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WELTTAG: «Autisten sind sehr auf Details fokussiert»

Heute ist Tag des Autismus. Betroffene kämpfen oftmals mit ganz alltäglichen Dingen. Der Verein Autismus deutsche Schweiz hat deshalb ein Coiffeur-Projekt gestartet. Der achtjährige Nevio ist begeistert vom Resultat.
Natalie Ehrenzweig
Coiffeur Martin Wunderlin schneidet Nevio behutsam die Haare. Das Tablet hilft dem autistischen Buben, sich zu entspannen. (Bild Corinne Glanzmann)

Coiffeur Martin Wunderlin schneidet Nevio behutsam die Haare. Das Tablet hilft dem autistischen Buben, sich zu entspannen. (Bild Corinne Glanzmann)

Natalie Ehrenzweig

«Beim ersten Mal, als wir mit unserem Sohn Nevio beim Coiffeur waren, mussten wir die Übung bereits beim Umhang-Anziehen wieder abbrechen, denn Nevio hat geschrien und geweint», erinnert sich Karin Imboden. Der Sohn der Sarnerin ist heute acht Jahre alt und ist Autist. Als Nevio etwa zwei Jahre alt war, verlor er plötzlich die Worte, die er bis dahin gelernt hatte. Er bekam einen leeren Blick und versank in seiner eigenen Welt. «Wir hatten das Gefühl, dass Nevio verschwindet, dass wir ihn verlieren. Doch wir hatten grosses Glück, denn der Sohn meiner Freundin ist Autist. Ihre Erfahrungen halfen uns, den Autismus von Nevio schnell zu erkennen und mit ihm an die richtigen Stellen zu gelangen», sagt Karin Imboden. Rasch schlugen die Therapien an, und dem Knaben gelang es, wieder aufmerksamer in seiner Umwelt zu sein.

Sehr auf Details fokussiert

Ein Teil seiner Therapien kümmert sich um seine Sprache. «Autisten fällt es schwer, zu generalisieren. Sie sind sehr auf Details fokussiert. Wenn also Nevio ein Bild einer grünen Tasse sah und lernte, dass dies eine Tasse ist, so war es für ihn unverständlich, dass eine Tasse mit Blumen drauf auch eine Tasse ist», erklärt Karin Imboden.

Viele Autisten, die in ihrer Kommunikation beeinträchtigt sind, die sich nicht ausdrücken können, reagieren mit Wutausbrüchen, schreien und schlagen um sich. So ging es auch Nevio. «Wenn eine Situation unbekannt für ihn war, er nicht verstand, was vor sich ging oder auch, wenn er sensorisch überempfindlich war, dann konnte es sein, dass er genau so reagierte. Zum Beispiel, wenn er sich beim Einkaufen im Laden auf den Boden warf», beschreibt Karin Imboden.

Schon zum Weinen gebracht

In solch schwierigen Situationen stossen Betroffene nicht immer auf Verständnis: «Andere Menschen sind dann oft schnell mit Urteilen, manchmal fallen böse Worte. Das hat mich auch schon zum Weinen gebracht.» Solche Zwischenfälle werden immer seltener, Nevios Verhalten wird unauffälliger. «Auffällig ist noch, dass er interessanterweise Hochdeutsch spricht, nicht Dialekt. Weshalb das so ist, wissen wir nicht», erzählt Karin Imboden lächelnd. Nevio kann heute mit anderen Kindern auf dem Spielplatz spielen, auch wenn soziale Regeln und Verhaltensweisen für ihn nicht logisch sind und er immer wieder mit seinem Verhalten aneckt.

Immer dranbleiben

Gerade, damit die Betroffenen so gut wie möglich selbstständig leben und in unserer Gesellschaft funktionieren können, braucht es eine möglichst frühe Diagnose und Behandlung. «Wir müssen mit Nevio immer dranbleiben. Jetzt hat er eine therapeutische Begleitung in der Schule, die ihm die nötige Unterstützung gibt. Denn was für uns einfach ist, ist für ihn kompliziert. Auch seine Lernweise ist für uns kompliziert», betont die Sarnerin. So lernt auch die Mutter die Welt ganz neu kennen, wenn sie sie ihrem Sohn auf eine andere Art erklären muss.

