Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

WEIDESCHLACHTUNG: Umstrittener Todesschuss auf der Weide

Ein Zürcher Biobauer darf seine Rinder selber auf der heimischen Koppel töten. Bei Luzerner Bauern stösst dies auf Skepsis.
Biobauer Nils Müller aus Küsnacht ZH ist schweizweit bislang der einzige Landwirt, der seine Tiere auf eigenem Terrain töten darf. (Bild: Keystone/Forschungsstelle für biologischen Landbau (Fibl)/Gabriela Müller)

Biobauer Nils Müller aus Küsnacht ZH ist schweizweit bislang der einzige Landwirt, der seine Tiere auf eigenem Terrain töten darf. (Bild: Keystone/Forschungsstelle für biologischen Landbau (Fibl)/Gabriela Müller)

Evelyne Fischer

Die Diskussion um die so genannte Weideschlachtung hallt nach: Biobauer Nils Müller erkämpfte sich beim Zürcher Veterinäramt die Spezialbewilligung, zehn seiner Rinder erlegen zu dürfen. In einer separaten Koppel, mit einer Kleinkaliberwaffe von einem Hochsitz aus (Ausgabe vom Mittwoch). Der Bauer mit Jagdpatent hängt das Tier innert 90 Sekunden kopfüber auf, schneidet ihm den Hals auf und lässt es ausbluten. Danach erfolgt der Transport zum Schlachthaus. Müllers Überlegung: Werden die Tiere mitten in der Herde geschossen, sind sie keinerlei Stress ausgesetzt. Dies wirke sich letztlich positiv auf die Fleischqualität aus. Müllers Ziel: Bauern anderer Kantone die Lizenz zum Töten unter freiem Himmel zu verschaffen. Bislang ist die Weideschlachtung hierzulande verboten. Deutschland erlaubt sie mit entsprechender Genehmigung – sofern die Rinder ganzjährig im Freiland gehalten werden.

«Mag im Einzelfall funktionieren»

Biobauer Müller steht mit seinem Begehren in der Zentralschweiz allein auf weiter Flur: Wie eine Anfrage bei den hiesigen Veterinärämtern ergab, ist die Weideschlachtung hier kein Thema. Gesuche blieben aus. Einzig das Luzerner Veterinäramt erhielt einmal eine Anfrage: «Diese stammte von einem Bauern, dessen Tiere sich nur schwer verladen liessen», sagt Kantonstierarzt Otto Ineichen. «Unsere Antwort fiel negativ aus.» Mit Grund: Von der Lebensmittelgesetzgebung her ist die Weideschlachtung nicht zulässig. Ausnahmen sind möglich: Etwa bei verunfallten Rindern, denen ein Transport nicht zumutbar ist – und bei Gehegewild wie Hirschen. «An der heutigen Gesetzgebung soll nicht gerüttelt werden», sagt Ineichen. «Um bei einer Weideschlachtung die hygienischen Vorschriften einzuhalten, muss hochprofessionell gearbeitet werden. Dies mag beim Zürcher Bauern im Einzelfall funktionieren, ist aber nicht massentauglich.»

Mögliches Kaufargument

Vertreter der Luzerner Bauern gewinnen dem zürcherischen Freiluftabschuss zunächst Positives ab: «Für das Tier ist die Weideschlachtung eine schonende Methode, davon bin ich überzeugt», sagt Josef Bircher, Präsident von Bio Luzern aus Malters. Bei Konsumenten, die daran interessiert seien, woher das Fleisch im Teller stamme, könne die Tötung auf der heimischen Wiese «ein Kaufargument» sein. Von «einem guten Ansatz» spricht auch Jakob Lütolf, Präsident des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbandes aus Wauwil. Denn: Die fremde Umgebung beim Schlachtbetrieb lasse Tiere nicht kalt. «Treffen die Rinder im Schlachthof mit anderen Tieren zusammen, ist dies immer ein Stück weit mit Stress verbunden.»

«Etwas für Bauern mit Jagdblut»

Dennoch werden die beiden Landwirte ihre Tiere weiterhin in regionalen Betrieben schlachten lassen. «Ich weiss, wie ich sie verladen muss, um ihnen beim Transport keine Strapazen zu bereiten», sagt Biobauer Bircher. Für ihn käme die Weideschlachtung nicht in Frage. «Das ist etwas für Leute mit Jagdblut.» Nebst dem nötigen Patent und der Fachperson für die sogenannte Lebendfleischschau – bei dieser wird die Tiergesundheit untersucht – brauche die Weideschlachtung viel Know-how. «Um jederzeit die Hygienevorschriften zu erfüllen, muss der Bauer sehr hohen Anforderungen gerecht werden», sagt Bircher. Ob dies gelingt, sei fraglich. «Ich bezweifle, dass sich die Weideschlachtung in jedem Fall positiv auf die Fleischqualität auswirkt.» Jakob Lütolf sieht die Methode als Alternative für einzelne Betriebe mit Direktvermarktung. «Ich glaube kaum, dass sie sich im grossen Stil durchsetzen wird.»

