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«Wer fliegt, ist kein Verbrecher»: So verblüfft die SP-Frau in der Klima-Arena SVP-Wobmann

Schmelzende Gletscher, Hitzewellen und bröckelnde Berge: Der Klimawandel ist DAS heisse Thema der Wahlen 2019. Fährt die Schweiz die Umwelt an die Wand? Braucht es eine Steuer auf Flugtickets? So lief die Klima-«Arena» im ewigen Eis des Jungfraujochs.
Adrian Müller / watson.ch
Die «Arena»-Gäste kreuzen die Klingen im Eispalast des Jungfraujochs. (Screenshot / SRF)

Die «Arena»-Gäste kreuzen die Klingen im Eispalast des Jungfraujochs. (Screenshot / SRF)

Wer fliegt beim Klima-Showdown zuerst auf die Nase? Nicht nur Moderator Sandro Brotz begibt sich in der sterilen, minus 4 Grad kühlen Eisgrotte des Jungfraujochs für die Wahl-«Arena» buchstäblich aufs Glatteis.

Zur Sache geht es beim brisantesten Diskussionspunkt der Sendung, der geplanten Flugticketabgabe. «Finden Sie Flugscham nicht gut?», fragt Brotz SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher, als diese fliegende Lehrlinge und Studierende in Schutz nimmt.

«Wer fliegt, ist kein halber Verbrecher!»

«Ich finde es gefährlich, wenn man jede Person, die in einen Flieger einsteigt, als halben Verbrecher anschaut», antwortet Graf-Litscher. Es brauche nun so rasch als möglich attraktivere Bahnverbindungen ins Ausland. Zu deutlich günstigeren Preisen: «Der Nachtzug darf nicht mehr dreimal teurer sein als das Flugzeug», so die Thurgauerin weiter.

Aber bringt die Flugbilletsteuer (30 Franken für Kurzstrecke, bis 120 Franken Langstrecke) als Lenkungsabgabe tatsächlich was für den Klimaschutz? FDP-Fraktionschef Beat Walti zeigt sich noch etwas unentschlossen. Man könne es mal probieren. Politiker sollten die Emotionen dabei möglichst zurückstellen. «Und übrigens: Die heilige Eisenbahn ist auch nicht Co2-frei», so Walti weiter. Und kassiert prompt einen Rüffel von CVP-Nationalrat Stefan Müller-Altermatt (Gewusst? 90 Prozent des Bahnstroms stammen aus Co2-neutraler Wasserkraft...).

SVP-Nationalrat Walter Wobmann kämpft in der Runde alleine auf weiter Flur gegen Klimaschutz-Massnahmen an. Sein Argument ist neben der obligaten «Masseneinwanderung» immer dasselbe: «Das bringt doch alles nichts. Glaubt ihr ernsthaft, die Schweiz könne irgendetwas am Klima ändern?», fragt er in die Runde. Das enerviert SP-Graf-Litscher und Girod so sehr, dass sie mit den Händen in der Luft herumfuchteln. GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy kontert ebenfalls: «Andere Länder werden mit der Flugsteuer nachziehen», erklärt die kämpferische Bernerin.

SVP-Wobmann: «Glaubt ihr ernsthaft, die Schweiz kann etwas für das Klima tun?»

Der Bundesrat hat jüngst sein Klimaziel verschärft: Bis 2050 soll die Schweiz Netto 0 Treibhausgasemissionen ausstossen. Die Umweltkomission des Ständerats hat kürzlich entschieden, darum eine Flugsteuer einzuführen.

Es brauche internationale Koordination, fordert auch FDP-Walti. «Man muss den Bürgern aber bei den Kosten reinen Wein einschenken!» Wichtig sei, dass mit dem Geld aus der Lenkungsabgabe ein Topf für Innovationen entstehe.

BDP-Vertreter Bernhard Guhl hat dafür bereits hochfliegende Pläne: «In 100 Jahren ist Europa von einem Netz von Magnetschwebebahnen durchzogen und es fliegen nur noch Elektro-Flugzeuge». Er glaube, dass die Flugticketabgabe durchaus etwas bewirke. «Denn der Schweizer funktioniert über das Portemonnaie!»