Nach dem ersten Coiffeurbesuch, der schnell in einer Katastrophe endete, hat Karin Imboden Nevio meist selber die Haare geschnitten. Doch vergangene Woche durfte es sich der Bub auf dem Coiffeurstuhl bei Martin Wunderlin vom Coiffeur Raphaelis in Stansstad bequem machen. Martin Wunderlin ist einer der Coiffeure, die beim Projekt von Autismus deutsche Schweiz mitmachen (siehe Kasten unten). Die Aktion soll das Leben der Familien erleichtern, indem interessierte Coiffeure geschult werden, wie sie mit Autisten umgehen können, damit für diese der Coiffeurbesuch möglichst angenehm wird.

«Ich unterstütze schon lange soziale Projekte, zum Beispiel das Brändi. Ich finde, Menschen, die nicht so richtig in unsere Gesellschaft hineinpassen, verdienen es, dass man sich etwas mehr Mühe gibt», sagt Wunderlin. «Ich hatte zwar schon autistische Kunden, aber es war mir nicht bewusst, wie sensibel sie auf Kleinigkeiten reagieren. Ich habe sehr von der Schulung profitiert.»

Die erste Hürde ist geschafft

Nevio wurde daheim gut vorbereitet, denn er setzt sich einfach auf den Stuhl. Die erste Hürde ist geschafft. Dann legt Martin Wunderlin ihm den Umhang rum. In der Hand hält Nevio ein Tablet, darauf sind die nächsten Schritte visuell dargestellt. Dies hilft ihm, sich zu entspannen. «Ich habe meinen Sohn noch nie so gesehen. Nur selten zog er die Schultern hoch. Dann haben wir ihn darauf hingewiesen, dass er sich entspannen soll. Und ihm das auch vorgezeigt. Visualisieren hilft mehr als nur sagen», betont Karin Imboden. Nevio tippt konzentriert auf dem Tablet und spielt, während Martin Wunderlin seine Haare schneidet.

Stolz bekommt Nevio am Schluss einen Film zur Belohnung und darf sich zwei Bonbons aussuchen. «Am nächsten Tag hat er gesagt, dass er Martin gernhat und dass er ein Haustier nach ihm benennen möchte», freut sich Karin Imboden über den Erfolg. «So was kann man mit Geld nicht aufwiegen, das ist das Salz in der Suppe», meint Martin Wunderlin lächelnd.

Was ist Autismus?

Autismus ist eine Entwicklungsstörung, die ein weites Spektrum umfasst. «Autisten sind in verschiedener Hinsicht beeinträchtigt: in ihren sozialen Interaktionen, in ihrer Kommunikation und ihrer Sprache. Und sie zeigen repetitives und stereotypes Verhalten», erklärt Fabienne Serna, Autismusfachfrau von Autismus deutsche Schweiz. Ausserdem können Autisten sensorisch über- oder unterempfindlich sein. Die genauen Ursachen für diese Entwicklungsstörung sind weitgehend unbekannt. Heute geht man von einer neurologischen Störung des Gehirns aus. «Die Ursache ist wahrscheinlich eine Kombination von Genen und Umweltfaktoren», erklärt Fabienne Serna.

Frühe Förderung wichtig

Wie stark die Einschränkung ausfällt, ist auch davon abhängig, wie früh die Entwicklungsstörung entdeckt und behandelt wird. «Ideal ist, wenn bei einem Kind zwischen 18 und 24 Monaten der Autismus festgestellt wird und mit autismusspezifischer Förderung sofort angefangen wird», so die Fachfrau. «Man schätzt, dass ungefähr 1 Prozent der Schweizer Bevölkerung betroffen ist, also etwa 80 000 Menschen.»
Geheilt kann Autismus nicht werden. Mit einer Kombination von verschiedenen therapeutischen Ansätzen kann aber die Situation der Autisten verbessert werden. «Doch ein grosser Teil der erwachsenen Autisten braucht Unterstützung. Gerade der Übergang von der Schule in die Arbeitswelt birgt viele Herausforderungen», sagt Serna.
Mehr Infos: www.autismus.ch

«Es ist uns wichtig, ein nachhaltiges Projekt zu realisieren»

Der Verein Autismus deutsche Schweiz (ADS) berät Angehörige, Betroffene und Fachleute. Seit einem Jahr bietet der ADS auch eine Beratungsstelle an. Zum internationalen Tag des Autismus am 2. April hat er ein Coiffeurprojekt lanciert.

