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Kommentar

Warum ich kein richtiger 68er bin

Der Publizist Gottlieb F. Höpli sinniert darüber, wie er das Jahr 1968 erlebt hat.
Gottlieb F. Höpli
Gottlieb F. Höpli (Bild: Mareycke Frehner)

Gottlieb F. Höpli (Bild: Mareycke Frehner)

Vor einem Monat habe ich hier einen kritischen Blick auf die aktuelle mediale Verklärung des Jahres 1968 durch seine stolzen Veteranen geworfen. Und versprochen, als Zeitgenosse mein eigenes 1968 zu erforschen. Denn damals schrieb ich an der Uni Zürich gerade meinem germanistischen Abschluss entgegen und lernte für die Prüfungen. Was aber damals genug Zeit liess, das öffentliche Geschehen von nahe zu verfolgen.

Ob dies nach der Studienreform unter dem Label «Bologna» heute noch möglich wäre, wage ich zu bezweifeln. Die Universitäten haben sich so ziemlich in der Gegenrichtung der damaligen studentischen Forderungen entwickelt, die da hiessen: Demokratisierung, Bildung im Dienste der Gesellschaft, selbstständiges Denken. «Wider die Untertanenfabrik» hiess damals ein viel zitiertes Buch. Das heutige Resultat heisst aber eher: Effizienz und Zentralisierung, Spezialisierung, aussengelenkte Optimierung. Im Vergleich zu den heutigen «Bologna»-Hochschulen waren die damaligen Universitäten zwar rasch gewachsene, aber im Geist immer noch fast gemütliche Institutionen einer Humboldt’schen Allgemeinbildung.

Der vibrierenden Unruhe an den Hochschulen, die sich aus den USA nach Europa und in die Schweiz ausbreitete, konnte man sich als an öffentlichen Dingen interessierter Student nicht entziehen. In meinem Fall schon gar nicht, hatte ich doch 1965/66 an der FU Berlin vor allem in den Fächern Publizistik und Sozialwissenschaften studiert. Es waren jene zwei Semester, in denen die Studentenrevolte Fahrt aufnahm. Nicht zuletzt dank der westdeutschen Kommilitonen, die sich nach Berlin verzogen hatten, um nicht in die Bundeswehr eingezogen zu werden. Der Vietnamkrieg, die USA waren die Zielscheibe eines flammenden Protests, der von einem zappelig-nervösen Studenten namens Rudi Dutschke angeführt wurde.

Und bald wurde aus dem Antikriegs- und antiamerikanischen Protest ein Flächenbrand, der sich nicht zuletzt gegen die Vätergeneration wandte, die nicht gelernt hatte, über ihre Vergangenheit und Mitschuld in Hitlers Deutschland zu reden. Kein Wunder, spielten Psychoanalytiker wie die Mitscherlichs eine wichtige Rolle in dieser Vergangenheitsbewältigung, die der Vätergeneration die Schuld an sämtlichen Missständen zuschob – inklusive dem Kapitalismus, der für die Söhne nun die Rolle des Bösen einnahm. Das war denn aber doch nicht die Auseinandersetzung, mit der sich ein junger Schweizer vollständig hätte identifizieren können.

Trotz der Wasserwerfer des Zürcher Polizeikommandanten Hubatka (SP) im auch klimatisch heissen Juni der Globuskrawalle war das politische Klima in Zürich nicht so angespannt wie dasjenige Berlins. Mit der Forderung nach autonomen Jugendzentren sollte zwar eine Allianz zwischen studentischer und nichtstudentischer Jugend geschmiedet werden. Was aber zählte, waren weniger die Inhalte als die Formen des Protests – Sit-Ins, Teach-Ins, Besetzungen waren Vorboten einer globalisierten Welt von Berkeley bis Zürich.

Kein Protest gegen die Welt der Väter kann die Generation der Söhne – und der Töchter! – unberührt lassen. Solcher Protest ist nicht das Alleinstellungsmerkmal von 1968. Viel eher war es schon die gesellschaftliche Breite des Aufbruchs – und die Bereitschaft der Vätergeneration, sich durch lange Haare und andere Äusserlichkeiten über die Massen provozieren zu lassen. Was wiederum zahlreiche Söhne zu höherer Militanz verführte – sei es im Lifestyle oder gar in der Politik, wo ein Teil der Protestierenden ins politische Unterholz abglitt, der Grossteil aber brav in die SP eintrat. Derlei Einordnung in neue und oft nicht weniger enge Strukturen entsprach meiner Vorstellung von Aufbruch nicht – ich mochte keiner politischen 68er-Gruppierung beitreten. Längere Haare, kritische Haltung: Ja. Rechtfertigung von blinder Militanz und Gewalt: Nein.

Für den 68er-Lifestyle, wie er sich vor allem in der Musik manifestierte, war ich ohnehin verloren: Mir sagten Elektrogitarren, Jimi Hendrix und Woodstock wenig – für den Sound von 1968 und später war und bin ich durch die Musik Bachs und durch den Jazz schon längst verloren.

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