Wie das Horn wegbrennt

Rund 200000 Kälbern lassen die Schweizer Bauern jedes Jahr die Hörner entfernen. Was dabei im Stall abläuft.

Yann Schlegel
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Leika ist hornlos geboren. Das rund drei Wochen alte Kälblein wurde durch einen Samen gezeugt, bei dem das Horn-Gen nicht ausgebildet ist. Tierärztin Sandra Gloor greift dem zierlichen Jungtier an das Stirnbein, wo üblicherweise die Hornknospen wachsen. «Nichts», sagt sie. Leika wird eine mittelgrosse Milchkuh werden, die Bauer Alois Huber in seine 60-köpfige Herde eingliedern will. Der Aargauer SVP-Grossrat begann vor zwei Jahren, hornlose Kälber der Kuhrassen Swiss Fleckvieh und Limousin heranzuzüchten. Es sei jedoch ein langer Prozess, erzählt Huber, bis ein reinerbiger Stier ohne Horngen gezüchtet sei.

Noch kommt in der Schweiz die Mehrzahl der Kälber mit Hörnern zur Welt. So auch das noch namenlose frischgeborene Muneli, das auf dem Bauernhof hinter dem Schloss Wildegg neben Leika im knöcheltiefen Stroh steht. Seine Lebenszeit ist vordefiniert. In rund zwei Jahren wird er – dann als kräftiger Maststier – geschlachtet und im Detailhandel als Bio-Weidebeef verkauft. Die Mastkälber gibt Huber weiter, sobald sie rund fünf Monate alt sind. Er beschränkt sich auf die Milchproduktion.

Trotz der kurzen Lebensdauer nimmt Huber dem Stier die Hörner. Hier geschieht, worüber die Schweiz vor der Abstimmung über die Hornkuh-Initiative spricht, die Subventionen für Bauern verlangt, die Kühen den Kopfschmuck belassen. «Das Muneli enthorne ich nur, weil es der andere Bauer wünscht», sagt Huber. Der Abnehmer wolle dies, da es den Umgang mit einem über 400 Kilogramm schweren Stier erleichtere.

Sie haucht dem Tier ein «Schätzu» ins Ohr

Während Leika scheu in einer Ecke steht und die Szene beobachtet, hält Huber den kleinen namenlosen Stier fest. Tierärztin Sandra Gloor kommt mit Nadel und Spritze herbei. «Spürst du hier das Hörnchen?», fragt Alois Huber. Knapp zwei Dutzend Kälber enthornt die Tierärztin jedes Jahr auf Hubers Bio-Hof. Obwohl er als Bauer nach einem Kurs selbst enthornen könnte, komme dies für ihn nicht in Frage. «Es ist eine Routineangelegenheit», sagt Huber. Deshalb vertraue er seiner Tierärztin. «Sandra, wie oft enthornst du pro Jahr – 100 Mal?», fragt Huber. «Weit über hundert», sagt sie. Sie haucht dem Kalb mit sanfter Stimme ein beruhigendes «Schätzu» ins Ohr. Gloor trifft mit der Nadel den Hals, spritzt ein Betäubungsmittel und verabreicht dem Tier auch ein Schmerzmittel, das zwei Tage wirken soll.

Binnen Sekunden verliert das Kalb den Halt und hebt noch ruckartig eines seiner vier Beine, um im Stroh letzte Schritte zu nehmen. Dann wird es übermannt, die Funktionen des zentralen Nervensystems sind gedämpft. Die Augenlider des Kalbes werden schlaff, dann legt sich das Tier aufs Stroh. Es atmet ­ruhig, nur die Ohren zucken noch.

Mit 600 Grad werden die Knospen weggesengt

Huber rasiert die Haare um die Hörnchen weg. «Damit es weniger stark riecht und weniger Haare verbrennen», sagt Tierärztin Gloor. Mit zwei weiteren Spritzen betäubt sie auf beiden Seiten den Hornansatz. Dann greift die Tierärztin zum Brennstab mit schwarzem Plastikgriff. Dessen Eisenkopf ist inzwischen auf 600 Grad erhitzt worden. Sie kniet sich neben dem regungslosen Stier nieder und brennt die aus der Distanz unsichtbaren Hornknospen mit Kreisbewegungen aus. Horn und übrig gebliebenes Haar versengen, leichter Rauch steigt auf, es riecht nach verbranntem Haar. Zurück bleibt eine kleine Wunde, die Bauer Huber desinfiziert.

Patrizia Andina von der Geschäftsstelle der Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST) sagt: «Bei der korrekten und frühzeitigen Enthornung wird die Blutzufuhr von der Hornanlage abgeschnitten. Die Hornanlage stirbt nachher ab.» Der Verband befürchtet, eine Annahme der Initiative würde dazu führen, dass Bauern wieder mehr Anbindeställe bauen, wie sie früher üblich waren. «Wir gewichten die Laufstallhaltung höher als die Behornung der Kühe», sagt Andina. Darum spricht sich die Tierarzt-Gesellschaft gegen die Hornkuh-Initiative aus. Kurz nach der Abstimmung soll jedoch eine Studie der Universität Bern erscheinen, welche die Schmerzen als Folge der Enthornung bei Kälbern untersucht (siehe Text rechts). «Je nach Ergebnis muss die künftige Praxis des Enthornens diskutiert werden», sagt Andina.

Nach der Enthornung hebt der kleine Stier den Kopf. Will gar aufstehen, sackt aber gleich wieder zu Boden. «Ich lege ihn richtig hin», sagt Alois Huber und stützt das Tier seitlich mit Stroh. Für den Landwirt beginnt in den Tagen nach der Enthornung die Kontrolle. Über der Wunde wird sich eine Kruste bilden. Darunter würden sich vielmals Fliegen einnisten, erzählt er. Deshalb müsse er die Kruste regelmässig entfernen. «Es geht extrem schnell, und die Maden fressen sich ins Fleisch vor», sagt Huber.

Aller Bedenken zum Trotz empfindet der Aargauer die Enthornung als unproblematisch. Die Alternative wäre wirtschaftlich unattraktiv. «Ich müsste meinen Viehbestand um rund einen Drittel verringern, wenn ich mich gegen das Enthornen entscheiden würde», sagt der SVP-Kantonspolitiker. Die Hornkuh-Initiative lehnt er ab, weil Direktzahlungen nicht über eine Verfassungsänderung geregelt werden sollen. Dennoch kommt er ein wenig ins Schwärmen, wenn er über Armin Capaul spricht, der die Initiative beinahe im Alleingang stemmte: «Er war ja fast gezwungen, eine Volksinitiative zu lancieren.»