Wegelin-Banker wird Botschafter

Der Notenstein-Banker und frühere Diplomat Giulio Haas soll neuer Botschafter der Schweiz in Iran werden – und dort auch die Interessen der USA vertreten.

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Die Schweizer Botschaft in Teheran. Der Botschafter vertritt auch die Interessen der USA, was immer wieder zu Kundgebungen vor dem Gebäude führt. (Bild: AFP / Behrouz Mehri)

Die Schweizer Botschaft in Teheran. Der Botschafter vertritt auch die Interessen der USA, was immer wieder zu Kundgebungen vor dem Gebäude führt. (Bild: AFP / Behrouz Mehri)

Eine historische Episode erregt derzeit wieder öffentliches Aufsehen: Der aktuelle Hollywood-Thriller «Argo» befasst sich mit der Geiselnahme in der US-Botschaft in Iran 1979. Dort vertritt die Schweiz seit 1980 auch die Interessen der USA. Teheran gehört damit zu den wichtigeren Aussenstellen der helvetischen Diplomatie. Nun hat der Bundesrat diesen Chefposten neu besetzt, wie Recherchen unserer Zeitung zeigen. Die amtierende Botschafterin, Livia Leu Agosti, hat bereits angekündigt, dass sie nach vier Jahren in Teheran 2013 nach Bern zurückkehren soll. Als Nachfolger hat der Bundesrat den Banker und langjährigen Diplomaten Giulio Haas (kleines Bild) ernannt. Dies teilte die Spitze des Aussendepartements (EDA) den Schweizer Vertretungen im Ausland per E-Mail mit. Die Rochade wird von drei vertraulichen Quellen aus dem Umfeld des Bundesrats bestätigt. Offiziell will das EDA ihn nicht kommentieren.

Chur nicht im Visier der USA

Haas ist kein unbeschriebenes Blatt: Zurzeit leitet der Bündner die Churer Filiale der St. Galler Privatbank Notenstein. Die Stelle übernahm er 2008 für die Bank Wegelin. Diese wurde im vergangenen Februar von der US-Justiz wegen vermuteter Beihilfe zur Steuerhinterziehung angeklagt. Im Januar hatten die USA bereits drei Wegelin-Mitarbeiter angeklagt. Darauf verkaufte Wegelin das Nicht-US-Geschäft an Raiffeisen – auch die Churer Filiale gehört seither zu Notenstein. Die Sendung «Eco» des Schweizer Fernsehens stellte damals die Frage, ob Haas als Ex-Diplomat nicht hätte vorsichtiger sein müssen. Haas nahm gestern keine Stellung. Gegenüber der «Südostschweiz» wehrte er sich jedoch im Februar: Die Filiale Chur habe keine Geschäftsbeziehungen in die USA unterhalten. Dies bestätigen die Anklageschriften des US-Staatsanwalts Preet Bharara: Haas oder die Wegelin-Filiale Chur sind darin nicht erwähnt, sondern nur die Filiale Zürich. Dennoch könnte die Anklage der US-Justiz gegen Wegelin gemäss Beobachtern für Haas nicht unproblematisch sein. Denn diverse frühere Bankkader haben seither keinen Fuss mehr in die USA gesetzt. Als Schweizer Botschafter in Iran wäre Haas indes durch die diplomatische Immunität geschützt – und er müsste wohl nicht zwingend in die USA reisen.

Für Finanzfragen zuständig

Haas bringt zweifellos die Qualifikationen für den Posten mit. Er hat viel Erfahrung im diplomatischen Dienst: 1988 stieg der Banker und Jurist beim EDA ein – und war unter anderem in Venezuela tätig. 2001 wurde er die Nummer zwei der Botschaft in Washington. Bis zu seinem Wechsel zu Wegelin 2008 leitete Haas in Bern im Rang eines Botschafters die politische Abteilung V des EDA – und war etwa für internationale Finanzfragen zuständig. Der Posten gilt als gutes Sprungbrett.

Haas hat offenkundig einen guten Draht zu Bundesrat Didier Burkhalter oder zur Nummer zwei im EDA, dem Staatssekretär Yves Rossier. Er ist zwar nicht wie Burkhalter Mitglied der FDP, gilt gemäss Recherchen aber als Parteisympathisant. Für Schweizer Verhältnisse bleibt es bis heute unüblich, dass Manager aus der Privatwirtschaft einen Botschafterposten erhalten. Dies bestätigt ein langjähriger Diplomat, der anonym bleiben will. «Es ist die Ausnahme.» Grundsätzlich seien solche Wechsel für den diplomatischen Dienst aber keine negative Entwicklung.

Ernennung noch nicht definitiv

Die Ernennung von Haas zum Botschafter ist noch nicht definitiv. Dafür muss neben dem Bundesrat auch das Gastland zustimmen. Das sogenannte Agrement des Irans steht noch aus. Erst dann kann der künftige Botschafter sein Beglaubigungsschreiben überreichen. Gemäss dem langjährigen Diplomaten kann der Prozess ziemlich lange dauern. Auch die Schweiz hat schon die Ernennung von ausländischen Botschaftern abgelehnt. EDA-interne Informationen über Ernennungen bringen allein den Willen des Bundesrats zum Ausdruck.

Tobias Gafafer