Auf Stressminderung sensibilisiert

Ins gleiche Horn stösst Proviande, Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft: «Wir sehen die Weideschlachtung nicht als Zukunftsmodell», sagt Peter Schneider, Leiter Geschäftsbereich Klassifizierung und Märkte. «Die Tötung ausserhalb des Schlachtbetriebs bedingt ein umständliches Verfahren, das sich höchstens für Einzeltiere eignet, nicht aber für jene 400 000 Grosstiere, die hierzulande jährlich verarbeitet werden.» Schneider verhehlt nicht: Die fremde Umgebung eines Schlachthauses sorge für eine gewisse Nervosität. Aber: «Metzger wie auch Chauffeure sind geschult, die Tiere so schonend wie möglich zu behandeln.» Nach dem Transport würden die Rinder in Warteboxen geführt. «Dabei lässt das Personal den Tieren die nötige Zeit. Selbst im industriellen Grossbetrieb.» Ein Rindermäster bringe oft eine ganze Gruppe zum Schlachten. «Dies mindert das Stresspotenzial.» Ein Fragezeichen setzt Schneider hinter die Aussage, die Weidetötung begünstige die Fleischqualität. «Stresshormone können sich negativ darauf auswirken. Dies kommt jedoch nur in äusserst seltenen Fällen vor.»

«Belastung für Spaziergänger»

Unter Tierschützern ist der Todesschuss auf der Koppel umstritten: Support erhält Biobauer Müller etwa vom Zürcher Tierschutz, von «Vier Pfoten» oder Antoine F. Goetschel, ehemaliger Zürcher Tieranwalt und Präsident der Plattform «Global Animal Law», die Tierschutzgesetzgebungen weltweit verbessern will. Goetschel sagt: «Die Weideschlachtung durch einen qualifizierten Landwirt ist ein würdigerer Umgang mit Tieren als die Tötung im Schlachthof.» Dieser Bauer begegne dem Tier emotional auf Augenhöhe, sei umsichtig am Werk, ohne Profitdenken. «Konsumenten verdrängen gerne, dass der Transport zum Schlachthaus ein Nutztier enorm belastet.» Doch Goetschel äussert auch Bedenken: Die Betäubung und Tötung von Tieren würde Menschen, gerade Spaziergänger, belasten. Beim Schweizer Tierschutz stösst Biobauer Müller auf Widerstand. Auf der Weide komme es leicht zu Fehlschüssen, sagte Geschäftsführer Hansuli Huber diese Woche gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Sei ein Schlachtbetrieb organisiert, komme der Tod dort genauso aus dem Nichts wie auf der Koppel. Kantonstierarzt Ineichen relativiert zudem die Verladestrapazen (siehe «Nachgefragt»). Oft fänden schon vor der Fahrt ins Schlachthaus Transporte statt – etwa bei einer Verschiebung auf eine andere Weide. «Ziel muss es sein, ein Rind zumindest ein Stück weit an Menschen und Einrichtungen zu gewöhnen.» Sonst können Tiere wiederholt in massive Stresssituationen geraten und dabei Menschen wie auch sich selbst gefährden. «Dies hat unter Umständen verheerende Folgen.»

Wie stressig ist das Schlachten?

Biobauer Nils Müller stellt die Weidetötung der konventionellen Schlachtung gegenüber. Die Tiere seien keinerlei Stress ausgesetzt.

Kantonstierarzt Otto Ineichen, ist der Todesschuss unter freiem Himmel tatsächlich stressfrei?
Otto Ineichen:
Das bezweifle ich. Um einen gezielten Schuss setzen zu können, muss das Rind in die entsprechende Position gebracht werden. Und wenn wir vom Tierwohl sprechen: Es besteht das Risiko von Fehlschüssen. Was allerdings wegfällt, ist der Verlad.

Wie stressig sind der Transport, das Verharren in der Sammelbox, das Warten auf die Betäubung durch den Bolzenschuss?
Ineichen:
Zweifellos werden Tiere in einer fremden Umgebung unruhig. Um das Stresspotenzial klein zu halten, soll der Halter seine Tiere persönlich verladen. Mit einer minimalen Vertrautheit ist selbst am letzten Tag ein schonender Transport möglich.

Worauf gilt es im Schlachthof zu achten?
Ineichen:
Die Tiere sollten wenn möglich nach dem Abladen unverzüglich geschlachtet werden. Entsprechende Abschrankungen sollen sie direkt und sicher aus dem Transporter in eine Tötebucht im Schlachtraum leiten. Ideal ist es, wenn ein Bauer sein Tier auf kurzem Weg in eine regionale Anlage bringt. Im Kanton Luzern existiert ein gutes Netz an kleinen Schlachtbetrieben.

Interview Evelyne Fischer

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.