Wer folgt auf Albert Rösti an der SVP-Spitze? Ein 27-Jähriger signalisiert sein Interesse

Auf den neuen Parteichef warten schwierige Aufgaben. Die ersten Anwärter haben sich bereits aus dem Rennen genommen. Andere überlegen sich eine Kandidatur.

Sven Altermatt
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Thomas Matter (ZH).
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Sandra Sollberger (BL).
Marcel Dettling (SZ).
Christian Imark (SO).
Mike Egger (SG).

Thomas Matter (ZH).

Keystone

Er kam im Moment des grössten Triumphs – und geht nach einer krachenden Niederlage: Als Albert Rösti im Frühjahr 2016 das Präsidium der SVP übernahm, surfte die Partei auf einer beispiellosen Erfolgswelle. Sie kratzte bei den Wahlen 2015 an der 30-Prozent-Marke und prägte mit ihrer Migrationspolitik und dem antieuropäischen Kurs die öffentliche Debatte. Der Wechsel an der SVP-Spitze war generalstabsmässig geplant.

Toni Brunner zog sich zurück und mit Rösti präsentierte die Parteileitung sogleich einen Nachfolger. Der Berner Nationalrat, konziliant im Umgang und hart in der Sache, sollte den eingeschlagenen Kurs fortführen und auch mal Allianzen schmieden.

Nun, nicht einmal vier Jahre später, kündigt Rösti selbst bereits seinen Rücktritt an. Im Frühjahr 2020 werde er abtreten, erklärte der 52-Jährige in einem Interview mit dem «Sonntagsblick». Er zieht damit auch die Konsequenzen aus den Wahlverlusten der SVP. Die einst so erfolgsverwöhnte Partei ist zwar weiterhin stärkste Kraft im Parlament, verlor aber 3,6 Prozentpunkte.

Diesmal zaubert die Partei nicht gleich einen designierten Nachfolger aus dem Hut. Kein Wunder: Ein natürlicher Kandidat ist nicht in Sicht. Um den Posten des Parteichefs reist sich niemand händeringend; nicht zuletzt deshalb, weil es dafür bei der SVP im Gegensatz zu anderen Parteien keinen eigentlichen Lohn gibt. Je nach Leseart ist die Personaldecke erstaunlich dünn – oder, positiver formuliert: das Kandidatenfeld erstaunlich breit.

Die Partei könnte die Chance nutzen und eine Person aufbauen, die als Präsident an Statur und Bekanntheit gewinnt. Erst recht, weil sie in absehbarer Zeit wohl auch ihre beiden Bundesratssitze neu besetzen muss.

Das Ende der Ära Blocher naht

Klar ist: Der oder die Neue wird die Partei in einer entscheidenden Phase übernehmen. Angesichts der neuen Mehrheitsverhältnisse im Parlament wird er schärfere Töne anschlagen und angriffige Abstimmungskämpfe führen müssen. Die SVP sollte «referendumsfähiger werden», sagte Christoph Blocher nach der Wahlniederlage.

Der neue Parteichef wiederum könnte einer der letzten sein, der unter dem Übervater und Chefstratege wirkt. Noch ist die Ära Blocher nicht vorbei. Das zeigte sich etwa, als dieser im Frühjahr in Zürich dafür sorgte, dass die Führung der Kantonalpartei ihren Hut nehmen musste. Aber die Zeitenwende hat bereits begonnen, der unterdessen 79-Jährige rückt schrittweise in den Hintergrund.

Blocher verstand es stets, nationalkonservative Standpunkte mit einer neoliberalen Wirtschaftspolitik zu verbinden – ein Unikum im rechten Parteienspektrum Europas. Für eine entsprechende Politik steht der «Weltwoche»-Verleger Roger Köppel (ZH), aber auch Blochers Tochter und Ems-Chemie-Chefin Magdalena Martullo (GR).

Die beiden Nationalräte kämen als Unternehmer aber kaum für das zeitaufwändige Amt an der Parteispitze in Frage. Ihnen dürfte es überdies schwer fallen, die Parteiflügel zusammenzuhalten.

