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WHATSALP: Auf Wallfahrt für den Alpenschutz

Zwei Schweizer Geografen durchwandern diesen Sommer die Alpen von Ost nach West. Sie sind 1800 Kilometer unterwegs in einer politisch-wissenschaftlichen Mission.
Thomas Wunderlin
Die Whatsalp-Wanderung führt von Wien bis nach Nizza. Der Weg führt dabei auch über die Schweizer Alpen (im Bild). (Bild Getty/Grafik LZ)

Die Whatsalp-Wanderung führt von Wien bis nach Nizza. Der Weg führt dabei auch über die Schweizer Alpen (im Bild). (Bild Getty/Grafik LZ)

Thomas Wunderlin

Anfang Juni gehen Dominik Siegrist und Harry Spiess ins Gebirge. In vier Monaten wollen die beiden Geografieprofessoren die Alpen von Wien nach Nizza durchwandern und dokumentieren. Zunächst mutet die Landschaft wenig alpin an. Es geht bei Sonnenschein an Schloss Schönbrunn vorbei in die sanften Hügel des Wienerwalds. Dort zeigt sich jedoch bereits ein Problem des ganzen Alpenraums: Die Abwanderung der Bauern und die Verwaldung der Wiesen.

Siegrist und Spiess wollen den Zustand der Alpen mit jenem vor 25 Jahren vergleichen. Damals, 1992, sind sie schon einmal von Wien nach Nizza gewandert, begleitet vom inzwischen verstorbenen Journalisten Jürg Frischknecht. Das Ziel ihrer Transalpedes genannten Tour war die Vernetzung der Bürgerinitiativen, die sich irgendwo im Alpenbogen für den Erhalt eines Tals, gegen den Bau einer Autobahn oder ein Kraftwerk engagierten. Dokumentiert wurde ihre Tour damals in einem Buch, aus dem die erfolgreiche Wanderbuch-Reihe des Zürcher Rotpunktverlags hervorging. Über ihre aktuelle Tour namens Whatsalp ist kein Buch geplant. Stattdessen berichten Siegrist und Spiess fortlaufend auf einer Website von ihrer Tour (siehe Kasten).

Bloggen während der Wanderpausen

Der 60-jährige Dominik Siegrist leitet heute das Kompetenzzentrum Infrastruktur und Lebensraum der Fachhochschule Rapperswil. Der kontaktfreudige Zürcher diskutiert unterwegs gern mit den Mitwanderern, sofern welche dabei sind. Während der Pausen bloggt er. Der 58-jährige Harry Spiess unterrichtet an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften in Winterthur das Fach Energie und Umwelt. Der meist gut gelaunte Aargauer interviewt Informanten mit einer Go-Pro-Kamera.

Siegrist und Spiess lassen sich in Mayerling von einem Mitarbeiter des Unesco-Biosphärenparks Wienerwald von den Schwierigkeiten berichten, die Existenz des Parks seinen 750 000 Bewohnern bewusst zu machen. Die Naturpärke, von denen es in Österreich 48 gibt, bezwecken den Erhalt der Artenvielfalt in den Bergen, die sich dank der traditionellen nachhaltigen Bewirtschaftung der Alpen entwickeln konnte. Sie bedeuten für die Landwirtschaft Einschränkungen, aber auch neue Chancen. Naturpärke fördern mit staatlichen Mitteln die regionale Wertschöpfung und die Vermarktung regionaler landwirtschaftlicher Produkte wie Säfte, Schnäpse, Konfitüre und Fleisch. In der Schweiz gibt es mittlerweile 17 Naturpärke.

Früher ein Grüner, jetzt ein Schwarzer

Bei den Muggendorfer Myrafällen erzählt die Wirtin Sissi Hollinger, wie sie sich mit Tagestourismus über Wasser hält. Ihr Hotel führt sie nebenher, ohne darin zu investieren. Entsprechend abgewohnt wirken die Hotelzimmer. Die Zeiten sind vorbei, als Wiener Familien ihre Ferien in Muggendorf verbrachten. Wer hier absteigt, befindet sich meist auf einer Wallfahrt ins steirische Mariazell. Die Schweizer Geografen erreichen den Pilgerort am 9. Juni. Auch sie legen mit ihrer Tour ein Bekenntnis ab, nämlich das für Langsamverkehr, nachhaltigen Tourismus und Klimaschutz.

