Welcher alte Zopf muss bei der SP weg? Das Top-down-Prinzip!

Nach zwölf Jahren mit Christian Levrat an der Spitze wählen die Genossen ein Präsidenten-Duo. Entweder Cédric Wermuth und Mattea Meyer oder Priska Seiler und Mathias Reynard. Es kündigt sich ein enges Rennen an.

Othmar von Matt
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Erster gemeinsamer Auftritt der Kandidaten-Teams in Hitzkirch (LU), von links nach rechts: Cédric Wermuth, Mattea Meyer, Priska Seiler und Mathias Reynard.

Erster gemeinsamer Auftritt der Kandidaten-Teams in Hitzkirch (LU), von links nach rechts: Cédric Wermuth, Mattea Meyer, Priska Seiler und Mathias Reynard.

Keystone

Der Applaus der 119 Delegierten im Pfarreiheim Hitzkirch wollte nicht enden. Es war keine stehende, sondern eine sitzende Ovation, welche die Mitglieder der Luzerner SP den Duos auf den Weg gaben, die sich für das Präsidium der SP Schweiz bewerben. Cédric Wermuth (33, AG) und Mattea Meyer (32, ZH) auf der einen Seite und Priska Seiler (51, ZH) und Mathias Reynard (32, VS) auf der anderen Seite stellten sich erstmals vor - alles Nationalrätinnen und Nationalräte.

Die Sehnsucht der Genossen nach einem Aufbruch war mit Händen greifbar. Der Schock sitzt tief, dass ausgerechnet die SP nicht von der Klima- und Frauenwahl 2019 profitieren konnte. Sie verlor 2 Prozent Wähleranteil und vier Sitze, fuhr mit 16,8 Prozent das schlechteste Ergebnis der Geschichte ein.

Der Name von SP-Präsident Christian Levrat fiel in Hitzkirch zwar nie. Und doch schien es, als ob sein Schatten über dem Raum schwebte. Der Auftritt beider Teams wirkte wie ein Anti-Programm zu Levrat. Vor allem, was den Stil betrifft.

In Hitzkirch traten die Kandidatenpaare erstmals öffentlich auf

«SP stärker öffnen für die Beteiligung der Menschen»

Auf die Frage aus dem Publikum, welche alten Zöpfe sie in der SP abschneiden würden, kamen beide Teams auf den Führungsstil in der Partei zu sprechen. «Wir müssen die nationale SP viel stärker öffnen für die Beteiligung der Menschen», sagte etwa Cédric Wermuth. «Wir haben sehr viel Potenzial an der Basis und wollen die Menschen direkt einbinden.»

Priska Seiler machte noch deutlichere Anspielungen. «Ich möchte die interne Demokratie stärken, halte nicht wahnsinnig viel vom Top-down-Prinzip, um eine Partei zu führen», sagte sie. «Eigentlich haben wir eine sehr basisdemokratische Tradition. Das ist uns in letzter Zeit ein wenig abhanden gekommen.»

In zwölf Jahren mit Präsident Levrat wurde die Politik der Partei von der Spitze her bestimmt. Levrat gilt als bestvernetzter Politiker in der Bundeshausmechanik. Dank seinem strategischen Geschick prägte er viele Projekte im Parlament.

Dabei ging aber die Basis zu stark vergessen. Priska Seiler sprach eine Kälte an, welche die Partei ausstrahle: «Die SP ist unnahbar geworden.»

Dass bei den Sozialdemokraten eine neue Zeitrechnung beginnt, zeigt sich schon darin, dass sich zwei gemischte Teams für ein Co-Präsidium bewerben. Das sei eine «neue, moderne Art» des Führens, betonte Priska Seiler. Und Mattea Meyer sagte: «Wir sind der Meinung, dass das Einzelkämpfertum vorbei ist, bei dem ein Mensch alles kann und machen muss.» Das Co-Präsidium erlaube, betonten beide, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und eine bessere Work-Life-Balance.

Ein ungleiches Paar gegen politische Zwillinge

Mathias Reynard und Priska Seiler.

Mathias Reynard und Priska Seiler.

Keystone

Mit Seiler und Reynard hat sich in letzter Sekunde ein sehr ungleiches Paar zur Wahl gemeldet. Realschullehrerin und Ballettpädagogin Seiler ist als Stadträtin Klotens für Sicherheit zuständig. Gleichzeitig amtet sie als Co-Präsidentin der SP des Kantons Zürich. Reynard studierte Geschichte und arbeitet als Lehrer. Er ist Gewerkschafter und Ex-Juso-Vize des Unterwallis. Sein Team decke Deutsch- und Westschweiz und verschiedene Generationen ab, sagte er. «Wir wollen, dass sich bei uns alle vertreten fühlen.»

Mattea Meyer und Cédric Wermuth.

Mattea Meyer und Cédric Wermuth.

Keystone

Meyer und Wermuth sind politische Zwillinge. Sie haben die Juso geprägt, Wermuth als Präsident, Meyer als Vizepräsidentin. Politikwissenschaftler Wermuth war auch Co-Präsident der SP Aargau, arbeitet in einer Zürcher Kommunikationsagentur. Historikerin Meyer war Co-Präsidentin der SP Winterthur, arbeitete als Anwaltsassistentin in einer Wirtschaftskanzlei. Gefragt, was ihr an diesem Duo gefalle, sagte Priska Seiler: «Die Einheit macht euch stark. Das bewundere ich an euch.»

Programmatisch sind Meyer/Wermuth einen Schritt weiter

Programmatisch sind Meyer und Wermuth einen Schritt weiter als Seiler und Reynard. Sie hatten ihre Kandidatur schon am 19. Dezember bekannt gegeben, mit einem Doppelinterview in der linken «Wochenzeitung» - und dem Papier «Aufbruch». Meyer/Wermuth wollen eine SP, die «aktivistischer funktioniert». Sie soll «zum spannendsten politischen Ort der Schweiz werden», wie es Wermuth formulierte.

Am Wochenende legten Seiler und Reynard den Aktionsplan «Für eine SP die verbindet und bei den Menschen ist» vor. Es brauche eine «kämpferische Sprache», eine Sprache auch, «die weniger auf politische Taktiken ausgerichtet, dafür näher bei den Realitäten der Menschen» sei. Das Duo will mehr Volksinitiativen und eine Stärkung der internen Demokratie.

Und welches der beiden Teams hat bessere Chancen, gewählt zu werden? Meyer/Wermuth punkteten in Hitzkirch mit klassenkämpferischerer Rhetorik und einem Aufbruch. Seiler/Reynard mit der Stärkung innerparteilicher Demokratie und dem Charme des Westschweiz-Wallisers Reynard.

Luzerner Kollegen hätten ihm erzählt, sagt Reynard, dass die Stimmung im Saal am Schluss bei 50:50 gewesen sei. Es kündigt sich ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen an.

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