung zuverlässig mildern könnte. Die Möglichkeit auf eine zweite tödliche Welle bleibt bis dahin immer bestehen.