Weltweit fallen Statuen im Zuge der Rassismus-Debatte – folgt nun die Gandhi-Skulptur in Genf?

Indiens Vater der Nation gilt als Ikone des Friedens. Doch der Freiheitskämpfer hegte dereinst rassistische Gedanken. Im Ausland wird Kritik laut - und auch die UNO-Stadt Genf macht sich Gedanken über ihre Skulpturen.

Benjamin Weinmann, Genf
Drucken
Teilen
Mahatma Gandhis Statue in Genf. Er gilt als Indiens «Vater der Nation».

Mahatma Gandhis Statue in Genf. Er gilt als Indiens «Vater der Nation».

Shutterstock

Die Black-Lives-Matter-Proteste rütteln am Status quo. Sie machen auf die systematische Diskriminierung von schwarzen Menschen aufmerksam und fordern ein Ende des Rassismus. Im Zuge dieser Proteste wird auch an historischen Statuen gerüttelt, die für ihre Errungenschaften gefeiert wurden, deren rassistisches Gedankengut aber übersehen wird.

Nun gerät eine Ikone des Friedens ins Visier der Kritiker, die auf den ersten Blick nichts mit Rassismus zu tun haben mag: Mahatma Gandhi. Der Pazifist führte die indische Unabhängigkeitsbewegung an und wird vielerorts als Botschafter des friedlichen Widerstands verehrt. Doch gleich in mehreren Städten im Ausland gibt es derzeit Forderungen, dass Statuen von ihm entfernt werden sollen, da er rassistische Einstellungen gehabt habe.

Gandhis Enkel und Biograf, Rajmohan Gandhi, bestätigte einst, dass sein Grossvater teilweise ignorant gewesen sei und Vorurteile gehegt habe, als er als junger Anwalt zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Südafrika arbeitete. Südafrikanische Forscher kamen gar zum Schluss, Gandhi habe an die arische Brüderschaft geglaubt und daran, dass Weisse und Inder höher einzustufen seien als Schwarze.

Ein Geschenk Indiens als Geste der Freundschaft

Nun muss sich auch die UNO-Stadt Genf mit der Geschichte Gandhis auseinandersetzen. Denn im Ariana Park gleich neben dem Sitz der Vereinten Nationen steht seit 2007 eine Statue von Mahatma Gandhi. Indien hatte der Stadt die Figur als Geste der Freundschaft geschenkt.

Anne Bonvin Bonfanti, Sprecherin der Stadtregierung, sagt auf Anfrage, dass man zwar noch keine Beschwerden bezüglich der Statuen erhalten habe. Aber: Zurzeit finde eine generelle Reflexion statt in Bezug auf die Diversität im öffentlichen Raum – «und die Frage zu den Statuen wird dabei definitiv eine Rolle spielen». Zudem plane man im September zusammen mit dem Kanton Gespräche mit verschiedenen Organisationen, die sich gegen Rassismus einsetzen. Und erst kürzlich habe der Gemeinderat 50000 Franken gesprochen, um den Kampf gegen Rassismus zu unterstützen.

Wie die «BBC» kürzlich berichtete, hat eine Petition in der britischen Stadt Leicester 5000 Unterschriften gesammelt, um eine Statue Gandhis zu entfernen. Die Online-Petition bezichtigt den indischen Unabhängigkeitskämpfer, der 1948 verstorben ist, ein Faschist, Rassist und «sexuelles Raubtier» gewesen zu sein. Eine lokale Labour-Politikerin von Leicester ist gegen die Forderung. Denn Gandhi sei Teil einer Bewegung gewesen ähnlich wie einst Martin Luther King in den USA. Gandhis Statue sei ein Symbol für den Wandel.

Umstrittene Figuren in Zürich und Neuenburg

Bereits letztes Jahr hatten Studenten in Manchester gefordert, eine Statue von Indiens «Vater der Nation» zu entfernen wegen seines Rassismus gegenüber Schwarzen. In der kanadischen Stadt Ottawa läuft eine ähnliche Petition. Und in der ghanaischen Hauptstadt Accra wurde eine Gandhi-Statue 2016 abgerissen nach einer Petition, die kurz nach der Installation der Skulptur gestartet worden war.

In der Schweiz stehen nebst Gandhi noch weitere historische Persönlichkeiten im Fokus der Rassismus-Diskussion. Bekannt ist die Kontroverse um den Neuenburger David de Pury, einen wohlhabenden Bankier aus dem 18. Jahrhundert, der vom Diamanten-, Finanz- und Sklavenhandel am portugiesischen Hof profitierte (CH Media berichtete). Als er verstarb, überliess er sein Vermögen der Stadt, die ihn mit einer Statue im Zentrum verewigte. Auch an der Statue von SBB- und ETH-Gründer Alfred Escher vor dem Zürcher Hauptbahnhof wurde Kritik laut, da seine Familie unter anderem dank Sklavenhalterei in Kuba reich wurde.

Mehr zum Thema