WETTBEWERB: Landeshymne: Mehr als 200 Vorschläge

Die Schweizerische Gemein­nützige Gesellschaft will eine neue Landeshymne installieren. Im nächsten Jahr wird in einer TV-Show der Siegerbeitrag erkoren. Das letzte Wort könnte aber das Volk an der Urne haben.

Kari Kälin
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«Ich würde eine Volksabstimmung über die neue Hymne begrüssen», sagt SGG-Geschäftsleiter Lukas Niederberger. (Bild: Remo Naegeli / Neue LZ)

«Ich würde eine Volksabstimmung über die neue Hymne begrüssen», sagt SGG-Geschäftsleiter Lukas Niederberger. (Bild: Remo Naegeli / Neue LZ)

Mit der spielerischen Leistung konnte die musikalische Darbietung nicht mithalten. Beim Singen der Landeshymne an Weltmeisterschaften brillieren Shaqiri und Co. weniger als mit dem Ball am Fuss.

Vielleicht liegt es ja am Schweizer Psalm. In den Augen der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) jedenfalls ist dieser «sprachlich sperrig», nur wenige Schweizer würden ihn kennen. In der aktuellen Version («Trittst im Morgenrot daher») werde die Schweiz nicht in ihrer heutigen politischen Vielfalt abgebildet, kritisiert die SGG. Deswegen lancierte sie einen Wettbewerb für eine neue Landeshymne, die «mit mehr Freude und Begeisterung gesungen werden» soll. Am 30. Juni war Einsendeschluss. 208 Textbeiträge aus allen Landesteilen, sogar 10 auf Rätoromanisch, sind bei der SGG eingegangen, wie sie gestern mitteilte.

Die Melodie muss nicht zwingend anders sein, die dazugehörigen Zeilen aber schon: Der moderne Text hat sich an der Präambel der Bundesverfassung zu orientieren, in der Werte wie Freiheit und Demokratie, Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt sowie Vielfalt in der Einheit festgehalten sind.

Vorschlag für den Bundesrat

Eine rund 30-köpfige Jury mit Persönlichkeiten aus Politik, Sport und Kultur wird noch vor Jahresende zehn Beiträge aussortieren. Diese werden danach in alle Landessprachen übersetzt, professionell interpretiert und im Frühjahr 2015 auf bekannte Internetseiten aufgeschaltet, worauf jedermann in einer Onlineabstimmung seinen Favoriten küren kann. Die drei meistangeklickten Beiträge schaffen es ins öffentliche Finale, das im September 2015 am Eidgenössischen Volksmusikfest durchgeführt werden soll. In einer Übertragung des Schweizer Fernsehens werden die neuen Landeshymnen dem ganzen Land präsentiert. Via Internet, SMS und Telefon können die Zuschauer die Siegerhymne wählen. Darauf – der genaue Zeitpunkt ist noch nicht bekannt – wird die SGG dem Bundesrat den Siegerbeitrag als Vorschlag für die künftige Nationalhymne unterbreiten. Die Landesregierung kann nachher frei entscheiden, was sie damit tun will.

Wie ein Tempo-Nastüchlein

Gar nichts anfangen mit einer neuen Hymne kann der Nidwaldner SVP-Nationalrat und «Weltwoche»-Journalist Peter Keller. Die Einleitung zur Bundesverfassung lese sich wie ein Bewerbungsschreiben für eine Sozialarbeiterstelle und sei so austauschbar wie ein Tempo-Nastüchlein, sagt er. Neu solle ein von der SGG definierter internationalistischer Zeitgeist besungen werden, schrieb er in der «Weltwoche». Keller forderte den Bundesrat in einer Motion dazu auf, eine allfällige neue Hymne dem Parlament vorzulegen als referendumsfähigen Beschluss. Das Volk soll also das letzte Wort haben.

Der Bundesrat lehnt Kellers Vorstoss zwar ab. Er sicherte aber immerhin zu, dass er eine neue Hymne nicht ohne Konsultation des Parlaments einführen werde. Wie sich der Bundesrat zu einer neuen Landeshymne stellt, will er aber erst verraten, wenn der Vorschlag tatsächlich auf seinem Tisch liegt.

SGG weist Kellers Kritik zurück

Lukas Niederberger ist Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft. Peter Kellers Grundsatzkritik weist er zurück. Anfreunden kann er sich aber mit der Idee eines Urnengangs. «Ich würde eine Volksabstimmung über die neue Hymne begrüssen», sagt Niederberger. Die SGG wünsche, dass sich das Volk inhaltlich mit der Präambel der Bundesverfassung und dem neuen Text der Hymne auseinandersetze.

Ab wann und ob überhaupt je die Schweizer ihre patriotischen Gefühle tatsächlich anders intonieren werden, ist noch völlig offen. Vielleicht wird die aktuelle Hymne in einer allfälligen Abstimmung bestätigt. Und womöglich treten die helvetischen Fussballer auch 2018 in Russland leichter gegen den Ball als im Morgenrot daher.