SVP-Wobmann outet sich zu Beginn der Sendung indirekt als Klima-Leugner. Es habe in der Geschichte der Erde schon immer einen natürlichen Klimawandel gegeben. Es sei überhaupt nicht bewiesen, dass der Mensch darauf einen Einfluss habe. Die aktuelle Klima-Diskussion sei eine« absolute Hysterie und Panikmache», poltert der Solothurner. Und zielt damit auf Parteien und die Klimastreik-Bewegung.

Girod: «Klimawandel führt zu Flüchtlingswellen. Dann bemerkt es auch die SVP»

Grünen-Nationalrat Bastien Girod verdreht ob den Voten Wobmanns die Augen: «Der Klimawandel führt auch zu massiven Flüchtlingswellen. Dann interessiert das Thema plötzlich die SVP.» Es gehe bei der Klima-Diskussion um nichts weniger als die Zukunft der Kinder, einer ganzen Generation.

In nicht allzu ferner Zukunft würden Emissionen von Co2 sehr teuer sein, erklärt Müller-Altermatt. «Es liegt darum im ureigenen Interesse der Schweiz, den Ausstoss von Treibhausgasen baldmöglichst zu senken».

SP-Frau Graf-Litscher fordert deshalb, dass die Schweiz wie beim Bau des Gotthard-Tunnels oder der Jungfraubahn eine weltweite Pionierrolle übernehme. «Unser Land muss bei den erneuerbaren Energien und beim Klimaschutz an der Spitze sein». Bis 2035 müsse man darum fossile Brennstoffe komplett aus der Schweiz verbannen.

Moderator Brotz sorgt nicht gerade dafür, dass in der «Arena» die Emotionen überkochen. Zuweilen wirkt die Sendung angesichts des brandaktuellen Themas unterkühlt. Der Gähn-Faktor ist hoch. Brotz wirkt im Vergleich zur Rundschau-Moderation brav, fällt den Politikern kaum ins Wort. So plätschert die «Arena» weiter zu Themen wie einer Abgabe auf Brennstoffe oder der Elektromobilität.

FDP-Walti sorgt für Lacher: «E-Infrastruktur kostet so viel wie ein Kanonenrohr»

Der frühere Oberleutnant Beat Walti sorgt bei den E-Autos immerhin für einen Lacher: «Die Infrastruktur kostet so viel wie ein Kanonenrohr». Bastien Girod schmunzelt und packt Werbephrasen für ein teures Netz von Auto-Ladestationen aus: «Heute investieren, morgen profitieren», sagt der ETH-Wissenschaftler und Nationalrat.

Zum Schluss gerät FDP-Fraktonschef Walti aufs Glatteis. Zur Erinnerung: Seine Partei hatte vergangenen Herbst der Co2-Abgabe die Zähne gezogen, sodass diese von den umweltfreundlichen Parteien versenkt wurde. Dann vollzog FDP-Parteipräsidentin Petra Gössi eine spektakuläre Klima-Kehrtwende.

Stimmen die FDP-Vertreter nach den Wahlen aber tatsächlich weiter umweltfreundlich? «Es gibt Parteien, die werden jetzt plötzlich auch noch ein bisschen grün. Ich will dann die Tatbeweise sehen», stichelt GLP-Bertschy. Walti verspricht, dass die FDP-Vertreter auch im Nationalrat den «Biss des Ständerats» behalten würden. Die Umweltkomission der kleinen Kammer hatte kürzlich für das verschärfte Co2-Gesetz votiert.

Fazit der Sendung: Trotz oder gerade wegen der ungewohnten Location auf dem Jungfraujoch gehen bei den alteingesessenen Politikern und Politikerinnen die Wogen erstaunlich wenig hoch, auf einen echten Schlagabtausch warten die Zuschauer vergebens. Fragt sich, warum SRF-Brotz nicht wenigstens einen Vertreter der Klimastreik-Bewegung in die Runde eingeladen hat. Die junge Generation hätten der Sendung den nötigen Biss geben können. Schade!

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