Immer wieder fällt der Name von Nationalrat Thomas Matter (ZH). Der 53-Jährige prägt die wirtschaftspolitische Ausrichtung der SVP, deren Finanzchef er auch ist. Gleichwohl versteht es der Banker und Multimillionär auf seinem erfolgreichen Youtube-Kanal («In den Sümpfen von Bern»), leidenschaftlich gegen das «Polit-Establishment» zu poltern.

Auch in der Fraktion gebe er regelmässig den Tarif durch, berichten SVP-Politiker hinter vorgehaltener Hand. Allerdings ist er im ländlichen Milieu kaum verankert. Ob sich Matter für den Präsidentenposten interessiert, ist offen. Für eine Stellungnahme war er bisher nicht erreichbar.

Mike Egger als Coup?

Vielleicht kommt es bei der SVP auch zu einer faustdicken Überraschung. So wie einst mit Toni Brunner, der anfänglich als Bauer von Blochers Gnaden belächelt worden war und als Präsident zum Ausnahmepolitiker avancierte?

Der Nachfolger des St. Gallers im Nationalrat ist Mike Egger, ein Typ «gmögige Frohnatur» mit rhetorischer Beschlagenheit und sicherem Instinkt für brennende Themen, wie Parteikollegen betonen. Der erst 27-jährige Metzgermeister ist ein Mann der Parteilinie, aber kein Rechtsaussen.

Auf Anfrage verweist Egger zuerst auf die «hervorragende Arbeit von Albert Rösti», um dann zu erklären: «Sag niemals nie.» Würde er für das Amt des Präsidenten angefragt werden, werde er sich dies überlegen. Egger spricht von einer «extrem interessanten Aufgabe».

Die SVP verfüge über viele mögliche gute Kandidierende, betont er. «Es braucht jemanden, der Knochenarbeit in den Kantonen leistet, mit Begeisterung hin steht und die Partei vorwärtsbringt.» Egger jedenfalls wäre der bisher jüngste Präsident einer der grossen Parteien – ein Coup für die SVP.

Aeschi und Grüter sagen ab, Sollberger überlegt noch

Stramm auf Blocher-Kurs politisiert Nationalrat Thomas Aeschi (ZG), der sich jedoch bereits aus dem Rennen genommen hat. Er wolle sich auf sein Amt als Fraktionschef konzentrieren. Ebenfalls nicht zur Verfügung steht Nationalrat Franz Grüter (LU). Er gilt als volksnah und kompromissorientiert, pflegt aber auch gute Beziehungen zu Blocher.

Als mögliche Anwärter nennt Grüter Politiker, «die gleichzeitig integrierend wirken und verschiedenste Bevölkerungsschichten ansprechen können.» In diese Kategorie fallen laut ihm etwa die Nationalräte Sandra Sollberger (BL), Marcel Dettling (SZ) oder Christian Imark (SO).

Mit Sandra Sollberger könnte die grösste Partei erstmals von einer Frau geführt werden. Die 46-jährige Malermeisterin ist in Gewerbler-Kreisen und im ländlichen Gebiet verankert, sie wirkt im Parteileitungsausschuss und vertrat Noch-Präsident Rösti immer mal wieder bei Auftritten. «Ich werde mir in den nächsten Wochen in aller Ruhe und ergebnisoffen überlegen, ob für mich eine Kandidatur in Frage kommt», sagt Sollberger und zitiert eine Passage des Baselbieterlieds: «Mir wei luege».

Über ein ähnliches Profil verfügt Marcel Dettling. Dem 38-Jährigen Mitglied des Parteileitungsausschusses haftet intern das Label «Leistungsträger» an, hervorgetan hat er sich als Agrarpolitiker. Sein nationaler Bekanntheitsgrad ist jedoch noch geringer als jener von Sollberger. Gleiches gilt für Christian Imark. Der 37-Jährige macht vor allem als Energiepolitiker von sich reden, wie kein zweiter kämpfte er gegen ein strengeres CO2-Gesetz. Die beiden Nationalräte haben sich bisher nicht zu ihren Ambitionen geäussert.

Über die Nachfolge von Albert Rösti will die SVP an ihrer Delegiertenversammlung am 28. März 2020 in Basel entscheiden.