Fabienne Serna, Autisten leiden darunter, dass sie über- und unterempfindlich sind gegenüber Geräuschen und sensorischen Reizen, sie haben Mühe, soziale Regeln zu verstehen. Warum haben Sie sich als Projekt für Autismus deutsche Schweiz ausgerechnet den Coiffeurbesuch ausgesucht?
Fabienne Serna*:
Alltagssituationen wie ein Arzt- oder Coiffeurbesuch sind für Autisten sehr schwierig. Damit werden sie auch für die Eltern zu einer grossen Belastung. Diese ziehen sich dann schnell zurück und schneiden etwa die Haare selber daheim, was auch nicht immer einfacher ist.

Inwiefern?
Serna:
Ich kenne sogar Eltern, die müssen ihren Kindern die Haare schneiden, während sie schlafen oder während ein Elternteil das Kind festhalten muss oder wenn es in der Badewanne sitzt. Einige müssen die abgeschnittenen Haare am Kopf mit dem Staubsauger wegsaugen, damit die Haare das Kind nicht kitzeln.

Wieso ist ein Coiffeurbesuch für die Kinder so schwierig?
Serna:
Neben ihrer Überempfindlichkeit leiden sie darunter, dass sie nicht verstehen, was passiert, weil sie so auf Details fixiert sind und die Situation nicht als Ganzes wahrnehmen. Sie haben grosse Probleme mit Veränderungen. Manche assoziieren «schneiden» und «Schere» mit «Gefahr» und haben deshalb Angst. Sie müssen lernen, wie sie mit der 1:1- Situation beim Coiffeur umgehen sollen und wie sie ihre Bedürfnisse kommunizieren können.

Wie ist es zum Projekt gekommen?
Serna:
Da ich selber einen autistischen Sohn habe, weiss ich um die Problematik. Darum habe ich mal meinen Coiffeur Martin Wunderlin angefragt. Gemeinsam mit ihm, der Geschäftsstelle von Autismus deutsche Schweiz und dem Coiffeurproduktvertrieb Blue Box AG haben
wir das Projekt gestartet. In einem ersten Schritt machen acht Salons mit. Ziel ist, dass diese Liste wächst. Uns ist wichtig, ein nachhaltiges Projekt zu realisieren.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Resultat?
Serna:
Ich bin begeistert, dass wir Coiffeursalons gefunden haben, die mitmachen. Es war auch toll, zu sehen, wie sich Nevio praktisch problemlos die Haare schneiden liess. Das ist eine grosse Erleichterung für die Familien, wenn sie wissen, dass sie bei diesen Coiffeursalons auf Verständnis stossen. Es muss ihnen nicht peinlich sein, wenn Versuche abgebrochen werden müssen. Sie wissen, sie können wiederkommen, Schritt für Schritt den Coiffeurbesuch erarbeiten.

Was haben die Coiffeure dabei gelernt?
Serna:
Wir haben ihnen erklärt, was Autismus ist, sie über die sensorische Überempfindlichkeit aufgeklärt. Dass zum Beispiel ein Föhn Angst machen kann. Coiffeure müssen sich mit den Eltern absprechen: Vielleicht mag das Kind nicht, dass man ihm die Haare wäscht. Dann lässt man das eben weg. Sie haben gelernt, wie man mit Autisten am besten kommuniziert.

Was ist der Zweck des internationalen Tags des Autismus?
Serna:
Wir möchten über Autismus informieren und die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren. Der 2. April wird weltweit dazu genutzt, auf das Thema und die betroffenen Menschen aufmerksam zu machen und für mehr Wissen und Akzeptanz zu sorgen.

Wie sind Autisten integriert?
Serna:
Sie haben das Problem, dass man ihnen ihr Anderssein nicht ansieht. Darum ecken sie oft an und brauchen viel Unterstützung. Es gibt Menschen mit Autismus, die in unserer Gesellschaft gut integriert sind, und es gibt viele, die viel besser integriert werden könnten. Angehörige und Betroffene sprechen oft von sozialer Isolation. Wissen ermöglicht bessere Integration von Menschen mit Autismus in unsere Gesellschaft.

* Fabienne Serna betreut seit einem Jahr die Beratungsstelle von ADS und ist Mutter eines autistischen Knaben.

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