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Wie Globi vom politisch unkorrekten Bengel zum Demokratie-Erklärer wurde

Die Parlamentsdienste nutzen das Schnabeltier zusehends als Maskottchen. Die wundersame Wandlung einer Schweizer Kultfigur – vom politisch unkorrekten Bengel zum Demokratie-Erklärer.
Sven Altermatt
Globi war die Hauptattraktion am diesjährigen Familientag im Bundeshaus. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

Globi war die Hauptattraktion am diesjährigen Familientag im Bundeshaus. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

Konkordanz? Zweikammersystem? Bundesverfassung? Hilfe! Solche Ausdrücke können Kinder ganz schön abschrecken. Kein Wunder: Politik ist gemeinhin kompliziert, so ein richtiges Erwachsenen-Dingsbums eben. Doch zum Glück gibt es in der Schweiz eine neue Allzweckwaffe, um Kindern die Politik näherzubringen – Globi. Innert kürzester Zeit ist er zum Demokratie-Erklärer schlechthin aufgestiegen.

Halb Mensch und halb Papagei, zählt Globi noch immer zu den beliebtesten Kinderfiguren der Deutschschweiz. Er ist ein fester Teil des helvetischen Kulturguts. Globi ist unterdessen 87 Jahre alt (und wurde ursprünglich als Werbefigur für die Ladenkette Globus konzipiert, aber das ist eine andere Geschichte).

Auf seine alten Tage hin wird Globi tatsächlich zum Maskottchen der Schweizer Demokratie. Im vergangenen Herbst kam der Band «Globi und die Demokratie» in die Buchläden. Das blaue Schnabelwesen mit der Baskenmütze und der karierten Hose habe schon vieles erlebt, schwärmte der damalige Nationalratspräsident Dominique de Buman bei der Buchpräsentation. «Aber Globi hat sich noch nicht dem grössten Abenteuer gestellt: dem der Demokratie.»

Demokratie als Abenteuer

Aber natürlich, die Demokratie ist ein grosses Abenteuer, ja das grösste aller Abenteuer. Auf eine detaillierte Aufzählung – von A wie All, über P wie Polizei bis Z wie … –, was Globi sonst schon alles erlebt hat, sei hier verzichtet. Bei seinem Besuch im Bundeshaus jedenfalls setzt sich Globi auf die Tribüne des Nationalrats, hört aufmerksam zu und spricht pflichtschuldig von einer «interessanten Debatte». Globi sei halt ein «braver Langweiler geworden», meinte der Ausserrhoder FDP-Ständerat Andrea Caroni im Herbst.

Und dieser brave Langweiler also darf nun regelmässig den Kindern die Demokratie näher bringen. Bisheriger Höhepunkt: Anlässlich des Internationalen Tages der Familie wurde das Bundeshaus kürzlich mit speziellen Angeboten für Kinder geöffnet. Auf sie wartete, so frohlockten die Parlamentsdienste mit Ausrufezeichen, «ein ganz besonderer Gast: Globi!» Die kleinen Besucher konnten sich mit ihm fotografieren lassen und sich nebenbei die Politik in altersgerechter Sprache erklären lassen. Im Bundeshaus-Café bekamen sie gratis einen Sirup. Und in der Kuppelhalle gab es natürlich gleich noch das kürzlich erschienene Buch zu kaufen.

Die Kinder konnten sich mit Globi fotografieren lassen. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

Die Kinder konnten sich mit Globi fotografieren lassen. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

Soldat, Patriarch und Lobbyist

Globi hat eine wundersame Wandlung hinter sich. Die frühen Globi-Bücher sind teilweise politisch unkorrekt – oder milder ausgedrückt: ein Spiegelbild ihrer Zeit. Im Band «Freund Globi im Urwald», erschienen 1950, findet sich das Kapitel «Neger in Sicht». Mal schoss Globi auf Geflügel, mal band er Kühen den Schwanz zusammen, mal schlug er auf Mitmenschen ein.

In den 1970er-Jahren geriet er als frauenfeindlicher Patriarch in Verruf. Bereits während des Zweiten Weltkrieges erschien «Globi wird Soldat», das Schnabelwesen gab in dem Band den geistigen Landesverteidiger («Schart euch, Schweizer, um die Fahnen»). Während des Kalten Kriegs sollte er «noch weitere staatstragende und identitätsstiftende Rollen übernehmen», wie es der Historiker und Autor Urs Hafner formulierte.

Von seinen Ausflügen ins Bundeshaus einmal abgesehen, mischt sich Globi heute vor allem dann in die Politik ein, wenn er dafür bezahlt wird. Immer wieder wird er zum Lobbyisten, der Kinder von der Sache seiner Auftraggeber zu überzeugen versucht. Im 2017 erschienenen Buch «Globi und die Energie» etwa wirbt er für die Energiewende. Angeregt wurde das Werk von einem Toggenburger Verein, das Bundesamt für Energie steuerte für die Produktion über 50'000 Franken bei. Der St. Galler Rechtsprofessor Peter Hettich kritisierte das Buch in dieser Zeitung: Globi mutiere darin zu einem «Sprachrohr des Staates».

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