Nach einer Diskussionsrunde über nachhaltigen Tourismus in Niederösterreich schliesst sich der 72-jährige Mitterbacher ÖVP-Gemeinderat Herbert Gross einen Tag lang der Wandergruppe an. Als Geschäftsführer hatte er das lokale Skigebiet mit Schneekanonen bestückt. Siegrist weist sarkastisch auf den Unterschied zu 1992 hin: «Damals hätte uns ein Grüner begleitet, heute kommt ein Schwarzer mit.» Nach Siegrists Meinung werden sich viele Skigebiete in den Alpen auch mit Schneekanonen nicht vor der steigenden Schneegrenze retten. Auch liege Skifahren nicht mehr im Trend. «Für Skigebiete geben die Grossbanken keine Kredite mehr.»

Die Boulevardzeitung «Kurier» ­berichtet Mitte Juni unter dem Titel «Wandern für die Wissenschaft» über Whats­alp. Der wissenschaftliche Anstrich kommt daher, dass die Startmedienkonferenz von der österreichischen Akademie der Wissenschaften veranstaltet worden ist. «Natürlich ist Whats­alp kein wissenschaftliches Projekt», kommentiert Spiess. Sie würden jedoch am Ende der Wanderung die relevanten Forschungsfragen stellen können. Siegrist bezeichnet Whatsalp als roten Faden, der es den lokalen Initiativen ermög­lichen soll, öffentliche Aufmerksamkeit für ihre Anliegen zu gewinnen.

Parkhaus oder Kulturzentrum

Einen geografischen Höhepunkt erreichen Siegrist und Spiess Anfang Juli nahe dem Grossglockner, dem höchsten Berg Österreichs. Der damalige Direktor der mautpflichtigen Panoramastrasse hatte 1992 gegenüber Transalpedes angekündigt, das Parkhaus auf der Franz-Josefs-Höhe werde bis 2005 in ein Kulturzen­trum umgewandelt. Denn auf der Zufahrt stauten sich Autos und Reisebusse. Wegen des neuen Andrangs aus Osteuropa wurden in den 1990er-Jahren 1,25 Millionen Besucher pro Jahr gezählt. Zukünftig sollten sie nur noch mit den ­Pendelbussen zur Franz-Josefs-Höhe kommen. Heute steht das Parkhaus noch, ein Kulturzentrum ist angebaut. Sein Vorvorgänger sei politisch gebremst worden, kommentiert der jetzige Direktor, Johannes Hörl. Das Stauproblem hat sich von allein gelöst, da die Besucherzahlen auf 850 000 pro Jahr gesunken sind.

Aus Anlass der Whatsalp-Tour verabschiedet am 7. Juli eine Versammlung österreichischer und italienischer Gemeindepräsidenten im Osttiroler Silian eine Resolution gegen den Bau der geplanten Alemagna-Autobahn. Italienische Wirtschaftsvertreter fordern seit Jahrzehnten eine bessere Verbindung nach Bayern. Jetzt wird eine Linien­führung via Osttirol und Felbertauern ­er­wogen. Die Resolution erinnert an die Alpenkonvention, die den Bau neuer Alpentransversalen untersagt.

Kampf gegen Tourismusresort in Andermatt

Mitte Juli erreichen Siegrist und Spiess in Münster die Schweiz. An der Vernissage eines Orchideenbuchs beklagt der Autor Beat Wartmann die Überdüngung des Münstertals. Er bedauert, die Whats­alp-Wanderer nicht zu einer Exkursion einladen zu können; im Talgrund seien kaum Orchideen zu finden.

Siegrist ist ehemaliger Präsident der Cipra, des Dachverbands der Umweltverbände der Alpenländer. 2008 wurde er als Kritiker des Ferienresorts des ägyptischen Investors Samih Sawiris in Andermatt bekannt. Mit seinen 1000 Angestellten, teilweise aus dem Nahen ­Osten, sei die Ferienanlage für das Bergdorf mit 1300 Einwohnern nicht zu verkraften. Er werde lokale Angestellte ­rekrutieren, gab Sawiris zurück. Wenn sie das Urserental Anfang August passieren, nehmen die Whatsalp-Wanderer ­einen Augenschein in Andermatt.

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